E-Highway für Laster

Oberleitungen für die Autobahn

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Die erste kommerzielle Strecke soll in Kalifornien entstehen, und zwar schon 2013.

Lkw-Verkehr ist eine Hauptquelle aller Umweltbelastungen. Siemens entwickelt jetzt ein Oberleitungssystem für Laster, das Autobahnen elektrifizieren soll.

Jahrzehntelang war Templin, nördlich von Berlin, größter Militärflugplatz der DDR. Heute wird dort die Zukunft des Fernlastverkehrs in Deutschland erprobt, was auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig aussieht. Ein Oberleitungssystem wie bei Zügen oder Straßenbahnen spannt sich über eine 1,7 Kilometer langen Teststrecke. Darunter surren 18-Tonner mit Stromabnehmern dahin. „Es ist unumgänglich, den Lkw zu elektrifizieren“, glaubt Roland Edel.

Er ist Technologiechef der Siemens-Mobilitätssparte und für das vom Bund seit zwei Jahren geförderte Elektroprojekt verantwortlich. Wenn es nach ihm geht, erhalten Autobahnen bald Oberleitungen, die Hybrid- Lkws mit Strom versorgen und sie klimafreundlich antreiben. Wenn Deutschland die ausgegebenen Klimaziele erreichen will, muss sich beim Schwerlastverkehr etwas tun. Darüber sind sich alle Experten einig. Eine Lösung hat aber bislang noch niemand gefunden. Fast ein Drittel aller Schadstoffemissionen des Verkehrs verursachen Lastwagen. Zudem wird dem Güterverkehr bis 2050 in Deutschland mehr als eine Verdoppelung vorausgesagt.

Neue Technik: Laster an der Oberleitung

Laster an der Oberleitung

Durch Optimierung der Logistikströme und Verlagerung auf die Schiene allein ist das Umweltproblem Lkw nicht zu lösen, sagen die Experten des Sachverständigenrats für Umweltfragen. Sie setzen ebenfalls auf die Oberleitungs- Lkw. Sinnvoll sei es, die rechte Spur der am stärksten von Lastwagen befahrenen 5700 Autobahnkilometer zu elektrifizieren. Das würde gut 14 Milliarden Euro kosten, was aus der Lkw- Maut oder von Stromnetzbetreibern finanziert werden könnte.

Die erste kommerzielle Strecke der von Siemens eHighway genannten Technologie könnte allerdings in der Nähe der US-Metropole Los Angeles entstehen. 35 000 Lkw dieseln dort heute täglich zwischen Hafen und Verteilzentren im Hinterland. Zur Umweltentlastung elektrifiziert werden soll dort der als Hauptader dienende, 30 Kilometer lange Highway 710. Die Smogkontrollbehörde von Los Angeles hofft auf einen Startschuss schon 2013.

Bei großen Lkw-Herstellern reagiert man skeptisch. „Der Aufbau der Infrastruktur ist unglaublich aufwendig“, heißt es in ihrem Kreis. Die Probleme mit dem Mautsystem Tollcollect hätten gezeigt, dass auch im Hightechland Deutschland nicht jede neue Technologie funktioniert. Um einen echten Umwelteffekt zu haben, müsse es zudem viele Hybridlastwagen geben, in die knapp kalkulierende Spediteure ohne Anreiz kaum im großen Stil investieren würden. „Das ist eine Schnapsidee, wir geben dem keine Realisierungschance“, sagt die Umweltexpertin des Verkehrsclubs Deutschland, Heidi Tischmann. Auch sie verweist auf die Milliardensummen, die unter Umweltgesichtspunkten besser in einen Ausbau des Schienennetzes investiert seien. Solange immer noch Kartoffeln zum Waschen nach Polen gekarrt werden, solle auch niemand sagen, dass anschwellender Güterverkehr gottgegeben sei.

Der Bundesverband Güterkraftverkehr (BGL) reagiert indessen „vorsichtig zuversichtlich“ auf die Pläne. „Man muss alle Möglichkeiten weg vom Öl prüfen“, sagt BGL-Vize Adolf Zobel und ein Oberleitungssystem biete eine interessante Alternative. Im Betrieb sei ein Hybrid-Lkw eventuell günstiger als ein Diesellaster. Bei der Anschaffung sei möglicherweise eine Förderung nötig. Im Bundesumweltministerium, das das bislang 5,5 Millionen Euro teuere eHighway-Projekt mit 2,2 Millionen Euro mitfinanziert hat, ist man optimistisch. „Die Ergebnisse sind recht vielversprechend“, sagt ein Sprecher.

Der Grundstein für ein ökologisch orientiertes Güterverkehrskonzept ist gelegt, findet Peter Altmeiers Ministerium. „Die technische Machbarkeit ist nachgewiesen“, betont Edel. Auch die Umweltentlastungspotenziale von eHighway seien belegt. Nun werde die Technik in Richtung Serie entwickelt. Sie sei mehr als ein Zukunftsszenario und habe das Potenzial, Güterverkehre maßgeblich zu verbessern.

Von Thomas Magenheim-Hörmann

Die Technik

Technologisches Kernstück von eHighway ist ein von Siemens entwickelter, intelligenter Stromabnehmer. Er kann automatisch bis zu einer Geschwindigkeit von 90 Stundenkilometern an der Oberleitung an- und abbügeln. Ausweichen oder Überholen sind so jederzeit möglich. Andere Verkehrsteilnehmer würden nicht beeinträchtigt, verspricht Siemens. Benötigt werden aber neue Hybrid- Lkw mit Elektro- und Dieselmotor, um auf nicht elektrifizierten Strecken weiterfahren zu können.

Erste Modelle gibt es, die laut Sachverständigenrat für Umweltfragen doppelt so viel wie konventionelle Diesel-Lkw kosten. Um die Technik für Spediteure finanzierbar zu machen, schlägt der Rat ein Shuttle-System auf Mietbasis vor. Dabei handelt es sich um elektrisch betriebene Zugmaschinen, in die Diesellaster auf elektrifizierten Strecken eingehängt werden können.

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