Mythos MPU und was dahintersteckt

Bist du deppert?

Yvonne Muffert in ihrem Büro in der Nähe des Ostbahnhofs. Die promovierte Psychologin erstellt Gutachten über Menschen, die zum Beispiel nach einer oder mehreren Alkoholfahrten zu einer Medizinisch-Psychologischen Untersuchung müssen.
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Yvonne Muffert in ihrem Büro in der Nähe des Ostbahnhofs. Die promovierte Psychologin erstellt Gutachten über Menschen, die zum Beispiel nach einer oder mehreren Alkoholfahrten zu einer Medizinisch-Psychologischen Untersuchung müssen.

Wer seinen Führerschein abgeben muss, den erwartet der sogenannte Depperl-Test. Über die Untersuchung kursieren abenteuerlichste Geschichten – künftig könnte sie für viel mehr Promillesünder Pflicht werden. Zeit für einen Besuch bei einer Münchner Gutachterin und ein paar Übeltätern.

München – Der Ort der Entscheidung liegt zwei Gehminuten vom Münchner Ostbahnhof entfernt. Auf die Holztische im Empfangsbereich hat jemand Tulpen gestellt, Lüften wäre keine schlechte Idee, aber die Leute hier haben andere Dinge im Kopf. Durch die Tür von Yvonne Mufferts Büro tritt ein junger Mann, schüchternes Lächeln, zitternde Hände. Er möchte seinen Führerschein machen, aber davor muss er dieses Gespräch hinter sich bringen. Den Depperl-Test. Offiziell heißt es „Medizinisch-Psychologische Untersuchung“. Wer zur MPU einbestellt wird, muss seine Fahreignung nachweisen. Und dabei ist vor allem das psychologische Gespräch entscheidend.

Der junge Mann in Mufferts Büro, nennen wir ihn Felix, hat noch nie einen Führerschein besessen. Aber vor ein paar Jahren hat er ein Päckchen Cannabis in der Tasche gehabt und später ein Päckchen mit Pillen. Sein Fall wurde am Jugendgericht verhandelt, Felix wegen eines Drogendelikts verurteilt. Deshalb hat ihn die Führerscheinstelle zur MPU geschickt. Gutachterin Muffert steht nun vor der Frage: Ist die Drogenvergangenheit eine Jugendsünde oder der Beweis dafür, dass Felix nicht reif genug ist für die Teilnahme am Straßenverkehr?

Nervös blickt der angehende Hotelfachmann durch das Fenster im fünften Stock, während Muffert seine Antworten auf der Tastatur mitschreibt. Wann er erstmalig illegale Betäubungsmittel konsumiert habe? Wie das Gefühl gewesen sei? Wann er aufgehört habe? Ob er mal eine negative Erfahrung im Rausch gemacht habe? Am Ende wird das Gespräch, aus dem keine Details zitiert werden dürfen, fast eineinhalb Stunden gedauert haben. Für Felix sind es fast eineinhalb Stunden Anspannung. Vor der MPU hat er fünf Beratungsstunden bei einem amtlich anerkannten Verkehrspsychologen genommen, die Stunde für rund hundert Euro. Auch wegen dieser teuren Vorbereitung ist der Erfolgsdruck vor einer MPU hoch. Eine solche Beratung ist zwar nicht verpflichtend, wird aber von allen Begutachtungsstellen empfohlen. Denn noch immer ranken sich um die MPU unzählige Gerüchte. Mit ein paar Klicks landet man im Internet bei düsteren Protokollen, die beweisen sollen, wie unmenschlich die Gespräche ablaufen. Eine weit verbreitete Legende: Man bekomme den Auftrag, zwei Kugeln aufeinander zu stapeln. Berühre man auch nur eine der beiden, sei man sofort durchgefallen. Oder: Beim ersten Mal fliege man immer und auf jeden Fall durch. Alles Quatsch, sagt Yvonne Muffert.

Zwei Kugeln oder andere Gemeinheiten spielen an diesem Dienstag Anfang Februar in ihrem Büro tatsächlich keine Rolle. Als das Gespräch mit Felix zu Ende ist, zieht die Psychologin eine erste Bilanz. Es sieht ganz gut aus für den Auszubildenden, der beteuert hat, mit den damaligen Freunden inzwischen kaum noch Zeit zu verbringen, den Drogen den Rücken gekehrt zu haben. In rund zwei Wochen wird er das schriftliche Gutachten erhalten, wenn er bestanden hat, kann er sich zur Fahrprüfung anmelden.

Muffert öffnet das Fenster, Schweiß und Angst entweichen nach draußen. Die promovierte Psychologin macht den Job seit zwölf Jahren, früher beim TÜV, inzwischen seit drei Jahren als Leiterin der Avus-Niederlassung am Ostbahnhof. Avus, heißt es in feinstem Bürokratendeutsch, ist ein amtlich anerkannter Träger von Begutachtungsstellen für die Fahreignung. Yvonne Muffert hat hunderte Gutachten verfasst, jugendliche Drogendelikte wie der von Felix sind dabei eher die Ausnahme. Die meisten Menschen werden nach einer oder mehrerer Alkoholfahrten zu einer MPU verdonnert. Von bundesweit gut 91 500 angeordneten Gutachten im Jahr 2014 war fast die Hälfte auf Auffälligkeiten in Verbindung mit Alkohol zurückzuführen. Und auch wenn die Gesamtzahl der Untersuchungen in den vergangenen Jahren um rund ein Drittel gesunken ist – die Ergebnisse bleiben ähnlich. Knapp 60 Prozent bestehen die MPU, rund 35 Prozent fallen durch und gut sechs Prozent müssen zu einer weiteren Nachschulung.

Fenster wieder zu, der nächste Kandidat, nennen wir ihn Julian. Es sind meistens Männer, die bei Muffert Platz nehmen, von 90 Prozent Männeranteil ist die Rede. Auch Julians Fall ist ungewöhnlich. Der Mann aus dem bayerisch-österreichischen Grenzgebiet hat 2003 den Führerschein abgeben müssen – wegen etlicher Verkehrsverstöße und entsprechend vieler Punkte in der Flensburger Verkehrssünderdatei. Nun will er die Fahrerlaubnis wieder zurück. Nachdenklich berichtet er, wie ihm das Autofahren seinerzeit Ventil für allerlei private Probleme geworden sei. Wie er sich auf den Straßen Selbstbestätigung gesucht habe, die ihm sein damaliges Leben verwehrte. Wie ihn ein langjähriger Auslandsaufenthalt erwachsen gemacht habe.

„Warum sollten wir davon ausgehen, dass Sie sich nun besser an die Regeln halten?“, fragt Muffert.

„Ich fühle mich viel gefestigter. Habe keine emotionalen Schwankungen mehr. Ich sehe keinen Grund, irgendeinen Blödsinn zu machen.“

„Wie würden Sie einen guten Verkehrsteilnehmer beschreiben?“

„Rücksichtsvoll. Nicht egoistisch. Man muss auf der Straße in Wir-Form denken.“

Julian wird ziemlich sicher bald wieder Auto fahren dürfen, weil er verstanden hat, was bei einer MPU wichtig ist. Es geht in der Regel nicht darum, sich in den Staub zu werfen und wortreich Abbitte zu leisten. Sondern darum, einen Schritt hinter das eigene Handeln zurückzutreten und entsprechende Konsequenzen für die Zukunft zu ziehen. „Geprüft werden Verhaltensänderungen“, sagt Muffert. „Davon ist die letztliche Entscheidung abhängig.“ Das muss nicht auf Anhieb klappen. Was viele nicht wissen: Wer nicht besteht, muss das negative Gutachten nicht bei der Führerscheinstelle vorlegen. Die MPU-Stelle leitet das Ergebnis nicht weiter, sondern unterliegt sogar einer Schweigepflicht.

Weil manche dem Irrglauben aufsitzen, dass die Gespräche dem immer gleichen Ablauf folgen, bietet die MPU-Welt auch reichlich Platz für Betrüger und Abzocker. Sündhaft teure Wochenendseminare für tausend Euro oder mehr, hundert Prozent Erfolgsquote, Geld-zurück-Garantie. Bei Yvonne Muffert saß mal eine junge Frau aus Niederbayern, die im Zungenschlag ihrer Heimat freundlich grüßte. Nach der ersten Frage wechselte sie plötzlich ins Hochdeutsche – und betete auswendig gelernte Antworten herunter. Als Muffert nachhakte, brach die junge Frau schließlich zusammen.

Manche MPU-Kandidaten werden auch selbst zu Betrügern – vorwiegend beim medizinischen Teil der Untersuchung. Eigentlich geht es dabei darum, mit einem Arzt eine mögliche Krankheitsgeschichte zu durchleuchten, Alkoholismus oder Drogenmissbrauch zu erkennen. Beim Urintest aber kommt es mitunter zu filmreifen Szenen. In den Hauptrollen: Geschlechtsteile aus Plastik und Beutel mit künstlichem Urin. Letztere gibt es problemlos im Netz zu bestellen, 20,95 Euro für zwei Beutel à 25 Milliliter. Gauner sind seit jeher auch erfinderisch.

Eine gute Idee sind diese illegalen Tricks freilich nicht. Bei der Urinabgabe steht eine Aufpasserin oder ein Aufpasser direkt neben einem, statt Fliesen sind auf der entsprechenden Höhe mitunter Spiegel angebracht. Und die Psychologen sind geschult darauf, inszenierte von ehrlichen Antworten zu unterscheiden.

Inzwischen ist es früher Nachmittag, ein Mann Anfang 20 betritt Mufferts Büro. Im Suff ist er in sein Auto gestiegen und ein paar Meter gefahren, bevor ihn die Polizei angehalten hat. Knapp zwei Promille Alkohol im Blut. Cocktails habe er getrunken, dazu Schnäpse, vielleicht zehn. Dabei vertrage er Schnaps überhaupt nicht. „Hm“, sagt Muffert.

Bisher sind die Promillewerte, ab denen eine MPU zwingend vorgeschrieben ist, ziemlich hoch. In den meisten Bundesländern liegt der Wert bei 1,6 Promille, in manchen bei 1,1. In Bayern ist die Rechtslage derzeit nicht eindeutig, ein Urteil sorgte zudem für Wirbel (siehe Kasten). Für viele Beobachter ist klar: Auch wer mit einem Wert von 0,9 oder 0,7 Promille ins Auto steigt, ist eine Gefährdung für andere Verkehrsteilnehmer. Vielleicht macht es auch in diesen Fällen Sinn, die Hintergründe dieser Menschen zu beleuchten.

Zurück zum Zwei-Promille-Mann, nennen wir ihn Timo, der die Psychologin vor eine schwierige Entscheidung stellt. Nach dem Vorfall trinke er jetzt gar nicht mehr, sagt er. Die entsprechenden Ergebnisse der Urintests liefert Timo gleich mit. Anders als bei Drogendelikten sind diese Abstinenznachweise bei Alkoholvergehen nur bei klaren Hinweisen auf schweren Missbrauch gefordert – schaden tun sie aber in keinem Fall. Problematisch ist bei Timo etwas anderes: An ein weiteres aktenkundiges Fahren unter Alkoholeinfluss, keine fünf Jahre her, kann er sich erst nach mehreren Nachfragen erinnern. In der Aufregung vergessen? Vorsätzlich verschwiegen?

„Diese Entscheidung muss ich ein paar Tage liegen lassen“, sagt Muffert im Anschluss. An der Wand in ihrem Büro hängt eine Collage mit Bildern aus den USA. Wenn Felix, Julian, Timo und die anderen den Kopf ein Stück zur Seite drehen, sehen sie ein Foto mit einem Schild der ehemaligen Route 66, die quer durch die Vereinigten Staaten bis zum Pazifik führt. Diese Freiheit, die das Autofahren schon immer verspricht, liegt für die MPU-Teilnehmer dann nur noch ein glaubwürdiges Gespräch entfernt.

Von Maximilian Heim

Depperltest künftig schon ab 1,1 Promille?

Bei einer Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU) müssen betroffene Männer und Frauen ihre Fahreignung nachweisen. Auch für Fahrradfahrer und sogar für Fußgänger kann eine MPU angeordnet werden. Die weithin als „Idiotentest“ oder „Depperl-Test“ bezeichnete Untersuchung besteht aus drei Teilen: einem standardisierten Reaktionstest, einer medizinischen Untersuchung und einem ausführlichen psychologischen Gespräch. Unterschieden wird hauptsächlich zwischen einer „Alkohol-MPU“, einer „Drogen-MPU“ und einer „Punkte-MPU“ (mehr als 7 Punkte in der Flensburger Datei). Die MPU kostet je nach Delikt zwischen 350 und 770 Euro. Dazu kommen häufig Kosten für Beratungsstunden bei Verkehrspsychologen. Seit einigen Monaten gibt es wieder heftige Diskussionen über die für eine „Alkohol-MPU“ Ausschlag gebenden Promillewerte. Bisher war eine MPU etwa in Bayern ab einer erstmaligen Trunkenheitsfahrt mit 1,6 Promille oder mehr zwingend vorgeschrieben. Ein Urteil des Verwaltungsgerichtshofs vom November 2015 legt nahe, dass die Untersuchung künftig schon ab 0,3 Promille angeordnet wird – allerdings nur wenn der Führerschein richterlich entzogen wird. Die unterlegene Klägerin hat gegen das Urteil Revision eingelegt, diese liegt zur Klärung beim Bundesverwaltungsgericht in Erfurt. Mit einer Entscheidung ist nach Angaben der Pressestelle erst in einigen Monaten zu rechnen. Der Deutsche Verkehrsgerichtstag hat auf seiner Tagung Ende Januar die „regional unterschiedliche Praxis“ der MPU-Anordnung kritisiert. Die Experten plädierten dafür, die Untersuchung ab einem Alkoholwert von 1,1 Promille anzuordnen – allerdings nicht bei einer einmaligen Trunkenheitsfahrt unter diesem Wert.

Maximilian Heim

Maximilian Heim

E-Mail:info@merkur.de

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