Stadt, Land, Auto: Carsharing außerhalb der Metropolen

Carsharing ist praktisch. Nutzer können zwei Systeme nutzen: "Free Floating" und stationsbasierte Angebote. Foto: Rolf Vennenbernd
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Carsharing ist praktisch. Nutzer können zwei Systeme nutzen: "Free Floating" und stationsbasierte Angebote.

Wer kein Auto hat, kann sich jederzeit eins leihen. Carsharing ist in Großstädten beliebt, deutschlandweit machen Autobauer damit ein gutes Geschäft. Zieht es die Konzerne bald aufs Land?

Die Städte Wiesbaden und Mainz hängen in der Warteschleife fest. Seit gut einem Jahr wartet die Wiesbadener Verkehrsdezernentin Sigrid Möricke auf eine Nachricht des Autobauers Daimler. Sie wünscht sich für das Rhein-Main-Gebiet ein flexibleres Carsharing-Angebot. Das Modell Car2Go von Daimler schien ideal: Wagen holen, fahren, abstellen. Doch dem Autobauer ist die Region zu klein.

Stationsgebundene Konzepte gibt es in Wiesbaden und Mainz schon länger. Möricke wollte aber, dass Mietwagen nicht an feste Anlagen gekoppelt sind - ein Trend unter den Carsharing-Konzepten: Innerhalb eines bestimmten Bereiches darf der Fahrer das Auto überall abstellen und ausleihen. Eine Smartphone-App zeigt an, wo der nächste Wagen verfügbar ist. So sind die Fahrzeuge ständig "im freien Fluss", was dem Ganzen den entsprechenden englischen Namen gab: "Free Floating".

Das Modell ist beliebt: 2014 waren rund 660 000 Kunden in Deutschland registriert, und insgesamt 6400 Autos auf den Straßen unterwegs - ein Wagen pro 103 Nutzer. In Großstädten wie Berlin oder München ist das flexible Autoteilen gängige Praxis: Dort sind bei den stationsunabhängigen Angeboten der Autobauer zwei Drittel aller Carsharing-Nutzer angemeldet.

In weniger dicht besiedelte Regionen will Daimler mit Car2Go aber nicht. "Dadurch, dass die Autos minutenweise und in der Regel für kürzere Mietzeiträume gemietet werden, müssen sie für ein profitables Geschäft mehrmals am Tag angemietet werden", erklärt Andreas Leo, Sprecher von Car2Go. Das funktioniere nur da, wo die Nutzerfrequenz hoch ist - ab 500 000 Einwohnern sind Städte erst interessant. In Frankfurt ist Daimler Ende 2014 eingestiegen.

Auch für die BMW Group rentiert sich ihr DriveNow-Modell außerhalb der größten Städte nicht: "Wir konzentrieren uns zunächst auf Großstädte und Metropolregionen", sagt BMW-Sprecherin Almut Stollberg. "Free Floating" sei für Städte gedacht, die bereits ein ausgereiftes Verkehrsnetz haben: Ein Stück U-Bahn, einige Kilometer Bus, weiter mit dem Auto. Seit Frühjahr 2014 sei das Konzept für BMW operativ profitabel. Bundesweit gibt es DriveNow in fünf Städten, etwa in Hamburg oder Köln, außerdem in Wien, London und San Francisco. Weitere Orte werden laut Stollberg geprüft.

Daimler will gegen Ende des Jahres in China starten. Denn auch international ist das Geschäft im Kommen: Weltweit haben Carsharing-Anbieter 2013 einen Umsatz von 719 Millionen eingefahren, "Free Floating" machte einen Anteil von rund 40 Prozent aus. Das ergab eine Studie des Automotive Institute for Management (AIM) an der European Business School (EBS).

Doch weil das flexible Modell außerhalb der Metropolen für die Konzerne unattraktiv ist, ist das Wachstum im "Free Floating"-Bereich begrenzt: "Der Pool an Potenzialkunden ist langsam ausgeschöpft, weil nicht in kleinere Regionen expandiert wird", sagt Gunnar Nehrke, Sprecher des Bundesverbands Carsharing. 2013 waren die Nutzerzahlen nach Angaben des Verbands im Jahresvergleich noch um 138 Prozent gestiegen, im vergangenen Jahr nur noch um 50 Prozent.

Was macht kleinere Region dann für die Anbieter noch interessant? Nehrke zufolge gibt es in Deutschland nur 13 Standorte, in denen "Free Floating" angeboten wird - in 490 Städten und Kommunen gibt es hingegen stationsbasierte Angebote. Hier fahren unter anderem Autos von Book and Drive, Cambio Carsharing, Stadtmobil und Flinkster der Deutschen Bahn. Im Osten Deutschlands gibt es teilAuto.

Weltweit lag der Anteil dieses Modells am Carsharing-Markt laut der EBS-Studie 2014 bei rund 60 Prozent - stationsgebundene Anbieter führen den Markt also an. Auch Daimler ist auf den Zug der stationsgebundenen Angebote aufgesprungen und bietet für kleinere Gebiete seit Anfang vergangenen Jahres Car2Go Black an.

Wann bei Verkehrsdezernentin Möricke das Telefon mit der frohen Botschaft klingelt, bleibt also fraglich. Solange muss sie sich mit dem Angebot der stationsbasierten Konzepte begnügen. Die Anbieter sind sich einig: Carsharing fernab der Großstädte, ja. Free Floating, nein. Ein Funke Hoffnung bleibt in Wiesbaden. Abgeschrieben hat Car2go eine weitere Ausdehnung im Rhein-Main-Gebiet nämlich noch nicht, wie Sprecher Leo sagt: "Läuft es in Frankfurt gut, kann eine Ausweitung des Geschäftsgebietes um Frankfurt wieder weiter nach oben rutschen."

Viele Nutzer finden das Carsharing-Konzept "Free Floating" gut, denn mit etwas Glück steht das Auto an der nächsten Ecke parat. Nach der Fahrt kann es an einem beliebigen Platz im festgelegten Geschäftsbereich abgestellt werden.

Gerade für Menschen, die in der Innenstadt nur eine kurze Strecke mit dem Auto zurücklegen wollen, ist das spontane System von Vorteil. Ein besonderes Plus ist, dass die Parkkosten bereits im Preis enthalten sind, ebenso wie Benzin und Versicherung. Außerdem wird minütlich abgerechnet - bei den stationsbasierten Modellen zählen Kilometer und Zeit. Wird der "Free Floater" aber länger gefahren, kann es schnell teuer werden. Im Voraus buchen geht bei diesem Modell ebenfalls nicht. Wer dringend ein Auto braucht und keins findet, der hat Pech.

dpa

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