VW-Abgasskandal: Jetzt auch CO2-Probleme

Auch bei der CO2-Zertifizierung einiger VW-Modelle sind laut Aussagen des Autobauers zu niedrige Werte angegeben worden. Foto: Hendrik Schmidt
+
Auch bei der CO2-Zertifizierung einiger VW-Modelle sind laut Aussagen des Autobauers zu niedrige Werte angegeben worden. Foto: Hendrik Schmidt

Neuer Wirbel um Volkswagen: Hunderttausende VW-Dieselautos - aber auch Benzinmotoren - könnten mehr Sprit verbraucht und damit auch mehr CO2 ausgestoßen haben als vom Hersteller angegeben. Dem Konzern entsteht weiterer Milliardenschaden.

Der Abgas-Skandal im VW-Konzern erreicht eine neue Dimension. Volkswagen musste nun auch Unregelmäßigkeiten bei CO2-Werten einräumen - außerdem sind damit erstmals auch Benziner und nicht nur Dieselfahrzeuge betroffen.

Dabei geht es um den Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxid (CO2) - und damit um den Spritverbrauch. Die falschen CO2-Angaben bei Volkswagen betreffen auch 98.000 Benzinfahrzeuge, wie Verkehrsminister Alexander Dobrindt nun dem Bundestag mitteilte.

Bisher ging es in dem Skandal um Stickoxid (NOX). Im September hatte das Unternehmen eingestanden, bei Abgas-Tests auf dem Prüfstand mit Softwarehilfe die Ergebnisse für Diesel-Motoren manipuliert zu haben. Die Software schaltet in Testsituation in einen Sparmodus. In diesem Zusammenhang musste VW bereits 6,5 Milliarden Euro zurückstellen.

Im Rahmen der derzeit laufenden Überprüfungen aller Prozesse und Abläufe bei Dieselmotoren ist laut VW aufgefallen, dass bei der CO2-Zertifizierung einiger Fahrzeugmodelle zu niedrige CO2- und damit auch Verbrauchsangaben festgelegt wurden. Betroffen seien ganz überwiegend Fahrzeuge mit Dieselmotoren. Es gehe um Autos der Typen Polo, Golf und Passat, sagte ein VW-Sprecher auf Anfrage. Bei der VW-Tochter Audi seien A1- und A3-Modelle betroffen. Bei Skoda gehe es um den Octavia und bei Seat um den Leon und den Ibiza.

Auch bei einem Benzinmotor mit Zylinderabschaltung habe es Auffälligkeiten gegeben, sagte der Sprecher. Es handele sich dabei aber um eine geringe Stückzahl. Bei den Dieselmotoren seien 1,4-, 1,6- und 2,0-Liter-Varianten betroffen. Alle Aggregate stammen einem Sprecher zufolge aus dem Wolfsburger Stammhaus von VW.

Kohlendioxid (CO2) ist zwar unschädlich für den Menschen, aber zugleich das bedeutendste Treibhausgas und wesentlich für die menschengemachte Erderwärmung verantwortlich. Die CO2-Grenzwerte sind in der EU in den vergangenen Jahren verschärft worden.

Die neue Dimension des Abgas-Debakels könnte für Volkswagen und seine Kunden mögliche Folgeprobleme haben. So hängt hierzulande die Höhe der Kfz-Steuer für jüngere Pkw (Erstzulassungsdatum ab 1. Juli 2009) auch am Ausstoß von Kohlendioxid (CO2). Autos mit niedrigerer CO2-Emission sind steuerlich günstiger als welche mit einer höheren. Damit steht nun das Risiko im Raum, dass durch die Abgas-Manipulationen Kfz-Steuern für Autos aus dem VW-Konzern zu niedrig festgesetzt worden sind.

VW-Chef Matthias Müller versprach erneut eine "schonungslose" Aufklärung. "Dabei machen wir vor nichts und niemandem Halt. Das ist ein schmerzhafter Prozess, aber er ist für uns ohne Alternative." Dies sei die Voraussetzung für die grundlegende Neuausrichtung des Konzerns. VW wolle nach Absprache mit den zuständigen Behörden schnellstmöglich eine Klärung der weiteren Vorgehensweise sowie eine korrekte Einstufung der CO2-Werte bei den betroffenen Fahrzeugen vornehmen.

Zuvor hatte die US-Umweltbehörde EPA neue schwere Vorwürfe gegen VW erhoben - dabei geht es um Stickoxid-Werte. Die EPA beschuldigt VW, bei weiteren Dieselmotoren eine Manipulations-Software eingesetzt zu haben. Volkswagen hält dagegen, kein Programm installiert zu haben, "um die Abgaswerte in unzulässiger Weise zu verändern".

Nach den neuen EPA-Vorwürfen wären erstmals auch Porsche-Fahrzeuge und jüngere Modellreihen betroffen. Wie die Behörde mitgeteilt hatte, wurden in bestimmten Diesel-Modellen der Marken VW, Audi und Porsche Drei-Liter-Diesel-Motoren verbaut, die bei Stickoxid-Emissionen die in den USA erlaubten Grenzwerte um das bis zu Neunfache überträfen. Porsche stoppte nun den Verkauf des Geländewagens Cayenne mit Dieselmotor in den USA. Man habe den Verkauf der entsprechenden Modelle dort vorerst eingestellt, sagte ein Sprecher. Dies sei eine reine Vorsichtsmaßnahme.

Unterdessen drohen Volkswagen in den USA weiterer Probleme. Diesmal geht es nicht um manipulierte Abgaswerte, sondern um Fehler bei Pflichtmeldungen zu Unfällen mit Verletzungen und Todesfällen an die US-Verkehrsaufsicht NHTSA. VW teilte mit, eine externe Prüfung eingeleitet zu haben, um sicherzustellen, dass die Daten korrekt an die Aufsicht übermittelt werden.

Müssen VW-Fahrer jetzt Kfz-Steuer zurückzahlen?

Das könnte passieren. Wer dann aber zahlen müsste, ist noch nicht geklärt. Laut Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) dürfen die VW-Manipulationen jedenfalls keine Steuer-Nachzahlungen für die Kunden nach sich ziehen: "Ich gehe davon aus, dass man eine Lösung findet, die den VW-Kunden nicht belastet." Er sehe VW in der Pflicht,"dafür zu sorgen, dass bei diesen Fragen weder Mehrkosten noch Arbeitsaufwand auf die Kunden zukommen." Bei Autos, die ab dem 1.Juli 2009 zum ersten Mal zugelassen wurden, hängt die Höhe der Kfz-Steuer auch vom CO2-Ausstoß ab.

Haben VW-Kunden Anspruch auf Schadenersatz?

Das ist möglich. "Wenn VW mit niedrigen Abgas- und Verbrauchswerten geworben hat und Kunden sich deshalb für ein bestimmtes Auto entschieden haben, dann könnte Betrug als Tatbestand vorliegen",erklärt der Jurist Thomas Rüfner von der Universität Trier. Kunden könnten dann mit Schadenersatzklagen Erfolg haben, wenn das Autowegen dieses Betrugs weniger wert sei. "Um Mehrkosten wegen eines höheren Spritverbrauchs geltend zu machen, könnten Kunden wegen einer sogenannten vorsätzlichen sittenwidrigen Schädigung klagen",erläutert Rüfner. Das sei umgangssprachlich ein Tatbestand für "die größten Schweinereien".

Beide Tatbestände seien aber schwierig nachzuweisen. Rüfner nennt zwei Möglichkeiten: "Entweder kann der Unternehmensleitung nachgewiesen werden, dass sie dieses Fehlverhalten wissentlich zu verantworten hat - oder die Unternehmensleitung kann nicht beweisen,dass sie die notwendige Sorgfalt und Kontrolle hat walten lassen, um die Verstöße zu verhindern." Auch beim CO2-Thema drohen also lange Auseinandersetzungen vor Gericht.

Stimmen die Verbrauchsangaben bei anderen Herstellern?

Umweltverbände schimpfen seit Jahren, dass Autos viel mehr Spritverbrauchen als von den Herstellern angegeben. Für die Tests würden etwa Seitenspiegel eingeklappt oder Fahrzeugschlitze zugeklebt, um den Luftwiderstand zu verringern. Die Batterien seien voll, die Klimaanlage aus. Verschiedene Untersuchungen sprechen von CO2-Werten,die im Schnitt etwa 40 Prozent höher liegen als vom Herstelle rangegeben - das gilt für Diesel wie für Benziner. Die Autoindustrie betont, dass die Tests von externen Prüfern wie TÜV oder Dekra durchgeführt werden, die Ergebnisse dienten vor allem der Vergleichbarkeit verschiedener Modelle und Motoren.

dpa

Mehr zum Thema:

auch interessant

Meistgelesen

Erster Unfalltod mit Autopilot: Warum versagte die Technik?
Erster Unfalltod mit Autopilot: Warum versagte die Technik?
Roboter-Anwalt geht erfolgreich gegen Strafzettel vor
Roboter-Anwalt geht erfolgreich gegen Strafzettel vor
Besitzer zerstören ihr Auto mit Panzer
Besitzer zerstören ihr Auto mit Panzer
13 Monate zwischen Tat und Urteil: Trotzdem Fahrverbot
13 Monate zwischen Tat und Urteil: Trotzdem Fahrverbot

Kommentare