Wildunfälle: Wann die Versicherung zahlt

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Grelles Scheinwerferlicht macht Wildtiere orientierungslos: Statt weiterzulaufen, bleiben sie oft wie paralysiert stehen.

München - Laut ADAC geschieht alle 2,5 Minuten ein Wildunfall in Deutschland. Der Herbst ist die klassische Zeit dafür. Aber Achtung: Die Versicherung zahlt nicht bei allen tierischen Unfällen.

Es passiert meist in Sekunden: Ein Wildtier kreuzt die Fahrbahn, der Autofahrer kann einen Zusammenstoß nicht mehr verhindern - es kracht. Wie man sich nach einem Wildunfall am besten verhält, wissen viele oft nicht. Denn um später den Schaden von der Versicherung erstattet zu bekommen, gibt es einiges zu beachten.

Muss ich die Polizei verständigen?

„Man sollte immer die Polizei benachrichtigen“, sagt Stefan Sonntag vom Polizeipräsidium München. Das ist deshalb wichtig, weil die Beamten eine sogenannte Wildunfall-Bescheinigung ausstellen. Diese kostet acht Euro. Manche Versicherungen erstatten diesen Betrag. Die Bescheinigung ist später ein wichtiger Beweis für einen Wildunfall. „Wenn die Polizei da war, ist die Chance größer, dass man den Schaden reguliert bekommt“, erklärt Sonntag. Hat das Wild das Fahrzeug nur touchiert und ist danach geflohen, könne man auch direkt zum Revier fahren. Die Polizei verständigt übrigens auch den zuständigen Jäger. Die Versicherung muss man selbst informieren - und zwar unverzüglich.

Wie steht es mit Spuren und Zeugen?

Blut- oder Haarspuren am Auto darf man keinesfalls entfernen: Ist das Tier davongelaufen, sind diese Spuren oft die einzigen Beweise für einen Wildunfall. Die Polizei hält sie fest oder der Autofahrer fotografiert sie selbst. „Zeugen sind Gold wert“, ergänzt Sonntag. Das gilt vor allem dann, wenn das Wild das Auto gar nicht erwischt hat - also wenn der Fahrer ausgewichen und beispielsweise an einen Baum geprallt ist. Denn allgemein gilt: Gibt es keinen Beweis für einen Wildunfall - sei es ein totes oder verletztes Tier, Spuren am Fahrzeug oder Zeugen -, gibt es auch kein Geld von der Versicherung.

Was soll ich mit dem Wildtier tun?

Ist ein Wildunfall passiert, heißt es erst einmal Ruhe bewahren. Sonntag zählt auf, was zu tun ist: „Zuerst rechts ranfahren, die Unfallstelle absichern, eine Warnweste anziehen und den Warnblinker anschalten.“ Der ADAC warnt davor, das tote Tier in den Kofferraum zu laden: Das sei Wilderei und strafbar. Die Polizei rät den Autofahrern sogar, das Tier nicht zu berühren. „Ein verletzter Fuchs kann beißen, ein Wildschwein ist sehr aggressiv“, erklärt Sonntag. Man solle das Wild nur von der Straße räumen, wenn dies gefahrlos möglich ist - das heißt, wenn sich der Autofahrer auch sicher auf der Straße bewegen kann.

Welche Tiere deckt die Versicherung ab?

Die Teilkasko-Versicherung übernimmt nicht jeden „tierischen“ Schaden am Auto. Geld gibt es bei Unfällen mit Haarwild - dazu gehören beispielsweise Wildschweine, Rehe, Hirsche, Füchse, Marder und Hasen.

Flattert ein Fasan ins Auto, winkt die Versicherung meistens ab. Auch bei Haustieren wie Kühen, Hunden und Schafen sieht es schlecht aus. Aber laut Christoph Hecht vom ADAC haftet für diesen Schaden der Eigentümer des Haustieres.

Wann sollte ich ausweichen?

„In der Regel raten wir von überzogenen Ausweichmanövern ab“, sagt Hecht. Bremsen sei das A und O. „Besser kontrolliert aufprallen als unkontrolliert ausweichen“, ist die Devise beim ADAC. „Ein spektakuläres Ausweichmanöver à la Elchtest geht in der Regel schief und führt zu schwereren Unfallfolgen als der Wildunfall selbst.“ Im Ernstfall raten Experten, das Lenkrad festzuhalten, geradeaus zu fahren und dabei zu bremsen.

Außerdem stellt die Versicherung hinterher die Frage, ob ein Ausweichmanöver gerechtfertigt war und ob man den Wildunfall überhaupt nachweisen kann. Wer wegen eines Hasen am Baum oder im Gegenverkehr landet, hat schlechte Karten, den Schaden erstattet zu bekommen. Und wer wegen eines Dachses eine Vollbremsung hinlegt, hat eine Teilschuld, wenn der Hintermann auffährt, warnt Sonntag.

Tierfreunden wird es sauer aufstoßen, dass sie Wild „absichtlich“ überfahren sollen. Doch auch wenn man das Tier nach der Kollision davonspringen sieht, „trägt es meist innere Verletzung davon und geht daran zugrunde“, sagt Jürgen Vocke, Präsident des bayerischen Jagdverbandes.

Kann ich das Tier verscheuchen?

Sieht man ein Tier in der Ferne, ist bremsen erst einmal das Wichtigste. Der ADAC rät außerdem dazu, zu hupen und abzublenden - denn grelles Scheinwerferlicht macht Wildtiere orientierungslos. „Hupen ist nie verkehrt“, sagt auch Stefan Sonntag von der Polizei. Man kann auch versuchen, das Wildtier mit der Lichthupe aufzuschrecken. Außerdem solle man mit Nachzüglern rechnen - also langsam weiterfahren oder rechts ranfahren. „Wild ist unberechenbar“, sagt Sonntag.

Wann muss ich mit Wildtieren rechnen?

„Der Herbst ist die klassische Wildunfall-Zeit“, sagt Andreas Hölzl vom ADAC. Die Tiere suchen Futter oder neue Einstände, da sie die alten Deckungsorte oft durch die Maisernte verloren haben. Vor allem in der Abend- und Morgendämmerung ist die Gefahr erheblich - also ungefähr zwischen 5 und 8 Uhr und 17 und 22 Uhr.

Was kann ich zur Prävention tun?

„Besser langsam als Wild“: Mit diesem Slogan appelliert der ADAC an die Autofahrer, den Fuß vom Gas zu nehmen - vor allem im Wald. Hölzl hält auch dazu an, die Warnschilder zum Wildwechsel zu beachten. Laut ADAC gab es im Jahr 2009 rund 250 000 Zusammenstöße mit Wildtieren in Deutschland. Dabei wurden 3000 Verkehrsteilnehmer verletzt und 27 getötet. Hunderttausende Tiere wurden überfahren. Doch die Dunkelziffer ist hoch. Wie wichtig es ist, einen Wildunfall zu verhindern, zeigt eine Studie des ADAC. Bei Tempo 60 wird das Aufprallgewicht eines Rehbocks demnach zu dem einer Kuh. Ein Wildschwein trifft das Auto wie ein Nashorn, und ein Rothirsch wird gar zu einem Elefanten.

Regina Kaindl

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