Kein Motiv für die Tat

Amokläufer von Ansbach kommt wohl nicht ins Gefängnis

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Amoklauf Ansbach: Der Angeklagte unterhält sich im Sitzungssaal im Landgericht in Ansbach (Bayern) vor Prozessbeginn mit seinem Anwalt Benjamin Schmitt.

Ansbach - Eineinhalb Stunden lang versetzte er Mittelfranken im vergangenen Sommer in Angst und Schrecken - und erschoss zwei Menschen. Nun steht der mutmaßliche Schütze vor Gericht.

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Die Kapuze seiner dunkelgrauen Wolljacke hat er über den Kopf gezogen, sein blasses, schmales Gesicht versteckt er hinter einem Stapel Akten vor den Fotografen. Reglos verfolgt der 48-Jährige mit den kurzen grauen Haaren dann den Prozess: Seit Montag muss sich der mutmaßliche Amokschütze von Mittelfranken vor dem Landgericht Ansbach verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm zweifachen Mord vor. Im vergangenen Sommer soll der psychisch kranke Mann eine Rentnerin und einen Radfahrer erschossen haben. Erst nach einer eineinhalb Stunden dauernden Irrfahrt kann er festgenommen werden. Ein nachvollziehbares Motiv für die Taten gibt es nicht. Die beiden Menschen waren aus Sicht der Anklage Zufallsopfer.

Auch zum Prozessbeginn äußert sich 48-Jährige dazu nicht selbst. Sein Anwalt verliest eine Erklärung - unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Wie ein Gerichtssprecher anschließend berichtet, bedauert der Krankenpfleger die Taten. Und er entschuldigt sich bei den Familien seiner Opfer. Er habe die Geschehnisse jedoch anders erlebt und wahrgenommen - wie genau, sagt er nicht. Er brauche noch Zeit, um die Taten zu verarbeiten.

Die Angehörigen können das alles noch immer nicht begreifen. „Wäre er (der Beschuldigte) überprüft worden, hätte die Tat verhindert werden können“, schreiben die Witwe und der Sohn des getöteten 72 Jahre alten Radfahrers in einer schriftlichen Erklärung. Denn es sei bekannt gewesen, dass der 48-Jährige psychisch auffällig war. Außerdem habe der Sportschütze schon lange nicht mehr regelmäßig in seinem Verein geschossen. Die Angehörigen verstehen nicht, dass er trotzdem weiterhin zwei Waffen besitzen durfte.

Laut Anklage stieg der Mann am Vormittag des 10. Juli 2015 in Ansbach in sein Auto. Bei sich hatte er eine Pistole und einen Revolver sowie mindestens 100 Schuss Munition. Im nahengelegenen Tiefenthal, einem Ortsteil von Leutershausen, spricht er kurze Zeit später aus dem Auto heraus eine 82 Jahre alte Frau an. Nach einem kurzen Wortwechsel fällt ein Schuss. Die Nachbarin der Rentnerin muss die Tat mit ansehen. Die 28-Jährige ist gerade mit ihrem Kind im Garten. Sie sieht, wie die Frau umfällt. Als Zeugin im Prozess sagt sie aus, danach sei der Beschuldigte „ganz normal weitergefahren“.

Die Nachbarin schreit nach der Tat laut los und alarmiert so andere Nachbarn. Schnell bringt sie ihr Kind in Sicherheit. Den 48-Jährigen identifiziert sie im Prozess als den Schützen. Während der ganzen Aussage sieht dieser starr geradeaus. Seine Füße sind gefesselt.

Nach der ersten Tat fährt der Mann der Anklage zufolge weiter nach Rammersdorf. Dort steigt er aus dem Auto aus und schießt dreimal auf einen genauso wie sein erstes Opfer nichts ahnenden Rentner, der ihm auf dem Rad entgegen kommt. Auch sein zweites Opfer stirbt noch am Tatort.

Auch auf eine Autofahrerin und auf einen Traktorfahrer schießt der 48-Jährige anschließend noch. Ein Schuss durchschlägt die Frontscheibe des Treckers, verfehlt jedoch glücklicherweise den Fahrer. Drei weitere Menschen werden von dem Mann bedroht, bilanziert die Staatsanwaltschaft.

Kurz vor Mittag erreicht der Schütze schließlich das rund 30 Kilometer entfernte Bad Windsheim. Um sich Zigaretten zu kaufen, hält er an der Tankstelle eines Autohauses und geht mit der Pistole in den Verkaufsraum. Eine mutige 74-Jährige spricht ihn auf seine Waffe an. Das gehe sie überhaupt nichts an, herrscht der Mann sie laut den Ermittlungen an. Sie solle verschwinden, er könne sie sonst auch erschießen. Als der 48-Jährige kurz darauf die Pistole auf den Tresen legt, greift die Kassiererin beherzt zu und nimmt die Waffe an sich. Mitarbeiter des Autohauses können den Mann danach überwältigen und festhalten, bis die Polizei da ist.

Ins Gefängnis kommt der Beschuldigte voraussichtlich nicht. Wegen einer paranoiden Schizophrenie gilt er als schuldunfähig. Er muss sich daher nicht als Angeklagter in einem normalen Strafverfahren verantworten. In dem Sicherungsverfahren geht es darum, ob er dauerhaft in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht wird. Die Staatsanwaltschaft sieht in ihm eine Gefahr für die Allgemeinheit. Für die Aufarbeitung des Falls hat das Gericht vier weitere Termine bis zum 12. April geplant. 34 Zeugen und drei Sachverständige sollen gehört werden.


dpa

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