Albtraum im Regionalzug

Attentäter von Würzburg galt als ausgeglichen und integriert

Im Internet kursiert ein Video, in dem sich ein junger Mann, angeblich der 17-jährige Attentäter, als „Soldat des Kalifats“ bezeichnet. Mit einem Messer in der Hand kündigt er eine „Operation“ in Deutschland an.

Würzburg - Eine Region steht unter Schock: Ein 17-jähriger Flüchtling hat in einem Regionalzug in Richtung Würzburg wie im Blutrausch zugestochen. Der junge Mann galt zuvor als ausgeglichen und gut integriert. Offenbar Fassade, denn gestern tauchte ein IS-Video auf.

Das Haus seiner bayerischen Pflegeeltern im Landkreis Würzburg, in dem er seit zwei Wochen lebt, verlässt R. am Montagabend gegen 20 Uhr. Er wolle Fahrradfahren, sagt er, es könne etwas länger dauern. Der angeblich 17-jährige Flüchtling treibt sich noch ein wenig herum, ehe er in Ochsenfurt in die Regionalbahn steigt, einer beschaulichen Stadt mit Fachwerkhäusern 20 Kilometer entfernt von Würzburg. Inmitten von Weinbergen liegt die historische Kleinstadt, ein Einheimischer sagt: Ochsenfurt sei doch die „Insel der Glückseligen“ gewesen. Mit Flüchtlingen habe es hier noch nie Probleme gegeben. Eine junge Mutter, die hier wohnt, sagt: „Es war klar, dass irgendwann etwas in Deutschland passiert, aber auf Ochsenfurt oder Würzburg wäre ich nicht gekommen.“

Der Regionalzug von Treuchtlingen nach Würzburg – hier verletzte der Flüchtling eine Familie aus Hongkong.

Im Zug geht R. auf die Toilette. Dort zieht er um kurz nach 21 Uhr ein Messer und eine Axt aus seiner Tasche und geht offenbar wahllos auf die Fahrgäste los. In dem Waggon des Regionalzugs von Treuchtlingen nach Würzburg befinden sich zu dem Zeitpunkt etwa 20 Menschen. Sie alle werden Zeugen der unfassbaren Gewalttat. Am schlimmsten trifft es eine Touristen-Familie aus Hongkong. Vater, 62, Mutter, 58, ihre Tochter, 26, sowie deren Freund, 30, werden verletzt, zwei von ihnen schweben am Dienstag noch in akuter Lebensgefahr.

Im Zimmer findet die Polizei eine IS-Flagge, handgemalt

R. wütet weiter, schlägt mit großer Wucht auf Körper und Köpfe seiner Opfer ein, bis jemand die Notbremse zieht. Im Würzburger Stadtteil Heidingsfeld kommt der Regionalzug zum Stehen. In dem Abteil überall Blutlachen. Ein Augenzeuge sagt später: „Es sah aus wie im Schlachthof.“ Der Täter flüchtet, er trifft auf eine Passantin, die mit ihrem Hund Gassi geht – auch sie verletzt er schwer.

Ganz in der Nähe ist ein Spezialeinsatzkommando der Polizei (SEK) – die Beamten suchen einen Drogendealer, doch sie werden sofort zum Tatort gerufen. Zwei Polizisten stoppen den Täter etwa 500 Meter vom Zug entfernt am Mainufer in einem Gebüsch. Als der R. auch die Einsatzkräfte mit seiner Axt attackiert, eröffnen die Beamten das Feuer. R. stirbt nach mindestens vier Schüssen – ein Schuss trifft ihn in die Stirn.

Während sich die Angehörigen um die Verwundeten sorgen, beginnt noch am Abend das Rätseln: Was steckt hinter der Tat? War es der Amoklauf eines frustrierten Jugendlichen? Oder ist der islamistische Terror jetzt tatsächlich in der bayerischen Provinz angelangt?

Schon im ersten Notruf, der am Abend bei der Einsatzzentrale in Würzburg eingeht, ist ein „Allahu Akbar“-Schrei zu hören – „Gott ist groß“. Im Zimmer des jungen Mannes findet die Polizei später einen Block, in den jemand ein IS-Symbol gemalt hat. Darin stehen auch Texte auf Paschtu, der Sprache, die in R.s Heimat gesprochen wird. Eines dieser Schreiben deuten die Ermittler als Abschiedsbrief an den Vater. Darin schreibt R.: „Bete für mich, dass ich mich an diesen Ungläubigen rächen kann, bete für mich, dass ich in den Himmel komme.“

Der 17-Jährige R. galt als ruhig und ausgeglichen

Das Abteil, in dem R. zustach. Hier saßen die Opfer

Der sogenannte Islamische Staat (IS) beansprucht die Bluttat von Unterfranken schon nach wenigen Stunden für sich. Im Internet kursiert ein Video, in dem der Zug-Angreifer zu sehen sein soll. Der Jugendliche spricht in dem Mitschnitt, den die IS-nahe Agentur Amaq verbreitet, in paschtunischer Sprache Drohungen aus. Er bezeichnet sich als „Soldat des Kalifats“. Er sagt: „So Gott will werde ich Euch mit diesem Messer abschlachten und Eure Schädel mit Äxten einschlagen.“ Das bayerische Innenministerium hat die Echtheit bestätigt.

Vor über einem Jahr kam R. nach Deutschland. Im März wird er dem Landkreis Würzburg zur Unterbringung zugewiesen. Er lebt in einem früheren Kolpingheim in Ochsenfurt, bis er vor zwei Wochen von einer Pflegefamilie aufgenommen wird. Der Jugendliche hat sogar ein Praktikum in einer Bäckerei gemacht – mit der Aussicht auf eine Lehrstelle. Er sei im Rahmen der Jugendhilfe intensiv betreut worden, sagt Sozialministerin Emilia Müller (CSU). Zeugen, die mit R. zuvor Kontakt hatten, schildern ihn als ruhig und ausgeglichen. Es sei völlig unverständlich, dass er so eine Tat begehe, sagen Menschen, die ihn gut kennen. R. sei zwar gläubiger Sunnit gewesen, aber nicht fanatisch. Die Sicherheitsbehörden gehen derzeit davon aus, dass sich R. in kurzer Zeit selbst radikalisiert haben könnte.

Ein wichtiger Faktor könnte dabei die Nachricht vom Tod eines Freundes in Afghanistan gewesen sein, die R. laut Zeugen am Wochenende erreichte. Danach habe er sich verändert, viel telefoniert. Mit wem, ist noch unklar. Dass R. selbst tatsächlich aus Afghanistan stammt, daran sollen Ermittler Zweifel haben. Es gebe Anhaltspunkte, wonach sich der Täter bei der Registrierung als Afghane ausgab, um seine Chancen zur Anerkennung als Flüchtling zu erhöhen, berichtete das „heute-journal“ am Dienstagabend. In seinem Zimmer hätten Ermittler zudem ein pakistanisches Dokument gefunden.

Eiferte R. vielleicht dem Attentäter von Nizza nach? Die weltweiten Schlagzeilen über die Bluttat in Frankreich könnten „ein Anreiz gewesen sein, ähnlich berühmt zu werden“, glaubt der Kriminologe Christian Pfeiffer (Interview rechts). „Auch wenn man dabei draufgeht.“ Pfeiffer hält auch tiefe Enttäuschung als Motiv für möglich: Wenn man sich sonst schon total gescheitert, ohnmächtig und gedemütigt fühle, „kann aus dem Hass der Wunsch entstehen, als Kompensation einmal die Panik in den Augen des Gegenübers zu sehen“.

Sie standen hier bei uns vor dem Haus und haben sich gegenseitig umarmt und geweint.“ Die Anwohnerin Elfriede Ritter, 72, hat die Passagiere, die panisch aus dem Zug geflohen sind, mit Wasser und Süßigkeiten versorgt

Elfriede Ritter, 72, hat das ganze Drama hautnah mitbekommen. Die Rentnerin lebt in Heidingsfeld, dort, wo der Zug eine Notbremsung einlegte und die Polizei R. erschoss. Die Passagiere rannten um ihr Leben aus dem Zug, erzählt sie. „Dann standen sie hier bei uns vor dem Haus und haben sich gegenseitig umarmt und geweint. Sie waren voller Angst und Panik.“ Eine Nachbarin von ihr ging sogar in den Zug, um die blutenden Opfer zu verbinden. Elfriede Ritter deutet Richtung Gleise. „Ich zittere immer noch“, sagt sie. „Und dann meinte noch jemand, da läuft noch ein zweiter Täter rum. So viel Blut, so viele Verrückte. Ich kam mir vor wie in einem Film.“ Das mit dem zweiten Täter war falsch. Aber leider auch das mit dem Film. Denn der Terror hat Bayern erreicht.  

Chronik der Anschläge in Deutschland

März 2011: Beim ersten tödlichen Anschlag mit islamistischem Hintergrund in Deutschland sterben am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten, zwei weitere werden verletzt. Attentäter ist Arid U., 21, ein gebürtiger Kosovare.

Februar 2016: Die 16-jährige Safia S. sticht einem Bundespolizisten am Hauptbahnhof Hannover mit einem Messer in den Hals – weil sie ihn als Repräsentanten der „von ihr verhassten Bundesrepublik“ töten wollte. Der Mann schwebt zwischenzeitlich in Lebensgefahr. S. wollte sich zuvor dem IS in Syrien anschließen. Im Januar war die Gymnasiastin dazu in die Türkei gereist. Ihre Mutter stellt Vermisstenanzeige und holt sie schließlich in Istanbul ab.

April 2016: Bei einem Sprengstoffanschlag mit einer selbst gebastelten Bombe an einem Tempel der Religionsgemeinschaft der Sikh in Essen werden drei Männer verletzt, einer von ihnen schwer. Bei den festgenommenen Tatverdächtigen Mohammed B., Yussuf T. und Tolga I. handelt es sich um drei Jugendliche, die Kontakte in die salafistische Szene haben sollen.

Mai 2016: Ein 26-jähriger Italiener hat in München einen Passanten mit einer Schere in Angst versetzt und Polizisten angegriffen. Die Beamten schießen dem psychisch kranken Mann in Oberschenkel und Bauch. Der 26-Jährige soll Kontakt zur Münchner Salafisten-Szene haben.

Mai 2016: Der 27-jährige Deutsche Paul H. tötet in Grafing-Bahnhof mit dem Messer einen Menschen, drei weitere werden schwer verletzt. Schnell schießen Vermutungen ins Kraut, auch in Grafing gebe es einen islamistischen Hintergrund. Doch das ist falsch: H. gilt als psychisch krank und drogenabhängig.

Mit Material von AFP

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