Attentate häufen sich

Psychiater im Interview: "Das ist Massenmord und kein Amoklauf"

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Überbleibsel des Anschlags von Ansbach: Eine Gasmaske liegt am Tatort.

München - Erst Grafing, dann Würzburg, das OEZ in München und zuletzt Ansbach. Immer wieder wird Bayern von Attentaten erschüttert. Ein Experte erklärt das Phänomen.

Ein Blutbad am Arbeitsplatz – was die Mitarbeiter des McDonald’s Restaurant in der Hanauer Straße am Freitag erlebten, lässt sich kaum in Worte fassen. Die Geschäftsleitung und der Bundesverband der System­gastronomie schalteten deshalb sofort einen Experten ein. Der Münchner Psychiater Prof. Florian Holsboer (71), langjähriger Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, startete noch am Samstagmorgen eine Rundumbetreuung für die Betroffenen. „Das fing damit an, dass abgeklärt wurde, ob sie überhaupt noch ihre Hausschlüssel haben, bis zur seelischen Betreuung. Viele haben ja einen Migrationshintergrund und haben leider teilweise schon traumatische Erfahrungen hinter sich. Da ist die Gefahr einer erneuten Traumatisierung besonders hoch“, so Holsboer. Die tz sprach mit dem Experten und Depressionsforscher über die Anschlagserie, Ursachen und unsere Ängste:

Grafing, Würzburg, München, Ansbach. Die Anschläge häufen sich. Ein Zufall? Oder haben Sie eine Erklärung dafür?

Holsboer: Das ist kein Zufall. Hier spielt schon eine Rolle, dass bei diesen Menschen nach einer gewissen Zeit aus dem Gefühl, nicht ankommen zu können, eine Gefahr erwächst, obwohl wir als Gesellschaft sehr viel dafür tun. Dazu kommt auch ein Nachahmereffekt. Aggressionsausbrüche hat es in Ländern mit einem hohen Migrationsanteil wie in Frankreich immer schon gegeben. Da wurden aber höchstens Autos umgeworfen und angezündet. Mittlerweile wird aber das Vorgehen, das wir aus Afghanistan oder dem Irak kennen, dass sich jemand einen Sprengsatz um den Körper bindet, überall ja ausführlich beschrieben und wird dann dementsprechend auch nachgeahmt.

Terror, Amok, die Begriffe verschwimmen... wie ordnen Sie die Taten ein?

Holsboer: Ich störe mich an dem Begriff Amok. Das mag für die Polizei praktisch sein, weil es eine andere operative Strategie als bei einem Terrorakt erfordert. Aber ein Amoktäter ist doch eher jemand, der seine Impulse nicht kontrollieren kann und dann blindwütig um sich schießt.

Und keiner, der wie der Münchner Attentäter Ali Sonboly, seine Tat ein Jahr vorbereitet.

Holsboer: Das passt jedenfalls nicht zusammen. Für mich ist jemand, der plant, sich an der Gesellschaft zu rächen, sich akribisch vorbereitet, sich eine Waffe zurechtbastelt, 300 Schuss Munition besorgt und der dann gezielt schießt, ein Massenmörder. Durch den Begriff Amok findet eine Pathologisierung statt und damit entsteht auch ein Stück Entschuldigung. Zugleich werden psychisch Kranke mal wieder stigmatisiert.

Der Münchner Täter war in psychologischer Behandlung ...

Holsboer: Der hatte sicher eine Persönlichkeitsstörung. Aber er war, wenn man sich ansieht, wie er sich vorbereitet hat, nicht psychisch krank. Er hat ja bis zum letzten Tag funktioniert. Nicht jeder, der nicht so ist wie alle anderen, muss deshalb gleich krank sein. Aber er war sicher jemand mit einer hohen Kränkbarkeit. Und er fühlte sich isoliert. Das kann man auch dem Video entnehmen.

In dem der Münchner Baggerführer sich ein derbes Wortgefecht mit ihm liefert.

Holsboer: Darin betont er ja, dass er Deutscher ist. Aber er schwebte zwischen den Welten: Seine Freunde aus anderen Ländern haben ihn nicht richtig angenommen und die Deutschen auch nicht.

Also jemand, der völlig entwurzelt ist?

Holsboer: Sein Vater ist Unternehmer, er geht in die Schule, hat ein Zuhause und ist versorgt. Wenn alle, denen es so schlecht ging wie ihm, Massenmörder würden, wär’s schnell leer in Deutschland.

Wir würden ja Menschen, die eine solche Gefahr darstellen, gern frühzeitig erkennen. Kann das ein Psychiater?

Holsboer: Der wird sicher feststellen, dass er jemanden vor sich hat, der aggressiv ist und nicht mit Frustrationen umgehen kann. Aber wir können nicht alle, bei denen solche Merkmale auftreten, unter besondere Beobachtung stellen! Wir haben in Deutschland Gott sei Dank den Spitzelstaat überwunden. Wir wollen doch nicht, dass jeder fragt, was liest der gerade, was schaut der sich an …

Angeblich hat er Mitschülern gesagt: „Ich bring Dich um.“

Holsboer: Das hab ich auch schon mal gesagt ...

Wir werden solche Taten also nie verhindern?

Holsboer: Nein, die sind jetzt da, und wir müssen damit leben,

Aber wie? Wo soll man hin mit seiner Angst?

Holsboer: Man muss es relativieren. Natürlich hat diese massive Zuwanderung unsere Gesellschaft verändert. Das muss man klar benennen: Der Zuwachs an Menschen mit einem arabischen, maghrebinischen oder anderen sehr fremden Kulturhintergrund ist erheblich. Ob das jetzt Nizza, Paris, München, London, Ansbach oder Würzburg ist. Wir sind nicht mehr da, wo wir vor zwei, drei Jahren waren. Die Angst ist da, und sie ist berechtigt, aber wir müssen natürlich immer differenzieren. Und: Wir leben immer noch sehr sicher. Das mag sich nach dieser Häufung dieser Ereignisse merkwürdig anhören. Aber solche Ereignisse sind immer noch sehr, sehr selten.

Was passiert mit uns, während einer solchen Tat? Am Freitag gab es plötzlich viele angebliche Tatorte in der Stadt. Warum hören wir plötzlich Schüsse, auch wenn es gar keine gab?

Holsboer: Die Mehrheit hat sehr besonnen reagiert hat. Aber natürlich ist da Angst, und die führt dazu, dass man bei einem solchen Anschlag dazu neigt, alle Geschehnisse in diese Richtung zu interpretieren. So wird aus einem Buch, das ein paar Meter weiter knallend zu Boden fällt, ein Schuss. Und dann gibt es bei solchen Anlässen leider auch Wichtigtuer, die meinen, irgendwie witzig zu sein und mitspielen zu müssen.

Eine furchtbare Frage, aber müssen wir damit rechnen, dass sich die Reihe der Anschläge fortsetzt?

Holsboer: Ich fürchte schon. Ich sehe nicht, warum das von heute auf morgen aufhören sollte. Wir brauchen mehr Sicherheit auf öffentlichen Plätzen, mehr Kameras und Stärkung unserer Polizei. Die hat hervorragend gearbeitet und das ist beruhigend.

Verroht unsere Gesellschaft immer mehr?

Holsboer: Nein, nehmen wir nur die Mordraten. Die sind über die Jahre ja kontinuierlich gesunken. Es ist die Veränderung unserer Gesellschaft, die uns Angst macht. Und natürlich verändern auch diese Taten unsere Gesellschaft. „Dass bei uns so etwas passiert“ – in Kleinstädten wie jetzt Ansbach ist das greifbar.

Wolfgang de Ponte

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