Auszeichnung für Zivilcourage

„Ich hab’ ihn zusammengeschrien“: Bayerns Helden geehrt

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Sie trotzten einem Messerstecher: Maximilian Weber (2.v.l.) und Susanne Adlmaier stellten sich einem psychisch Gestörten entgegen. Dafür wurden sie von Innenminister Joachim Herrmann (l.) und Polizeichef Wilhelm Schmidbauer (r.) mit der Courage-Medaille geehrt.

München - Sie haben sich in Gefahr gebracht, um Schlimmeres zu verhindern. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann hat 37 Bürger mit der Courage-Medaille ausgezeichnet. Das sind ihre Geschichten.

Der Abend, an dem Susanne Adlmaier ihren 44. Geburtstag feiert, ist ein lauer Juliabend. Sie sitzt mit ihrem Mann und ihrem vierjährigen Sohn im Garten. Plötzlich erfüllen Schreie und lautes Poltern die Stille. „Wir haben einen Unfall vermutet“, sagt Adlmaier. Weit gefehlt. Ein psychisch Gestörter hat zunächst seine schwangere Freundin umgebracht und ist dann auf einen ihrer Nachbarn losgegangen.

Die Rosenheimerin erinnert sich noch genau an das, was vor gut einem Jahr geschah; auch wenn sie jetzt, kurz bevor Bayerns Innenminister Joachim Herrmann ihr die „Courage-Medaille“ überreicht, ziemlich aufgeregt ist. Sie handelte damals mutig, mehr als das.

Adlmaier bittet ihren Mann, auf den kleinen Sohn aufzupassen, steckt das Telefon ein, und sieht auf der Straße nach dem Rechten. Sie erkennt die Umrisse zweier Personen. „Der hat meine Frau getötet“, schreit eine der Gestalten. Der andere brüllt zurück: „Ich war das nicht.“ Adlmaier wählt den Notruf und schildert die Situation.

"Plötzlich stand der Mann vor mir, ein Messer in der Hand"

Seine Kollegin wird von einem Fremden brutal angegriffen– der Münchner Koch Rosen Lilov (29) geht dazwischen. Er sagt: „Ich habe gemacht, was jeder gemacht hätte."

Doch dann zückt einer der Männer zwei Messer und geht auf den anderen los. Ein weiterer Nachbar, Maximilian Weber, geht dazwischen, bewaffnet mit der Eisenstage eines Verkehrsschilds. Der psychisch Verwirrte lässt von seinem Gegenüber ab – doch jetzt gerät Adlmaier ins Visier. „Plötzlich stand der Mann vor mir, ein Messer in jeder Hand“, erinnert sie sich. Angst erfüllt sie, um sich, ihren Mann, ihren Sohn. Weglaufen ist keine Option. „Ich habe gedacht: Wenn ich jetzt weglaufe, dann sticht er mich auch ab.“ Dass sie nicht in Panik gerät, verdankt sie ihrem Instinkt. Und ihrer Mutter. „Meine Mama hat immer gesagt: kämpfen.“ Also kämpfte sie. „Ich hab’ ihn zusammengeschrien wie einen Schulbuben. Wenn ich was kann, dann ist das Schreien.“ Der Mann legt die Messer auf den Boden. „Meine Schreie haben wohl die Stimmen in seinem Kopf unterbrochen.“ Die Stimmen, die ihm vorher auch befohlen haben, seine Freundin zu erstechen. Der Mann flüchtet, kurz darauf nehmen Polizisten ihn fest.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann hat Adlmaier und 36 weitere Bürger  für ihr mutiges Handeln mit der Courage-Medaille ausgezeichnet. Sie wird seit 1994 verliehen, seit 2009 immer am oder um den 12. September. Damals hatte Dominik Brunner vier Schüler verteidigt, die von zwei Jugendlichen attackiert wurden. Er bezahlte mit seinem Leben.

„Ich habe größten Respekt vor dem mutigen Einschreiten und der Hilfsbereitschaft gegenüber Mitmenschen in Not“, sagte Herrmann. „Diese vorbildliche Zivilcourage verdient besonderen Dank und höchste Anerkennung.“ Adlmaier nimmt das gerne an. „Die Anerkennung nimmt dem Ganzen die negative Energie.“

Auch Rosen Lilov gehört zu den Geehrten. Seine Geschichte spielt im August 2014. Damals verfolgte ein Mann eine Hotelangestellte von der U-Bahn bis zu ihrem Arbeitsplatz in München. Dann griff er sie an und versuchte, sie aus dem Gebäude zu ziehen. Ihr Kollege Lilov eilte der Frau zu Hilfe und konnte sie aus der Umklammerung des Mannes befreien. Der Täter biss ihm daraufhin in die Hand. Die Wunde ist längst verheilt. Aber die Ehrung, die bleibt für immer.

Kathrin Lindauer und Moritz Rennet: Sie beschützen eine Blinde

Kathrin Lindauer und Moritz Rennet. 

Die Münchner Journalistin Kathrin Lindauer (40) geht dazwischen, als ein Mann in der U-Bahn auf eine sehbehinderte Frau losgeht. Der Grund: Die Dame hat ihn aus Versehen am Arm gestreift. Der Fremde nimmt die Frau bei den Schultern und schubst sie von sich weg. Als er wiederholt auf sein hilfloses Opfer losgehen will, schreitet Kathrin Lindauer ein. 

„Wenn man Hilfe braucht, sollte man immer andere Leute ansprechen und schauen, dass man das Opfer aus der gefährlichen Situation rausnimmt. Ich wollte einfach nur, dass sich die Frau wieder sicher fühlt.“ Genau so hat sie es dann auch gemacht. 

Sie rief Moritz Rennet (22) dazu. Dieser hielt mit anderen Fahrgästen den Mann fest, bis die Polizei am Ort des Geschehens eingetroffen war. „Wir waren zwei Frauen, darum war ich sehr froh, dass Herr Rennet uns zu Hilfe kam.“

Armin Roßmann: Er verfolgt einen Dieb

Armin Roßmann (Mitte). 

Der Münchner Fernfahrer Armin Roßmann (45, Mitte) verfolgte einen Dieb und übergab ihn dann der Polizei. Durch seinen Job sei er schon öfter Zeuge skurriler Geschichten geworden, daher sei ihm sofort aufgefallen, dass etwas mit dem Mann nicht stimmen konnte. Nachts um halb fünf lud ein Unbekannter Säcke, die randvoll mit Zigarettenstangen gefüllt waren, in ein Taxi ein. Dem Fernfahrer kam das sofort komisch vor: „Man darf nicht wegschauen. Wenn einem etwas Ungewöhnliches auffällt, sollte man dranbleiben. Ich habe mich ein bisschen gefühlt wie ein Reservepolizist. Ich würde es genauso wieder machen und bin stolz, heute hier zu sein!“ Wie sich herausstellt: Der Unbekannte ist in ein Tabak- und Lotteriegeschäft eingebrochen und hat das Lager ausgeräumt. Armin Roßmann hatte also den richtigen Riecher.

Bastian Huber/Sara della Malva

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