Mit und ohne deutschen Pass

Bayern wirbt Migranten als Polizisten an

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Innenminister Herrmann (4.v.l.) stellte Polizisten mit ausländischen Wurzeln vor (v.l.): den Italiener Fabio Simari, die Deutsch-Türkin Mesrure Koldemir, den Montenegriner Samir Ajdarpasic, die deutsche Staatsangehörige mit syrischen und türkischen Wurzeln, Aylin Erciyas, und den Deutsch-Iraner David Zekhariafamil.

Nürnberg - Migranten werden in Bayern verstärkt als Polizisten angeworben – mit und ohne deutschen Pass. Innenminister Herrmann erhofft sich eine höhere Aufklärungsquote und mehr Deeskalation. Die Pannen bei den Ermittlungen zur Terrorgruppe NSU haben die Bemühungen verstärkt.

Bayern wirbt verstärkt um Polizisten mit ausländischen Wurzeln. Die Erfahrungen hätten gezeigt, dass diese einen „direkteren Draht“ zu Menschen mit Migrationshintergrund hätten, da sie deren Sprache sprächen und die Mentalität besser kennen würden, sagte Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Montag in Nürnberg. „Ich erhoffe mir dadurch auch eine bessere polizeiliche Aufklärungsarbeit und Konfliktlösung.“

Wie viele der bayerischen Polizisten mit deutschem Pass ausländische Wurzeln haben, wird nicht erfasst. In den vergangenen 23 Jahren wurden 159 Polizisten ohne deutsche Staatsangehörigkeit eingestellt. Sie kamen aus 19 verschiedenen Nationen. Die größte Gruppe stellen Beamte mit türkischen Pass (57), gefolgt von Italienern (17) und Kroaten (16). Die Zahl vergrößert sich seit Jahren nur minimal. Seit 1993 können auch Ausländer in Ausnahmefällen im Freistaat Polizist werden. 2009, als Innenminister Herrmann schon einmal ausländische Polizisten vorstellte, waren es insgesamt 106 Polizisten ohne deutschen Pass in Bayern. Im vergangenen Jahr wurden acht ausländische Polizisten im Freistaat eingestellt, im Jahr 2014 sieben und 2013 sechs.

Bei einer Kampagne, mit der die Polizei um Nachwuchs wirbt (www.mit-sicherheit-anders.de), wird explizit darauf hingewiesen, dass eine Einstellung auch ohne deutschen Pass möglich ist. Auch an Schulen soll gezielter darüber informiert werden. Die Deutsche Polizeigewerkschaft unterstützt die Bemühungen. Leicht sei die Ausbildung aber nicht, warnt Vorsitzender Hermann Benker. „40 Prozent der Bewerber haben Abitur, da haben Bewerber mit Realschul- oder Quali-Abschluss oft das Nachsehen.“ Die Prüfungsstandards für ausländische Bewerber abzusenken, gehe natürlich nicht. „Das ist die Hürde, über die man muss – unten durch springen lehnen wir ab.“

Auch die Pannen bei der Fahndung nach der Neonazi-Terrorgruppe NSU nannte Herrmann als Motiv für die neue Werbekampagne. Es sei unter anderem kritisiert worden, wie wenig „feinfühlig“ die Ermittler mit den meist ausländisch-stämmigen Familien der Opfer umgegangen seien, sagte Herrmann. „Es ist ein Ergebnis, dass es nicht schlecht wäre, wenn es mehr ausländische Kollegen gäbe. Aber wir hatten das Thema schon deutlich länger auf der Agenda.“ David Zekhariafamil, Polizist am Münchner Hauptbahnhof, berichtete von seiner Arbeit: „Es wirkt meist deeskalierend, wenn mein Gegenüber merkt, dass wir die gleiche Sprache sprechen“. Der 36-Jährige hat die deutsche Staatsbürgerschaft und iranische Wurzeln. Nur selten werde er etwa bei Festnahmen von Landsleuten als „Verräter“ beschimpft. Rechte Anfeindungen hätten sie bisher nicht erlebt, sagte etwa der Italiener Fabio Simari (23). „Wenn es Probleme gibt, dann liegt es nicht an meinem Migrationshintergrund.“

Auch Mesrure Koldemir, Ermittlungsbeamtin in Nürnberg und Tochter türkischer Gastarbeiter sagte, sie habe im Job noch nie Schwierigkeiten aufgrund ihrer Herkunft gehabt oder weil sie eine Frau sei.  

dw/lby

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