Idylle in den Allgäuer Alpen?

Gestörtes Karma beim Buddhistentreffen in Immenstadt

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Buddhisten unter sich: Jedes Jahr im August kommen 3000 Buddhisten nach Immenstadt. Oben prangt über allem: Lama Ole Nydahl.

Immenstadt - Jedes Jahr wird Immenstadt zum Mekka der Buddhisten in Deutschland: Tausende kommen zum Sommerkurs auf Gut Hochreute über dem Alpsee. Die Gastronomen freut’s – doch andere sind nicht begeistert.

Die Buddhisten sind barfuß, im Schneidersitz haben sie sich auf dem Boden des alt-ehrwürdigen Hauses niedergelassen. Einige kneten die Perlen ihrer Gebetsketten, andere haben eine Schale vor sich und lassen unablässig Reis durch ihre Finger rieseln. Sie murmeln leise Mantren vor sich hin, den Blick haben sie auf die Buddha-Statue in der Mitte des Raumes gerichtet, sie thront zwischen zwei Fenstern. Draußen flattern die kleinen bunten Fähnchen der tibetischen Berge – vor den Gipfeln der Allgäuer Alpen.

Wie jedes Jahr im August haben sich über dem Alpsee in Immenstadt 3000 Menschen versammelt – zum größten Buddhistentreffen Deutschlands. „Ich hab mich hier direkt wieder wohl gefühlt – es ist so dieses Willkommen-Zuhause-Gefühl“, sagt Mike. Er ist 20 und kommt aus Frankfurt, schon als kleiner Bub hat ihn seine Mutter zu den Buddhistentreffen mitgenommen. „In der Großstadt ist alles ein bisschen kälter“, sagt er. „Aber hier sind die Menschen sehr nett und helfen einander. Ich fühl mich hier glücklich.“

Außen Hirschgeweih, innen Kristalle aus Asien

Mit „hier“ meint Mike das Gut Hochreute bei Bühl am Alpsee. Seit 1999 ist es im Besitz der Buddhismus Stiftung Diamantweg, der die meisten Buddhisten in Deutschland angehören. Den Gutshof in Immenstadt haben die Diamantweg-Buddhisten zu ihrem Europazentrum auserkoren. Außen am Giebel prangt noch ein Hirschgeweih – doch in den Vitrinen liegen Devotionalien aus Asien, Kristalle und Muschelhörner. Den Salon, der auch für standesamtliche Hochzeiten gemietet werden kann, zieren Buddha-Statuen und Drachenfresken. Über die Jahre hat die Stiftung den Pfad hinauf zum Berg asphaltiert, die ehemalige Scheune zu einer Meditationshalle umgebaut, außerdem ist ein neuer Gebäudekomplex für Gäste aus den Diamantweg-Zentren in aller Welt entstanden. Und jedes Jahr zum Sommerkurs entsteht rund um das Gut Hochreute eine kleine Zeltstadt.

Die Immenstädter, denen das Buddhisten-Camp Umsatz beschert, freuen sich: „Wenn die Buddhisten hier sind, ist es in den Geschäften und Gaststätten richtig voll“, sagt Villa Vicencio, Besitzerin einer Eisdiele in der Nähe des Bahnhofs. „Ganz nette Leute sind das. Solche Menschen braucht das Allgäu!“ Auch ein paar Straßen weiter im Café Relax am Marktplatz sind die Buddhisten gern gesehene Gäste. „Viele sind sozusagen schon Stammgäste“, sagt Kellnerin Agnes Vitek. „Ich freu mich immer richtig, wenn die im Sommer kommen.“

Ole Nydahl? "Er tritt als Guru auf"

Aber dort, wo das Gelände der Diamantweg-Buddhisten beginnt, herrscht weniger Harmonie, mitunter sogar Streit. Eine junge Allgäuerin – ihren Namen will sie lieber nicht nennen – wollte im Buddhisten-Camp Flyer für ein Konzert verteilen, wurde aber auf dem Privatweg hinauf zum Gutshof gestoppt. Sie ärgert sich mächtig: „Dass die da oben so riesige Erdmassen verschieben mitten im Landschaftsschutzgebiet, das hat schon für viel Diskussion im Dorf gesorgt. Da oben wird irgendwas Elitäres betrieben, in einem abgeschotteten Kosmos.“

Auch der Immenstädter Toni Kronast blickt mit Skepsis auf das Geschehen im Buddhisten-Camp. Droben auf dem Gutshof war er zwar noch nie, aber allein der spirituelle Lehrmeister, der Däne Ole Nydahl, ist ihm höchst suspekt: „Er sammelt da viele Menschen um sich – er tritt als Guru auf.“

Kritiker haben die Diamantweg-Buddhisten überall, nicht nur unter den Immenstädtern. Oben auf Gut Hochreute ist „Lama Ole“ ein gefeierter Star, prangt auf Flyern und Heften und schwebt im Scheidersitz auf dem riesigen Bildschirm im Massen-Meditationszelt. Er sieht sich in der Tradition der Karma-Kagyü-Linie, einer der vier Schulen des tibetischen Buddhismus. Vertreter anderer buddhistischer Schulen werfen Nydahl „verwestlichten“ Buddhismus vor – mit Interpretationen, wonach Sex, Bungee-Jumping oder Motorradfahren Vorstufen der Erleuchtung sein könnten.

Kritische Stimmen kommen auf Gut Hochreute nicht an

In jüngster Zeit sorgt Ole Nydahl vor allem wegen seiner Haltung zu muslimischen Flüchtlingen für Aufruhr. Im März sagte er in einem Interview: „Die Leute hätten einfach nur den Koran lesen müssen. Dann hätte man vielleicht nicht soviele über die Grenze geholt oder aus dem Wasser gezogen.“ Und bei einem Auftritt in Germering soll er gesagt haben, die Flüchtlinge seien an ihrem Elend selbst schuld - schlechtes Karma. Die Sprecher des Diamantweg-Buddhismus äußern sich nicht weiter dazu, und die Teilnehmer des Sommerkurses wie die 29-jährige Nicole aus Berlin sagen: „Buddhismus und Politik gehört für mich nicht zusammen, das muss man trennen.“ Die kritischen Stimmen kommen nicht durch bis aufs idyllische Gut Hochreute. Hier oben herrscht buddhistische Harmonie.

Regina Mennig und Lena Gilhaus

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