Nach Missbrauchsskandal

Ettal: Niemand will mehr ins Internat

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Schüler in Ettal – ein acht Jahre altes Bild.

Ettal - Nach Aufdeckung des Missbrauchsskandals am Kloster Ettal im Februar 2010 wurden erstmals keine Neuanmeldungen mehr für das Internat verzeichnet.

Herzog Franz von Bayern lernte hier, spätere, hochrangige Politik-Prominenz (Klaus von Dohnanyi), Dichter (Eugen Roth) und Schauspieler (Ken Duken). Sie alle haben eines gemeinsam – den Besuch des Internats am Benediktinergymnasium in Ettal. Doch die dramatischen Enthüllungen um Misshandlungen und sexuellen Missbrauch von Mönchen an Internatsschülern im Februar 2010 brachten mit einem Schlag die Scheinwelt des Klosters zum Einsturz …

Vier Jahre danach spürt die Schulgemeinschaft die Auswirkungen des Skandals drastischer als je zuvor: Es gibt für das kommende Schuljahr – also für 2014/15 – keinen einzigen Neuzugang für die fünfte Klasse des Internats. Jener Einrichtung, die eine so lange Tradition hat und auf die 1710 eingerichtete Ritterakademie zurückgeht. Dies bestätigte dessen Direktor Frater Gregor Beilhack dem Garmisch-Partenkirchner Tagblatt: „Die Entwicklung hat erahnen lassen, dass es irgendwann soweit kommt.“ Zwar könnten die Zahlen für Mittel- und Oberstufe „relativ stabil gehalten werden“, doch Neuanmeldungen von Fünftklässlern gebe es heuer nicht. Aktuell hat das Internat 95 Schüler, um 120 könnte man aufnehmen.

Seit Missbrauchsskandal sinkende Neuanmeldungen

Frater Gregor gesteht ein, dass die Entwicklung wohl unmittelbar mit dem Bekanntwerden von Missbrauch und Misshandlungen an der Schule zusammenhängen: „Seitdem haben Neuanmeldungen am Internat stetig abgenommen. 2009/2010 seien noch 13 Fünftklässler aufs Internat gewechselt, fortan gingen die Zahlen immer mehr zurück: sieben, fünf und nun null. Was an der Klosterschule in der Vergangenheit passiert sei, mit den Übergriffen von Mitbrüdern auf Schüler des Internats, das habe bei Eltern eben dazu geführt, „dass sie Ettal bei der Schulwahl außen vor gelassen haben“, glaubt Gregor Beilhack. Hinzu kam die Nachlässigkeit, Eigenwerbung zu betreiben: „Wir haben dies erkannt und einen neuen Prozess eingeleitet, in dessen Mittelpunkt die Fragen stehen: Wo müssen wir besser werden? Welche Fehler gilt es abzustellen?“

Dass der Rückgang bei den Neuanmeldungen finanzielle Ursachen haben könnte, glaubt er nicht: „Pro Platz berechnen wir 950 Euro im Monat. Da liegen wir, verglichen mit anderen Internatsschulen vergleichbarer Größe, im Schnitt.“ Trotz der tristen Situation wolle Ettal nun keinesfalls resignieren. Pater Gregor: „Das ist eine gewisse Durststrecke, vielleicht auch ein Alarmsignal, dass wir weiter intensiv an uns arbeiten müssen.“ Das Internat verfüge über ein hochmotiviertes, zehnköpfiges Team an Pädagogen und Präfekten mit drei klösterlichen und sieben weltlichen Betreuern der Jugendlichen.

Als Lehre aus der dunklen Vergangenheit sei jetzt immer ein Team von zwei, drei Mitarbeitern für einen Schüler zuständig, nie mehr ein einzelner Pater oder Lehrer. Eines stellt der Frater kategorisch fest: „Kloster und Konvent werden auf jeden Fall am Internat festhalten, der Fortbestand ist in keiner Weise gefährdet.“

hut

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