Skischaukel, Alpspix und Mountain-Cart

"Event"-Inflation: Überrennen wir die Alpen? 

+
Achtung, Gegenverkehr: Am Spitzing kommen Wanderern jetzt Mountaincarts entgegen.

Balderschwang/München – Die Skischaukel am Riedberger Horn rückt näher. Doch der in Bayern viel diskutierte Ausbau des Skigebiets im Allgäu ist nur ein Beispiel unter vielen für das, was Naturschützer als kitischige „Eventisierung“ der Alpen kritisieren.

Konrad Kienle (CSU) macht keinen Hehl daraus, dass er den Vorschlag eigentlich für überflüssig hält. „Aber wenn der Ministerpräsident es will, dann machen wir halt das Ratsbegehren“, sagt der Bürgermeister der Gemeinde Balderschwang im Allgäu. Er steht ohne Wenn und Aber hinter der umstrittenen Bergbahn-Verbindung („Skischaukel“) der beiden Skigebiete Grasgehren und Balderschwang.

Am Dienstag hatte das bayerische Kabinett Zustimmung zur notwendigen Änderung des Landesentwicklungsprogramm signalisiert, sofern die Bürger von Balderschwang und Obermaiselstein dafür sind. An deren Zustimmung hat Bürgermeister Kienle keinen Zweifel. Im Gemeinderat sei die Abstimmung „zu Null“ für das Projekt ausgegangen, berichtet der Hotelier. Also wird wohl am 11. August per Gemeinderats-Beschluss das Ratsbegehren auf den Weg gebracht. Die Abstimmung der maximal 150 Wahlberechtigten – Balderschwang hat 330 Einwohner, aber viele sind nur Saisonarbeitskräfte – könnte im Oktober stattfinden.

Die Skischaukel ist das eine – Fun- und Freizeit-Attraktionen auch für den Sommertouristen das andere. Der Alpenverein spricht von einer „Eventisierung der Alpen“. Er kämpft allerdings an sehr vielen Fronten: Riedberger Horn, „Ski-Ehe“ Pitztal-Sölden, Wasserkraftwerk in den Stubaier Alpen, Skigebiet am Warscheneck in Tirol. Und anderes. Die atemberaubendsten Beispiele stammen dabei nicht aus Bayern. Sondern aus Österreich und der Schweiz. Die Skischaukel, die am Riedberger Horn angedacht ist, mag Umweltschützer entsetzen. Im Vergleich zu einem Projekt in Österreich ist das Vorhaben eher klein. Ende Juni haben die Skigebiete Sölden und Pitztaler Gletscher ihre Pläne für einen Zusammenschluss vorgelegt: drei Seilbahnen, 64 Hektar Skipisten, ein Tunnel, ein Seilbahnzentrum am Rand des linken Fernerkogel (3277 m). Noch sind es nur Pläne, aber der Antrag zur Prüfung auf Umweltverträglichkeit ist eingereicht und die Chefs der Pitztaler Gletscherbahn und der Bergbahnen Sölden sprechen schon von einem Baubeginn 2017.

Andere Projekte, kaum minder kühn in den Fels getrieben, sind schon Realität: Am Schilthorn (2970 m) in den Berner Alpen gibt es seit vorletztem Wochenende einen „Thrill Walk“ – ein Steg führt 200 Meter um eine senkrechte Felswand herum, ein Teil des Bodens ist aus Glas. „Adrenalin pur“, jubelte der Chef der Schilthornbahn, der jetzt auf mehr Fahrgäste hofft. Um das Ganze abzurunden, ist weiter unten ein „Adventure Trail“ in Planung. Am First bei Grindelwald lockt der „First Cliff Walk“ – und am Titlis (3228 m) in der Zentralschweiz Europas höchst gelegene Hängebrücke, der „Titlis Cliff Walk“, laut Eigenwerbung „der ultimative Kick auf 3041 Höhenmetern“.

Dagegen wirkt der Alpspix an der Alpspitze bei Garmisch-Partenkirchen fast wie Spielzeug. Die 25 Meter langen Stege über tausend Meter Abgrund waren einst ebenso umstritten wie das „Fernrohr“ genannte, röhrenartige Naturinformationszentrum am Karwendel bei Mittenwald. Dennoch sind die Macher sechs Jahre nach der Eröffnung zufrieden. „Der Alpspix ist immer noch ein Besuchermagnet“, sagt der Geschäftsführer der Bayerischen Zugspitzbahn, Matthias Stauch. Zählte man bei der Alpspitzbahn 2010 um die 70 000 Fahrgäste, waren es 2015 um die 100 000. Stolz ist der Zugspitzbahn-Boss auf ein neues Kombi-Ticket: Ein Fahrpreis, zwei Gipfel: Zugspitze und Alpspitze. Viele Touristen bewältigen das an einem Tag.

Auch Oberbayern bietet also „Events“ – wenn auch im kleineren Maßstab. Canyoning, Rafting, Iglu-Nächte, Berge in Flammen, Skiopening, Trail Run Challenge – die Fantasie der Tourismusbranche ist schier unbegrenzt. Auf dem Wanderweg, der sich auf 3,5 Kilometern von der Tal- hinauf zur Bergstation der Stümpflingbahn am Spitzingsee windet, müssen Wanderer neuerdings aufpassen. Könnte sein, dass ihnen ein Mountaincart entgegenkommt – eine Art Dreirad, das man inklusive Helm ausleihen kann. Die Bayerischen Staatsforsten, denen der Weg gehört, haben dafür die Genehmigung erteilt. Vorbild war die Mountaincart-Bahn in Marquartstein. Am Kolben bei Oberammergau steht in 1270 Metern Höhe ein Kletterpark im Wald kurz vor der Eröffnung – dann ist die „familienfreundliche Aktiv-Arena mit Bergbahn, Coaster, Bikepark und Hütte“ komplett. Und in Reit im Winkl wirbt man für den Giant Swing – eine Riesenschaukel im Wald. Für all jene, denen der Kletterwald nicht reicht.

Schöne neue Alpenwelt – wo es doch noch Leute geben soll, die einfach nur am Berg wandern wollen.

auch interessant

Meistgelesen

Staatsanwalt fordert vier Jahre Haft für Fahrdienstleiter von Bad Aibling
Staatsanwalt fordert vier Jahre Haft für Fahrdienstleiter von Bad Aibling
Prozess um Zugunglück bei Bad Aibling: Das war der vierte Verhandlungstag
Prozess um Zugunglück bei Bad Aibling: Das war der vierte Verhandlungstag
Transsexuelle Gray verpasst Mehrheit in Zwiesel
Transsexuelle Gray verpasst Mehrheit in Zwiesel
Auf dem WC eingeschlafen: Eishockeyfan in Stadion gefangen
Auf dem WC eingeschlafen: Eishockeyfan in Stadion gefangen

Kommentare