Attentat in Ansbach

Erster Selbstmordanschlag in Deutschland: Bombe im Rucksack

Ansbach – Der erste islamistische Selbstmordanschlag in Deutschland hat Bayern erschüttert – und das nach der Axt-Attacke und dem Amoklauf. Ein Syrer verletzt im fränkischen Ansbach 15 Menschen mit einer Bombe.

Im „Hotel Christl“ am Stadtrand von Ansbach herrscht schon lange kein Hotelbetrieb mehr, in der einzigen Internet-Bewertung von 2009 schimpft ein Gast über das kaputte Badezimmer. Das weiße-gelbe Haus mit Balkonen ist eine Flüchtlingsunterkunft, hier hat bis Sonntag Mohammad D. gewohnt. Mohammad D., 27 Jahre alt, aus der syrischen Stadt Aleppo, der erste Selbstmordattentäter, der sich in Deutschland in die Luft gesprengt hat.

Ansbach am Sonntagabend, kurz vor 22 Uhr. Gleich neben dem Schloss ist das „Open Ansbach“-Festival gleich vorbei, 2000 Gäste hören dem Sänger Gregor Meyle zu. Plötzlich ein Knall. Viele Besucher kriegen das gar nicht mit, die Sicherheitsmitarbeiter sperren einen Ausgang, während die Musik weiterspielt. Minuten später bricht die Polizei das Konzert ab, der Veranstalter gibt dem Sänger auf der Bühne über einen Knopf im Ohr die Info, das Lied noch zu Ende zu spielen – und das Konzert dann ruhig zu beenden.

Denn draußen vor dem Gelände, in der Nähe einer Weinstube, hat sich gerade Mohammad D. in die Luft gesprengt. 15 Menschen werden verletzt, vier von ihnen schwer. Die meisten Verletzungen kommen von den scharfkantigen Splittern aus D.s Rucksack, manche tun sich weh, weil sie in Panik flüchten, über Tische stolpern. Rettungskräfte rasen herbei, der Täter wird wiederbelebt, stirbt dann aber doch.

Drittes Blutbad in Bayern - innerhalb einer Woche

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, CSU, ist am Sonntagabend in Berlin. Er sitzt in der Sendung „Hart aber fair“, spricht mit Moderator Frank Plasberg über den Münchner Amoklauf. Er lobt in der Livesendung die Polizei, sagt auch, dass es keinen hundertprozentigen Schutz vor Anschlägen gibt. Dann erfährt er von der Explosion.

Es ist das dritte Blutbad in Bayern innerhalb einer Woche, eine Welle der Gewalt erschüttert den Freistaat. Montag: Axt-Attacke in Würzburg, fünf Schwerverletzte, der 17-jährige Täter tot. Freitag: Amoklauf in München, neun Tote, der 18-jährige Täter tot. Jetzt Ansbach, eine hübsche 40 000-Einwohner-Stadt in Mittelfranken, nicht weit weg vom Stimmkreis des Innenministers. Herrmann macht sich auf den Weg, erst im Auto, in Jena steigt er in den Hubschrauber um. Morgens, um kurz nach halb vier Uhr, tritt er vor die Presse.

Schon mitten in der Nacht äußert Herrmann den Verdacht, dass der Anschlag islamistisch motiviert sein könnte. Als es Tag wird, zeigt sich, dass das nicht so klar ist. Bundesinnenminister Thomas de Maizière ist am Nachmittag noch vorsichtig und sagt: „Ein Bezug zum internationalen Terrorismus des sogenannten Islamischen Staates ist aus meiner Sicht ebenso wenig auszuschließen wie das Vorliegen einer besonderen Labilität dieser Persönlichkeit oder eine Kombination von beidem.“ Er mahnt Besonnenheit an und warnt vor einem Generalverdacht gegen Flüchtlinge. Die ganz große Mehrheit komme nach Deutschland, um hier in Frieden zu leben: „Das muss sauber getrennt werden.“

Tatsächlich ein IS-Terrorist?

Fast zeitgleich tritt Herrmann noch einmal vor die Presse, vor laufenden Kameras erfährt er, dass die Ermittler ein belastendes Video auf dem Handy von D. gefunden haben. Darin kündigt der Syrer einen Terroranschlag „im Namen Allahs“ an, einen „Racheakt“ gegen Deutsche, „weil sie sich dem Islam in den Weg stellen“. War Mohammad D. aus Aleppo, der laut Polizei Kriegsverletzungen an Füßen und Beinen hatte, also tatsächlich ein IS-Terrorist? Am frühen Abend bezeichnet das IS-Sprachrohr Amak den Attentäter als „Soldat des Islamischen Staates“. Die Bundesanwaltschaft übernimmt, sie ist bei Terrorverdacht zuständig.

Mohammad D. hat in einem Zimmer gewohnt, seine dritte Unterkunft in Ansbach. Den ganzen Montagvormittag über gehen Polizisten im früheren „Hotel Christl“ ein und aus, tragen Kisten aus dem Zimmer im ersten Stock. Sie finden einen Benzinkanister mit Diesel, Salzsäure, Alkoholreiniger, Lötkolben, Drähte, Batterien und Kieselsteine. Material, das man in jedem Baumarkt bekommt. Material, aus dem Bomben gebaut werden können. Auf dem Computer: gewaltverherrlichende Bilder mit IS-Bezug.

Täter brauchte viel Beachtung

Die Beamten befragen auch die anderen Flüchtlinge, die aufgeregt und erschüttert vor dem „Hotel Christl“ stehen. Was war der Täter für ein Typ? Ein junger Mann spricht bei N24 über Mohammad D.: „Er sagte immer, er könne mit dem IS nichts anfangen.“ Und dass D. viel Beachtung brauchte, gerne im Mittelpunkt stand. Ein Mitarbeiter des Sozialamts beschreibt ihn als „freundlich, unauffällig und nett“. Report München berichtet, D. war modern gekleidet, trug im Sommer kurze Hosen, hatte langes Haar, und auch sonst gab es keinerlei Anzeichen für eine Radikalisierung. Angeblich wollte Mohammad D. in einem Schnellrestaurant arbeiten, doch er bekam den Job nicht. Ein Mitbewohner erzählt, Mohammad D. hatte Angst vor der Abschiebung. Denn es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er Deutschland hätte verlassen müssen.

Mohammad D. war „vollziehbar ausreisepflichtig“, sagt ein Sprecher des bayerischen Innenministeriums. Termin: 13. Juli, es gilt eine Frist von 30 Tagen. Dabei haben Flüchtlinge aus Syrien eigentlich sehr gute Chancen auf Asyl in Deutschland. Aus der Statistik des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) geht hervor, dass im ersten Halbjahr 2016 über 136 975 Asylanträge von Syrern entschieden wurde. Die „Gesamtschutzquote“ liegt bei 98,2 Prozent – das heißt nicht automatisch, dass diese Syrer auch asylberechtigt sind. Zumindest eine gewisse Zeit droht aber keine Abschiebung.

In Deutschland fortan "geduldet"

Der Attentäter stellte am 21. August 2014 einen Asylantrag beim Bamf. Wie üblich glichen die Bamf-Mitarbeiter auch D.s Angaben und seinen Fingerabdruck mit den europaweiten Datenbanken ab. So kam heraus, dass D. erst in Bulgarien und dann in Österreich als Flüchtling registriert wurde, in beiden Ländern stellte er einen Asylantrag. In Bulgarien wurde ihm bereits im Dezember 2013 „subsidiärer Schutz“ gewährt. Das ist ein etwas schwächerer Status als eine Anerkennung als Asylberechtigter, Abschiebung droht aber erst einmal nicht. 

Für die österreichischen Behörden und schließlich auch das Bamf stand also fest: Bulgarien ist zuständig für den Flüchtling Mohammad D. Doch gegen die Abschiebung nach Bulgarien klagte der Syrer vor dem Verwaltungsgericht Ansbach. Erfolgreich, das Verfahren wurde eingestellt, D. war fortan „geduldet“. Das heißt, der Flüchtling muss nicht sofort zurück in seine Heimat, die Ausreisepflicht bleibt aber bestehen. Für eine Abschiebung ist wenn dann das Bundesland, also Bayern, zuständig.

Kleinere Drogendelikte, Vorwurf der Nötigung

Der Grund, weshalb Mohammad D. erst einmal bleiben durfte: Er war psychisch labil, depressiv, stand unter Betreuung. Zweimal wurde er im Bezirkskrankenhaus Ansbach psychiatrisch behandelt, zweimal wollte er sich umbringen. Ein Polizeisprecher bezeichnet die Suizidversuche am Montag als „oberflächlich“, D. habe sich die Arme aufgeritzt. Die Polizei hat in seiner Akte auch kleinere Drogendelikte verzeichnet, einmal wurde ihm Nötigung vorgeworfen. Im März 2016 prüfte das Bamf die Abschiebung erneut, diesmal fiel die Entscheidung anders aus: Mohammad D. sollte zurück nach Bulgarien. „Ob das zusätzlich dazu beigetragen hat, die Tat jetzt zu begehen, wird auch noch aufzuklären sein“, sagt Herrmann.

Der Anschlag in Ansbach hat nichts mit dem Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum zu tun. Doch es gibt eine Gemeinsamkeit: In beiden Fällen hätte es noch viel mehr Opfer geben können. Ali S., der Täter aus München, hatte noch 300 Schuss Munition bei sich. Mohammad D. wollte auf das Festivalgelände – hätte er die Bombe dort gezündet, wären vermutlich Menschen gestorben. Doch er hatte keine Eintrittskarte, die Sicherheitskräfte wiesen ihn ab. Ansbachs Oberbürgermeisterin Carla Seidel sagt, der Täter wäre auch mit Ticket nicht auf das Konzert gekommen: „Wir haben wirklich alle Taschen kontrolliert“, sagt die Oberbürgermeisterin. Früher habe man nur stichprobenartig in die Taschen geschaut. Eine Folge der schrecklichen Taten in den vergangenen Tagen. Auch die Stadt München überlegt, die Taschen der Oktoberfestbesucher stärker zu kontrollieren, vielleicht sogar Rucksäcke ganz zu verbieten. In diesen Tagen steht vieles in Bayern auf dem Prüfstand.

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