Kritik an Asylpolitik der Landesregierung

Flüchtlingshelfer streiken: Protestaktion in Landsberg

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Jugendliche Flüchtlinge in Bayern

München - Flüchtlingshelfer aus ganz Bayern sind am Samstag zu einem Dankes-Empfang in den Landtag eingeladen. Doch nun sieht es so aus, als würden zahlreiche Plätze leer bleiben. Viele Ehrenamtliche gehen stattdessen streiken.

Raffael Sonnenschein hat anstrengende Tage hinter sich. Er kommt kaum noch hinterher, E-Mails zu beantworten, sein Handy klingelt ununterbrochen. Und immer geht es um den 1. Oktober. Sonnenschein ist Vorsitzender der Integrationshilfe LLäuft in Landsberg am Lech. Der Verein organisiert einen 24-stündigen Warnstreik für Asylhelfer, die „das Flüchtlings-Bashing der Landesregierung“ nicht länger ertragen können. Damit meinen sie nicht nur Andreas Scheuers Äußerung über Fußball spielende Senegalesen. Protestieren wollen sie wegen der fehlenden Unterstützung der Behörden, wegen gescheiterter Gesprächsversuche und nicht eingehaltener Versprechen – kurz: wegen der vielen alltäglichen Probleme, mit denen die Ehrenamtlichen allein gelassen werden. Die Helfer werden einmal für 24 Stunden nicht helfen – um zu zeigen, wie wichtig ihre Arbeit ist.

Raffael Sonnenschein

Die Protestaktion findet am Samstag statt – an dem Tag, an dem die Landtagspräsidentin Barbara Stamm mehr als tausend Asylhelfer zu einem Empfang ins Maximilianeum eingeladen hat. „Unser Termin steht seit Juli“, betont Sonnenschein. „Wenn die Landesregierung versucht uns mit dem Empfang zu entzweien, wird sie das nicht schaffen“, sagt er. Wie viele Ehrenamtliche sich dem Warnstreik anschließen werden, kann er nicht abschätzen. Aber dass sein Verein mit der Aktion einen Nerv getroffen hat, merkt er an den vielen Solidaritätsschreiben, die aus ganz Deutschland eintreffen, seit er die Aktion über die sozialen Medien bekannt gemacht hat.

Maria Brand ist eine der Flüchtlingshelferinnen in Bayern, die sich umentschieden hat. Sie hatte für den Landtagsempfang bereits zugesagt – genau wie einige andere Flüchtlingshelfer aus ihrem Landkreis Erding. Doch nun werden sie nach Landsberg fahren. Nur eine Ehrenamtliche wird in den Landtag gehen, um ein Schreiben der Erdinger zu überreichen – die Begründung dafür, warum sie protestieren statt sich Dankesworte anzuhören.

„Wir stehen vor so vielen Problemen“, berichtet Brand. Im Kreis Erding kämpfen die Helfer gerade mit vielen Alltagsproblemen: Zum Beispiel damit, dass aktuell kein Geld für die Nachmittagsbetreuung da ist. Oder dass viele Flüchtlinge nach intensiven Integrationsbemühungen in andere Unterkünfte verlegt wurden und alle Kontakte wieder abgerissen sind. Und vor allem mit dem Kommunalpass, mit dem die Flüchtlinge statt mit Bargeld bezahlen müssen. Ein System, das nur mit Unterstützung der ehrenamtlichen Helfer funktioniert. „Es kostet uns unheimlich viel Kraft“, sagt Brand. Viele politische Entscheidungen können die Helfer nicht nur nicht nachvollziehen – sie haben auch lange schon nicht mehr das Gefühl, dass ihr Landrat Martin Bayerstorfer (CSU) auf ihre Vorschläge wert legt, berichtet Brand. „Wir wollen endlich ernst genommen werden – dass man auf Augenhöhe mit uns zusammen arbeitet“, sagt sie. „Wir brauchen Unterstützung statt Lobesworte.“

Maria Brand

Maria Brand sagt das nicht nur, weil sie wie viele andere Flüchtlingshelfer frustriert ist – sondern weil sie sich ernsthaft Sorgen macht, wie es weitergehen wird. Vier Helferkreise im Landkreis Erding haben sich bereits aufgelöst, berichtet sie. Und einige mehr überlegen gerade. Deshalb findet sie die Protestaktion so wichtig. „Sie ist ein deutliches Signal.“ Selbst wenn es nicht auffallen wird, dass 24 Stunden keine Asylhelfer in den Unterkünften sind. „Wir müssten schon drei bis vier Wochen aufhören mit unserem Engagement“, sagt Brand. Aber so etwas, sagt sie, könnte kein Asylhelfer – dafür sind zu viele Emotionen im Spiel.

Außerdem wäre es das falsche Signal, findet Günter Mairhörmann, Asylhelfer aus Mammendorf (Kreis Fürstenfeldbruck). „Wir machen unsere Arbeit ja für die Flüchtlinge, nicht für die Staatsregierung“, sagt er. Auch er ist seit langem frustriert, auch er wird nicht wie geplant in den Landtag gehen, sondern nach Landsberg fahren. „Es ist toll, was Frau Stamm auf die Beine stellt“, sagt er. „Aber die Äußerungen der CSU-Spitze sind unerträglich. Und sie machen sehr viel kaputt.“ Statt sich loben zu lassen, will er lieber ein Zeichen setzen – dafür dass ehrenamtliches Engagement zumindest mittelfristig ernsthaft gefährdet ist. Mitnehmen wird er ein paar Freunde – sie sind Senegalesen.

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