Innenminister Herrmann kündigt verstärkte Lkw-Kontrollen an

Fünf Tote: Todesfalle am Stauende

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A 6 bei Nürnberg: Zwei tödliche Unfälle innerhalb kürzester Zeit. 

Nürnberg – Nur wenige Stunden, nachdem auf der A 6 bei Nürnberg eine Familie bei einem Lkw-Unfall ausgelöscht wurde, gab es einen weiteren Toten. Nahe der Unfallstelle kam ein 46-Jähriger ums Leben. Jetzt will Innenminister Herrmann Lkw-Fahrer stärker kontrollieren.

Es ist ein Bild des Grauens, das die Einsatzkräfte am späten Dienstagnachmittag auf der A 6 bei Nürnberg vorfinden. Der schwarze Kombi ist komplett zusammengequetscht. Was kurz zuvor noch ein Dacia Logan war, ist jetzt ein schwarzes Blechbündel, aus dem noch Teile eines Kinderwagens ragen und neben dem eine rosafarbene Mädchensandale liegt. Die drei kleinen Kinder im Alter zwischen fünf Jahren und neun Monaten, die auf der Rückbank gesessen hatten, konnten die Helfer nur noch tot aus dem Wrack bergen. Ebenso die 27-jährige Mutter. Der 33-jährige Vater liegt mit lebensgefährlichen Verletzungen im Krankenhaus. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt Polizeisprecher Michael Petzold.

Der Zusammenstoß ereignete sich laut Polizei gegen 16.15 Uhr. Die Familie aus dem Landkreis Ludwigsburg in Baden-Württemberg war auf der A 6 in Richtung Heilbronn unterwegs. Kurz vor dem Autobahn-Dreieck Nürnberg-Ost geriet das Paar mit den drei Kindern an einer Baustelle in den Stau. Ein 44-jähriger Lkw-Fahrer übersah offenbar das Stauende, krachte mit hoher Geschwindigkeit in das Auto der Familie und schob es in einen anderen Lastwagen. Übrig blieb ein Bild der Verwüstung. Die beiden Lkw-Fahrer erlitten mittelschwere Verletzungen.

Zweiter Unfall passiert - innerhalb kürzester Zeit

Nur wenige Stunden nach der Tragödie kam es auf derselben Strecke wieder zu einem tödlichen Zusammenstoß – und wieder waren Lkw daran beteiligt. „Diesmal war es eine Verkettung von zwei individuellen Fehlern“, sagt Petzold. Gegen 4 Uhr morgens fuhr ein 46-jähriger Tscheche mit einem Lkw auf der A 6 ebenfalls in Fahrtrichtung Heilbronn. Rund zwei Kilometer vor dem Autobahnkreuz Nürnberg-Ost und der zu diesem Zeitpunkt bereits geräumten Unfallstelle kam er nach rechts von der Fahrbahn ab. „Er ist wohl eingeschlafen“, sagt Petzold. 

Beim Wiedereinscheren auf die Autobahn prallte der Fahrer auf einen am Seitenstreifen stehenden Lastkraftwagen mit polnischer Zulassung. Der 46-Jährige wurde durch die Wucht des Aufpralls im Führerhaus eingeklemmt und starb noch am Unfallort. Sein Beifahrer wurde mittelschwer verletzt und musste von der Feuerwehr aus der Kabine befreit werden. Der 43-jährige bulgarische Fahrer des abgestellten Lkw blieb unverletzt. Laut Polizei hatte er seinen Brummi illegalerweise für eine Lenkzeitpause am Standstreifen abgestellt. „Vermutlich hat auch er geschlafen“, sagt Petzold.

A 6 bei Nürnberg: Zwei tödliche Unfälle innerhalb kürzester Zeit. 

Innenminister Joachim Herrmann (CSU) zeigte sich am Mittwoch betroffen über die beiden tödlichen Unfälle und kündigte verstärkte Kontrollen von Lastwagenfahrern an. „Ein Hauptproblem dürfte auf jeden Fall auch die Übermüdung von Lkw-Fahrern sein. Darauf deutet bei beiden Lkw-Fahrern einiges hin. Deswegen werden wir auch die Kontrollen von Lastwagenfahrern im Großraum Nürnberg weiter verstärken“, sagte Herrmann in Fürth. „Es ist einfach unverantwortlich, wenn Lkw-Fahrer übermüdet am Steuer sitzen.“ Da seien auch die Arbeitgeber bei den Speditionen gefordert. Gerade bei Fahrern aus Osteuropa stelle die Polizei immer wieder fest, „dass Fahrer unter Druck gesetzt wurden, länger und über lange Strecken ununterbrochen am Lenker zu sitzen“, sagte der Minister. In manchen Fällen seien Lastwagenfahrer betrunken oder stünden unter Drogeneinfluss.

Vor allem am Stauende kracht's

Es ist nicht das erste Mal, dass Michael Petzold am Kreuz Nürnberg-Ost zum Einsatz muss. Immer wieder kracht es dort – vor allem am Stauende. Das Autobahnkreuz ist ein Knotenpunkt sowohl für Pendler im mittelfränkischen Ballungsraum als auch für den weiträumigen Ost-West-Transitverkehr. Rund 72 000 Fahrzeuge passieren täglich den Abschnitt zwischen Nürnberg-Ost und Nürnberg-Süd, davon über 17 000 Lkw. Seit 2014 laufen dort die Bauarbeiten zum sechsstreifigen Ausbau der A 6, weshalb es nahezu täglich zu Staus kommt. Bei der Autobahndirektion will man die Unfallstellen nun überprüfen. Man stehe in Kontakt mit der Polizei, um die Unfallursachen herauszufinden, sagt Andreas Eisengruber von der Autobahndirektion Nordbayern. Denn bislang ist noch unklar, warum der Brummi-Fahrer scheinbar ungebremst in das Stauende raste.

Die Baustellenbeschilderung sei vorschriftsmäßig installiert, teilt die Autobahndirektion mit. Das habe die Polizei bestätigt. Die Beschilderung sei teilweise mit Blitzlichtern versehen und in LED-Technik gut sichtbar angebracht. Zusätzlich gebe es eine Stauwarnanlage. Jede weitere Beschilderung würde die Verkehrsteilnehmer überfordern, so die Autobahndirektion.

Bilder

Manchmal sei es aber unvermeidbar, mehrere Baustellen zu durchfahren. „Dies ist für die Autofahrer sehr strapaziös – umso wichtiger ist deren ungeteilte Aufmerksamkeit“, heißt es in der Mitteilung. Insbesondere Lkw-Fahrer sollten sich nicht nur auf das Navigationsgerät verlassen und sich auch nicht ablenken lassen.

Ein Problem sei allerdings das Defizit an Lkw-Stellplätzen. Immer wieder komme es vor, dass die Fahrer ihren Brummi wie in der Nacht zum Mittwoch auf dem Seitenstreifen abstellen – „ein erhebliches Sicherheitsrisiko“. Diesmal sogar mit Todesfolge.

Weniger Unfälle durch automatisierte Lkw

Die meisten Lkw-Unfälle können Experten zufolge mit automatisiert fahrenden Lastwagen künftig verhindert werden. „Automatisierte Lkw lösen gleich mehrere Probleme des Güterverkehrs auf einen Schlag: Lenkzeiten, Sicherheit und Betriebskosten“, heißt es in einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger, die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Die Unfallgefahr werde dramatisch sinken. Strengere Sicherheitsvorschriften würden Fahrerassistenzsysteme zunehmend in den Markt drücken und die Einführung computergesteuerter Lastwagen zunächst auf Autobahnen vorantreiben, erklärte Studienautor Norbert Dressler. Schon heute verfügen viele Lastwagen über Stau- und Spurhalteassistenten. Automatisches Fahren in Konvois spart Sprit. Wenn Fahrer Ruhezeiten einlegen, weil der Computer lenkt, sinken die Kosten. „Weitere Einsparungen ergeben sich durch geringere Versicherungskosten, weil das automatisierte Fahren für mehr Sicherheit sorgt und dadurch die Anzahl der Lkw-Unfälle bis 2040 um 90 Prozent sinken könnte“, heißt es in der Studie.

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