Psychiatrie-Opfer im tz-Interview

Gustl Mollath: Die Wunden sind nicht geheilt

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Kämpft um seine vollständige Rehabilitation – und für Reformen bei Justiz und Psychiatrie: Gustl Mollath.

München - Die tz traf den stets ruhig und konzentriert antwortenden Gustl Mollath am Dienstag abend vor einer von der Münchner FDP organisierten Diskussion zum Thema: „Bayerische Justiz unter Reformzwang?“ zum Interview.

Bei der letzten Begegnung mit Gustl Mollath vor knapp einem Jahr war der 57-Jährige noch „Deutschlands berühmtester Psychiatriepatient“ und hatte in Bayreuth nur einen kurzen Freigang. Heute ist Mollath ein freier Mann, er kämpft für Reformen in der Psychiatrie – und ab 7. Juli vor dem Regensburger Landgericht im Wiederaufnahmeverfahren um seine endgültige Rehabilitation. Die tz traf den stets ruhig und konzentriert antwortenden Mollath am Dienstag abend vor einer von der Münchner FDP organisierten Diskussion zum Thema: „Bayerische Justiz unter Reformzwang?“

Wie verlief ihr Leben in den letzten Monaten, wie schmeckt die Freiheit nach sieben Jahren in der Psychiatrie? 

Gustl Mollath: An Pfingsten war ich bei einem Oldtimer-Rennen in England, da habe ich einen Freund geholfen. Ich war sein Hausl, der Schmiermax, der sich um das Fahrzeug kümmert – er war sehr zufrieden. Und Spaß gemacht hat es auch! Es ist immer gut, nachzukontrollieren, ob man Fähigkeiten, die man früher gehabt hat, noch immer hat – und das ist der Fall.

Haben Sie Angst, dass beim Wiederaufnahmeverfahren alte Wunden aufgerissen werden?

Gustl Mollath: Die Wunden sind ohnehin noch da, eine nennenswerte Heilung hat nicht stattgefunden. Es ist unerträglich, dass ich keine Hilfe bekomme, wo meine Habe geblieben ist – meine Ex-Frau ließ ja mein Elternhaus zwangsversteigern. Als ich unter Zwangsbetreuung gestellt war, sind unter einem Berufsbetreuer schier unglaubliche Sachen passiert. Als ich in der Verhandlung am 8. August 2006 im Nürnberger Justiz­palast fertig gemacht worden bin, ist dieser Berufsbetreuer, der hinter mir saß, aus der Verhandlung raus in mein Haus, um es nach Wertgegenständen zu durchsuchen!

Ihre Ex-Frau wird beim Wiederaufnahmeverfahren anwesend sein – werden Sie mit ihr sprechen?

Gustl Mollath: Ich weiß nicht, was es da privat zu sprechen gibt. Ich bin da sehr vorsichtig, alles was ich sage und tue muss immer nachweisbar sein, damit mir kein Strick daraus gedreht wird. Das Entscheidende wird vor Gericht passieren.

Wie finden Sie es, dass gegen keinen der an ihrer Inhaftierung in die Psychiatrie beteiligten Personen – Gutachter, Hypo-Vereinsbank-Verantwortliche, Staatsanwälte – ermittelt wird?

Gustl Mollath: Das spricht für sich. Wenn jemand sich hier einarbeitet und die Tatsachen und Beweise würdigt, bekommt er einen guten Einblick in den Rechtsstaat.

Ex-Justizministerin Beate Merk wurde zwar ins Europa-Ressort versetzt, ist aber immer noch Ministerin…

Gustl Mollath: Auch das spricht für sich. Wenn man gewissen Kreisen einen Dienst erweist, wird man nicht so leicht fallen gelassen.

Merks Amtsnachfolger Winfried Bausback hat einen Gesetzentwurf vorgelegt, der die Unterbringung in der Psychiatrie erschweren soll. Was halten Sie von seinen Vorschlägen, etwa, dass externe Psychiater künftig mindestens alle drei Jahre ein neues Gutachten erstellen müssen?

Gustl Mollath: Es gab vor einigen Wochen eine Anhörung im Bayerischen Landtag, da habe ich dankenswerterweise ein Protokoll erhalten, das ich ein bisserle durchgearbeitet habe. Da sind Dinge drin, die nicht schlecht sind. Aber das Wesentliche ist es, wie die Qualität eines Gutachters festgestellt wird, ob er überhaupt fähig ist, solch ein Gutachten zu erstellen. In dem Gesetzentwurf wird zudem kein Wort darüber verloren, was man dagegen tun kann, wenn ein eigentlich durchaus qualifizierter Sachverständiger wider besseres Wissen ein Gefälligkeits- oder ein Falschgutachten erstellt.

Einer ihrer ehemaligen Gutachter hat Sie kürzlich in einem Interview als immer noch verrückt hingestellt. Sie haben sich seit Ihrer Freilassung nichts zuschulden kommen lassen – wie fühlt man sich da, wenn man so etwas liest?

Gustl Mollath: Was soll man da noch sagen…

Sie treten heute abend bei einer FDP-Veranstaltung auf. Haben Sie eine politische Nähe zu den Liberalen?

Gustl Mollath: Nein, mich hat der Münchner Rechtsanwalt Hildebrecht Braun angesprochen – ich wusste gar nicht, dass der ein ehemaliger FDP-Bundestagsabgeordneter ist. Aber ich habe keine Vorurteile – es gibt in der FDP wie in vielen anderen Parteien auch sicher ordentliche Menschen.

Wie geht es nach dem Prozess weiter?

Gustl Mollath: Das Wiederaufnahmeverfahren ist erst einmal die wichtigste Hürde. Aber danach muss ich schauen, welche Möglichkeiten es gibt, dass ich wieder einen ordentlichen Beruf ergreifen kann und wirtschaftlich auf die Beine komme. Und ich werde weiter darum kämpfen, dass die Leute, die für mein Desaster verantwortlich sind, rechtsstaatlich zur Verantwortung gezogen werden.

Viele Menschen, die in der Psychiatrie sitzen, wenden sich mit Hilferufen an Sie. Wie gehen Sie damit um?

Gustl Mollath: Es sind so viele Schrei­ben, dass ich gar nicht alles lesen kann. Ich bin sicher, dass an einigen dieser Notrufe etwas dran ist. Doch es übersteigt die menschlichen Möglichkeiten einer Person, solche Einzelfälle wirklich zu beurteilen. Aber ich engagiere mich dafür, dass das Justiz- und Psychiatrie-System insoweit reformiert wird, dass dort wirklich ordentlich gearbeitet wird. Das würde all diesen Menschen nützen!

Interview: Klaus Rimpel

Klaus Rimpel

Klaus Rimpel

E-Mail:Klaus.Rimpel@tz.de

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