Sie wurden von den Fluten überrascht

Hochwasser verwüstet Triftern: "Wo soll ich hin?"

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„Eigentlich kann ich hier alles abreißen“, sagt Horst W. „Aber wo soll ich dann hin?“

Triftern - Triftern in Niederbayern wurde ganz unerwartet vom Hochwasser getroffen. Viele Menschen verloren alles. Nun hoffen sie auf schnelle Hilfe vom Staat.

Ein weiterer Hubschrauber kreist direkt über dem Ortskern von Triftern. Horst W. blickt gar nicht mehr nach oben. Der 83-Jährige hört die Rotorblätter schon seit Stunden. „Das ist eine Katastrophe, und wir sind mittendrin“, flüstert er, während er den Schlamm von einem seiner geliebten Bücher wischt. „Mein ganzes Haus, alles ist kaputt.“

Langsam blickt sich der Rentner in seinem Wohnzimmer um. Überall klebt Dreck. Es riecht modrig – und nach Öl. Regale sind umgekippt. Die Flut – sie war gnadenlos. Viele der Möbelstücke hat der Niederbayer mit seiner Gattin schon auf die Straße rausgetragen. Resigniert fügt Horst W. an: „Eigentlich kann ich doch hier alles abreißen. Aber wo soll ich hin?“

Das kleine Triftern in Niederbayern – bis Mittwochmittag kannten den 5200-Seelen-Ort nahe Pfarrkirchen nur die Wenigsten. Jetzt blickt ganz Deutschland ins Rottal. Innerhalb kürzester Zeit wurde der Altbach im Ortskern zum reißenden Fluss. Zerstörte alles. „Es war so gegen 16 Uhr, als plötzlich das Wasser rasant anstieg“, erzählt Ruth B.. „Wir konnten nur noch in den ersten Stock flüchten.“

Hochwasser in Triftern: "Es war schrecklich"

Die tapfere Frau zeigt auf eine Schmutzlinie an der Wand ihres kleinen Bäckerladens, die genau anzeigt, wie hoch das Wasser stieg. „Die Retter haben uns dann mit einem Motorboot vom Fenster aus rausgeholt. Es war schrecklich. So was hat hier noch keiner erlebt.“ Übernachten konnten sie und ihre Familie bei Freunden, wie viele hier im Ort. Und jetzt? Wie soll es weitergehen?

„Ich weiß es nicht“, sagt die Niederbayerin. „Das Haus ist ja nicht mehr bewohnbar. Riechen Sie mal. Schon meine Mutter hatte hier eine Bäckerei – jetzt ist alles kaputt.“

Ruth B. zeigt, wie hoch das Wasser stand. Am Fenster des Bäckerladens ist die Spur noch zu erkennen

Wer die Bachstraße in Triftern, wo auch Ruth B. wohnt, entlang­geht, kommt sich vor wie in einem Katastrophenfilm: Verdreckte Sofas stehen auf der Straße, durchnässte Holzschränke, zerstörte Teppiche, Stühle und Bilder liegen auf den Geh­wegen. Überall schaufeln Bewohner eimerweise Schutt und Schlamm aus ihren Häusern. Den Tag zuvor kämpften hier Menschen ums nackte Überleben.

Auch Horst W. Er wollte kurz nachsehen, wie hoch die Wassermassen auf seinem Grundstück waren und ob noch etwas zu retten sei. „Doch da wurde ich mitgerissen“, erzählt der 83-Jährige. An der Birke in seinem Garten konnte er sich gerade noch festhalten. Nur mit Hilfe seiner Frau schaffte er es wieder zurück ins Haus. „Es war wie in einem Albtraum.“

Die Menschen in Triftern hoffen auf unbürokratische Hilfe

Wie konnte das Wasser nur so schnell steigen? „Das liegt an den Maisfeldern. Hier gibt es doch wegen der Biogasanlagen nur noch Monokulturen“, erklärt ein Anwohner. Die Maiswurzeln würden aber kein Wasser binden. Alles rinnt in die Bäche und Flüsse. „Wenn es dann viel regnet, kommt die Katastrophe.“

Joachim Z. hofft auf Hilfe. Er sagt: „Jetzt kann die Politik mal zeigen, ob sie ein Herz für uns hat“

Jetzt hoffen die Menschen in Triftern, dass ihnen schnell jemand beisteht. „Wir brauchen hier Hilfe“, sagt Hausbesitzer Joachim Z.. Auch bei ihm stand das Wasser bis in den ersten Stock. „Jetzt kann die Politik mal zeigen, ob sie auch ein Herz für uns hier in Niederbayern hat“, sind sich alle im Ort einig. Man merkt schnell, dass die Bewohner Angst haben, vergessen zu werden.

Die Helfer und Feuerwehren leisteten auch gestern in dem Ort Großes. Am frühen Morgen wurden die Einsatzkräfte aufgestockt, um in Triftern mit dem Abpumpen der Wassermassen zu beginnen. Zudem versuchen sie, eine Notstromversorgung einzurichten. „Natürlich helfen wir hier alle zusammen“, erklärt ein Betroffener. „Aber alleine können wir das nicht schaffen.“

"Die Lage hat sich beruhigt"

tz-Redakteur Armin Geier berichtet aus Triftern.

So sieht es auch Ruth B.: „Es wird Monate dauern, bis hier alles ist wie früher. Wenn das überhaupt geht.“ Immerhin zog sich das Wasser gestern Mittag zurück. „Die Lage hat sich beruhigt, wenn man das so sagen darf“, so ein Polizeisprecher. Eine Einsatzbesprechung soll klären, wie es weitergeht. „Wir hoffen auf Verstärkung, um die Schäden zu beseitigen.“

Das alles wird Zeit und Kraft kosten. Und das Wetter? Am Nachmittag begann es wieder zu regnen. Es war der Moment, als viele Triftener kurz sorgenvoll nach oben in den Himmel blickten – um dann weiter aufzuräumen.

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