Justizskandal: Sitzt Gustl unschuldig in der Psychiatrie?

München - Gustl Mollath (55) gehörte mal zur Nürnberger High Society, jetzt sitzt er in der Psychiatrie. Nach Ansicht der Richter ist er geisteskrank und gemeingefährlich. Dieses Urteil sorgt jetzt für Riesenwirbel.

Er restaurierte alte Ferraris, tunte Sportwagen und fuhr auch selbst Motorsportrennen. Seit fünf Jahren darf er nur noch Däumchen drehen: Auf Anweisung des Landgerichts Nürnberg-Fürth ist er im Bayreuther Bezirkskrankenhaus untergebracht – nach Ansicht der Richter ist Mollath geisteskrank und gemeingefährlich.

Namhafte Juristen wie der ehemalige Chef der bayerischen Steuerfahndung Dr. Wilhelm Schlötterer (72) sehen das anders. Selbst der Schöffe Heinz Westenrieder (66), der im August 2006 mit über Mollath zu Gericht saß, spricht nun von einem Fehlurteil. Das Gutachten zur Zwangsunterbringung von Mollath nennt er ein „Schlechtachten“! Diese Woche will sich sogar der Landtag des Themas annehmen.

Gustl Mollath war mit einer Vermögensberaterin der HypoVereinsbank verheiratet. Nach seinen Angaben wurde er Zeuge, wie sie Schwarzgeld von Kunden persönlich in die Schweiz transferierte. Als er ihr drohte, sie anzuzeigen, soll sie Rache geschworen haben. Mollaths Freund Edward Braun (64): „Sie sagte, wenn Gustl mich und meine Bank anzeigt, dann mache ich ihn fertig. Ich lasse ihn auf seinen Geisteszustand untersu­chen.“

Tatsächlich wurde er 2006 angeklagt, seine Frau „bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt“ und mit den Füßen getreten zu haben. Im Prozess kamen dann auch noch Vorwürfe hinzu, er habe die Reifen an neun Fahrzeugen von Bekannten seiner Frau zerstochen. Gesamtschaden: 6870 Euro. Schöffe Westenrieder: „Für diese verhältnismäßigen Kleinigkeiten wäre er mit Sicherheit mit Be­währung davongekommen.“

Doch die Richter sahen seine „Schwarzgeld-Verschwörung“ als „Teil eines paranoiden Gedankensystems“. Ein Gutachter attestierte Mollath zudem „eine wahnhafte psychische Störung“. Die Anstaltstüren schlossen sich hinter dem Maschinenbauingenieur. Beschwerden wurden von weiteren Instanzen verworfen.

Jetzt aber kommt der von Mollath um Hilfe gebetene Schlötterer zu dem Ergebnis: „Man kann jemanden doch nur dann einen Wahn diagnostizieren, wenn man seine Angaben auch überprüft hat. Doch das ist nicht geschehen.“ Auch der damalige Schöffe Westenrieder sagt: „Die detaillierten Beschreibungen zu Geldwäscheaktionen seiner Frau kamen nicht zur Sprache.“

Die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth indes verteidigte gestern ihr damaliges Vorgehen. Sprecherin Antje Gabriels-Gorsolke: „Aus den Akten des Verfahrens gegen den Verurteilten ergibt sich in Bezug auf die von diesem behaupteten Steuerhinterziehungen nichts, was über bloße Behauptungen und Vermutungen hinausgeht.“ Der Vorwurf einer Verschwörung sei „abwegig“. Dass er wegen einer von ihm erstatteten Anzeige untergebracht worden sei, sei nicht zutreffend.

Allerdings: Die HypoVereinsbank ging den Vorwürfen von Gustl Mollath sehr wohl nach – und zog Konsequenzen. Auf tz-Anfrage erklärte ein Banksprecher am Mittwoch: „Es wurde festgestellt, dass sich Mitarbeiter im Zusammenhang mit Schweizer Bankge­schäften (…) weisungswidrig verhalten hatten.“ Frau M. sei gekündigt worden.

Mollath hilft das wenig. Seine Villa, sein Geld, seine Ferraris – alles ist futsch. Nun kämpfen Freunde zumindest um seine Freiheit. Dr. Schlötterer: „Ich kann den Mann nicht seinem Schicksal überlassen. Die Vorwürfe stehen auf wackligen Füßen. Er sitzt völlig zu Unrecht in der Psychiatrie.“

tz

Rubriklistenbild: © fkn

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