Dank tz-Leser-Spenden in Amerika

Bub aus Bayern: Zwischen Himmel, Hölle und Hoffnung

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Nici bekommt in den USA eine großartige Behandlung gegen seine schwere Leukämie-Erkrankung.

Seattle - Sein brutales Schicksal hat ganz Bayern tief bewegt. Auch dank vieler Spenden von tz-Lesern kann Nici seine schwere Form der Leukämie-Erkrankung in Seattle behandeln lassen. Seine letzte Chance?

Überall Maschinen: Nici während seiner Behandlung in der US-Klinik. Anhand einer Puppe lernte er, wie er die Schläuche in seiner Brust selbst reinigen kann

Sein brutales Schicksal, sein Löwen-Mut und sein unbändiger Lebenswille haben ganz Bayern tief bewegt: Nicolas Kutter (15) aus Schliersee kämpft seit Jahren gegen eine besonders schwere Form der Leukämie. Dank vieler Spenden auch von tz-Lesern kann Nici derzeit in Amerika seine vielleicht letzte Chance im Kampf gegen die heimtückische Krankheit nutzen: Er wird in der Kinderklinik von Seattle mit einer revolutionären Immuntherapie behandelt. Bei dem Verfahren, das in Deutschland noch nicht zur Verfügung steht, werden – vereinfacht ausgedrückt – seine T-Abwehrzellen in einem Hightech-Labor aufgerüstet. Durch eine Art Umprogrammierung sollen sie die Krebszellen auf Dauer bekämpfen und vernichten können.

Nicolas Kutter liegt auf der Intensivstation der Kinderklinik Seattle. Nur eine Woche nachdem er in die Endphase seiner Immuntherapie gegangen war, traten die gefürchteten Nebenwirkungen ein. Jeder vierte Patient in der Studie muss damit rechnen, dass es zu einem „Zytokinsturm“ kommt. In dramatischen Fällen kann er zu Veränderung der Herzfrequenz, Halluzinationen und Hirnkrämpfen führen. “Alles behandelbar“, sagt Mutter Solveig. „Aber es muss eben rechtzeitig erkannt werden.“ Sie hatte Nici spätabends in die Klinik gebracht, als er Fieber bekam. Die Temperatur stieg auf 40 Grad, der Blutdruck fiel.

Sein Arzt sagte zu ihm: "Du musst es wollen!"

Als Nici sich vor seinem Flug nach Amerika im Kinderspital von München verabschiedet hatte, gab ihm sein behandelnder Arzt einen Rat mit auf den Weg zu der Immuntherapie, die ihm ein Leben ohne Leukämie-Sorgen schenken kann: „Du musst es wollen!“ Und Nici will es, wie er im Krebszentrum des Childrens Hospital beweist. Seit fast zwei Monaten lässt er sich dort durch die Mühle einer medizinischen Studie drehen. Er klagt nicht, selbst wenn er große Schmerzen hat.

Abwechslung vom Klinik-­Alltag: Nici hat auch schon den einen oder anderen ­typisch amerikanischen Riesen-Hamburger verdrückt.

Es gibt bessere Tage und es gibt schlechte Tage. Wie den, als die tz den Teenager, für dessen Heilung ganz Bayern die Daumen drückt, besucht. Er hängt am Tropf, bekommt eine der zahllosen Blut-Transfusionen. Vater Roberto hält neben ihm die elterliche Stellung, während Mutter Solveig dafür sorgt, dass sich Nicis Brüder Leonardo, Antonio und Emilio auf dem Spielplatz austoben können.

Nici ist kalt, nichts schmeckt ihm. Nicht einmal einer der gigantischen Hamburger, mit denen er sich sonst gern stärkt. Nachwehen der Chemotherapie, mit der die „zellulare Immuntherapie“ eingeleitet wird. Der 16-Jährige lenkt sich mit Videospielen ab.

Er beantwortet die Fragen der Ärztin mit stoischer Ruhe

Mit stoischer Ruhe beantwortet er die Fragen der Ärztin, die entscheiden muss, ob man den sympathischen Patienten aus Deutschland die Nacht über in der Klinik behält.

Familienglück in der Ferne: Während der Osterferien bekamen Nici und Mama Solveig Besuch von Papa Roberto und seinen Brüdern (v.l.) Antonio, Emilio und Leonardo

Die Entscheidung fällt: Nici kann in die Obhut der Familie gegeben werden. Vater und Brüder freuen sich. Denn die Osterferien sind vorbei, es heißt Abschied nehmen zum Rückflug nach München. Klar ist: Die Kutters sind eine schrecklich starke Familie. Noch nie in Amerika gewesen? Kein Problem. Mutter Solveig organisiert alles. Erst ein Appartement, in dem sie und Nici während der Anfangsphase seiner Behandlung wohnt, dann ein kleines Häuschen, wo die ganze Truppe Platz hat.

Den Fahrdienst in die Stadt und zur nahen Klinik teilen sich die Eltern. So ein Monster wie das achtsitzige „Suburban“-SUV würden sie daheim in Schliersee nie chauffieren, aber hier in der amerikanischen Business-Metropole Seattle (Boeing, Microsoft, Starbucks) macht es geradezu Spaß: “Hier fährt man sehr zurückhaltend und diszipliniert.“

Familie fühlt sich in den Staaten pudelwohl

Ihre Meinung über die Amerikaner ist durch die Bank positiv. Beeindruckend, wie hilfsbereit und kinderfreundlich man den Besuchern aus Bayern begegnet. Und Nici nimmt seine Gastgeber-Nation gegen ein typisches Vorurteil in Schutz: „Es wird den Amerikanern immer nachgesagt, dass sie oberflächlich sind. Ich empfinde das überhaupt nicht so.“

Wie hatte doch ein in Deutschland lebender Texaner, der ein Stammleser von Nicis Blog ist, so schön gesagt: „Amerikaner helfen gerne, sie müssen nur wissen wo.“ Das Wo fand man schnell: den „Deutschland-Stammtisch“ in Seattle. Diese Vereinigung von Amerikanern mit Deutschland-Verbindungen und Bundesbürgern, die in der Hightech-Hochburg des Bundesstaates Washington leben, erwies sich als Füllhorn der Hilfsbereitschaft. Robert Hölzer, ein Kölner US-Auswanderer, und seine amerikanische Ehefrau Lynn stellten die erste Unterkunft in Seattle und ihr Zweitauto zur Verfügung. Durch Vermittlung des am Tegernsee lebenden Microsoft-Managers Robert Feicht bekam Solveig Kutter von dem Konzern ein amerikanisches Handy und einen Tablet-Computer für das Telefonieren übers Internet in die Heimat.

Abwechslung vom Klinik-­Alltag: Nici hat unter anderem schon ein Rundflug gemacht.

Der Höhepunkt: Als Nici bloggte, dass er mit seiner Mutter einen Ausflug ins benachbarte Kanada machen wollte, bekamen die beiden von Peter Schlieck, dem deutschstämmigen Chefpiloten der Flugschule „Canadian Flight Center“ in Vancouver, die Einladung zu einem Panorama-Rundflug. über den Wolken – und sogar am Steuerknüppel des Copiloten-Sitzes – konnte Nici für zwei Stunden seinen Ängsten und Qualen am Erdboden entfliehen. Und bis zum Termin der Infusion mit den genetisch veränderten T-Zellen lenkten ihn Ausflüge (Boeing Flugzeug-Museum, Goldgräberstadt Minder‘s Landing“) von den Schmerzen des permanenten Katheters unterhalb des Schlusselbeins, der Knochenmarks-Punktion und der Chemo ab.

Nici nimmt Privatunterricht

Abwechslung vom Klinik-­Alltag: Mit seiner Mama Solveig besuchte er eine Goldgräber-Stadt.

Seine Pflicht behält der für sein Alter erstaunlich erwachsene Teenager immer im Auge: die Schule. Seine Lehrer in Schliersee halten ihn mit E-Mails auf dem Stand des Unterrichtsstoffes und in der Klinik nimmt er am Privatunterricht teil, zehn bis zwölf Stunden die Woche. „Ich komme gut klar“, sagt er. Sein Englisch verbessert sich in Riesenschritten. Zwar hat er manchmal noch Angst vor den Nachprüfungen, die bei seiner Rückkehr nach Bayern auf ihn warten, aber wenn man fragt, ob er sie bestehen wird, dann nickt Nici zuversichtlich.

Der große Tag kam nach Ostern. Das Herzstück der 185 000-Euro-Behandlung, die beiden Ampullen mit den krebskillenden T-Zellen, lagen vor ihm. Vater Roberto hielt mit der Handy-Kamera fest, wie sie im 15 Minuten Abstand gespritzt wurden.

Von jetzt an heißt es, täglich zur Untersuchung zu gehen und zu hoffen, dass es keine Schreckensmomente mehr gibt wie in der letzten Februarwoche, als bei Nicis zweiter Blutkontrolle „alle Werte in den Keller gefallen waren“ und die Angst hochstieg, „dass die Leukämie zurückkommt“. Gott sei Dank falscher Alarm.

Nici fühlt sich in besten Händen

Aber dann passierte das mit dem Zykotinsturm, einer gefährlichen Überrektion des Immunsystems. Ausgerechnet am Wochenende vor dem Rückflug von Vater Roberto und den drei Brüdern.

Im hochmodernen „Zentrum für Krebs und Blutkrankheiten“ des Kinderkrankenhauses Seattle ist man auf diese Situationen vorbereitet, wie ein Zwischenfall bei den Voruntersuchungen bewies: Als durch eine falsche Bewegung von Nici der Herzmonitor Alarm schlug, der Patient kann sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen, „kamen gleich drei Ärzte angerannt.“ Nici ist in besten Händen.

Dierk Sindermann

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