Attentat bei Würzburg

Kriminologe: Täter wollte Panik in den Augen der Opfer sehen

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Kriminologe Christian Pfeiffer.

Würzburg - Wie kommt es, dass ein angeblich 17-jähriger Flüchtling aus Afghanistan so viel Hass auf seinen Zufluchtsort und die Menschen dort entwickelt? Die tz hat mit einem Kriminologen gesprochen.

Der IS-Terror hat Deutschland erreicht! Durch das Bekennervideo, das die dem Islamischen Staat nahestehende Agentur Amak veröffentlicht hat, gibt es daran kaum noch Zweifel. Die Gewalttat sei „wohl politisch motiviert“ gewesen, sagte auch der Leitende Oberstaatsanwalt Erik Ohlenschlager. Wie kommt es, dass ein 17-Jähriger, der aus seiner Heimat flieht, so viel Hass gegen seinen Zufluchtsort entwickelt? Wir suchen Antworten.

Wie erklären sich die Ermittler die Tat?

Offenbar war der Amoklauf die Reaktion auf die Nachricht vom Tod eines Freundes in Afghanistan, für den er offenbar den Westen verantwortlich machte. „Und jetzt bete für mich, dass ich mich an diesen Ungläubigen rächen kann, und bete für mich, dass ich in den Himmel komme“, schrieb der 17-Jährige in einem Abschiedsbrief an seinen Vater. Ohlenschlager erklärte, dass der 17-Jährige am vergangenen Samstag vom Tod des Freundes erfahren habe. Dies habe großen Eindruck auf ihn gemacht und ihn nachhaltig verändert, sagte Lothar Köhler vom bayerischen Landeskriminalamt. Der junge Mann habe danach sehr viel telefoniert. Mit wem, sei noch unklar, denn das Handy müsse erst noch ausgewertet werden.

Wurde der Täter vom IS eingeschleust?

Nach bisherigen Erkenntnissen: Eindeutig nein. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) gab ebenso wie die Ermittler unter Berufung auf Zeugenaussagen an, der Mann sei durchaus als gläubiger Muslim wahrgenommen worden, aber keinesfalls radikal oder fanatisch erschienen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hatte nach eigenen Angaben denn auch keine Hinweise auf den Attentäter.

Gibt es Beweise für eine Radikalisierung?

Laut Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) fand die Polizei als einzig sichtbares Zeichen einer Hinwendung zum IS ein auf einen Collegeblock gemaltes IS-Symbol im Zimmer des Täters sowie den Abschiedsbrief an seinen Vater, von dem bisher noch nicht bekannt ist, wo er lebt.

Könnte die Würzburger Tat durch Nizza ausgelöst worden sein?

„Ja, wenn man sich sonst schon total gescheitert fühlt, sich ohnmächtig und gedemütigt fühlt“, meint der Kriminologe Prof. Christian Pfeiffer gegenüber dem Münchner Merkur. „Aus dem Hass kann der Wunsch entstehen, als Kompensation einmal die Panik in den Augen des Gegenübers zu sehen. Dann ist das Geschehen in Nizza, über das weltweit berichtet wurde, ein Anreiz, ähnlich berühmt zu werden – auch wenn man dabei draufgeht.“

Ist der IS verbreitet in Afghanistan?

Den IS gibt es in Afghanistan erst seit Anfang 2015, und sein Wachstum ist auch wegen blutiger Rivalitäten mit den Taliban stark gebremst. Seine Kämpfer – angeblich derzeit rund 2500 – sind in nur ein bis zwei der 34 afghanischen Provinzen aktiv. US-Drohnen fliegen derzeit mehrmals wöchentlich Luftangriffe auf ihre Stellungen.

Sind unter den afghanischen Flüchtlingen viele Ex­tremisten?

Das ist schwer festzustellen. Viele der jungen Flüchtlinge gehören zur dünnen Mittelschicht. Sie haben Schul- und manchmal auch Universitätsbildung. Das Interesse der großen Mehrheit scheint nicht der Dschihad, sondern ein besseres Leben zu sein. Allerdings nimmt dem Rechercheinstitut Afghanistan Analysts Network zufolge die Radikalisierung auch an Afghanistans Universitäten zu.

In unserem Live-Ticker halten wir Sie über aktuelle Entwicklungen auf dem Laufenden.

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