Lebensmittelskandal um die Firma Sieber

Führten Bakterien in der Wurst zu vier Todesfällen?

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Bei der Firma Sieber in Geretsried (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) liegt die Produktion still.

Geretsried – Nach dem Bakterien-Fund gibt es den Verdacht, dass Wurstwaren von Sieber eine Reihe schwerer Krankheitsfälle ausgelöst haben – die bei vier Menschen zum Tod führten.

Die Rückrufliste ist mehrere Seiten lang Fleischkäs fein, Fleischkäs grob, Brühpolnische, Debrecziner, Kalbs- und Leberkäs – mehr als 200 verschiedene Wurstprodukte ruft Sieber zurück. Für die mittelständige Firma, die seit 1996 in Geretsried ansässig ist, ist das ein harter Schlag. „Die Mitarbeiter der Produktion sind freigestellt, nur die Verwaltung arbeitet“, berichtet ein Sprecher. Wurstwaren dürfen Sieber erst wieder verlassen, wenn ein Konzept zur hygienisch einwandfreien Produktion vorliegt, erklärte das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen.

Flughäfen München und Frankfurt unter den Kunden

Sieber belieferte halb Deutschland, mehrere hundert Tonnen Fleisch müssten zurückgeholt werden, bestätigte ein Sprecher. Unter anderem werden Küchen an den Flughäfen München und Frankfurt sowie Kantinen namhafter Automobilmarken beliefert. Sieber hat auch eine Info-Nummer geschaltet – und der Informationsbedarf scheint in der Tat groß zu sein: 150 Anrufer habe es gegeben, berichtete der Unternehmenssprecher am Montagnachmittag.

Neben den erheblichen Kosten drohen auch juristische Konsequenzen. Die Staatsanwaltschaft München II prüft, „ob ein strafrechtlich relevantes Verhalten vorliegt“, erklärte ein Sprecher. Das sei aber noch kein Ermittlungsverfahren. Geprüft wird das, was das Robert-Koch-Institut und das Bayerische Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) übereinstimmend „mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit“ annehmen: dass Wurstwaren von Sieber Listeriose ausgelöst haben.

Todesfälle durch Listeriose

Seit November 2012 hatten Behörden gehäufte Krankheitsfälle bakterieller Listeriose des Typs Listeria monocytogenes festgestellt. In Süddeutschland erkrankten daran bis November 2015 insgesamt 66 Personen, davon 16 in Bayern, berichteten Wissenschaftler im Fachblatt Eurosurveillance. 38 Personen waren älter als 70, aber es gab auch viele jüngere erkrankte Menschen, darunter ein zweijähriges Kind und vier schwangere Frauen. 16 der Personen litten an Meningitis, also einer Hirnhautentzündung. 44 hatten Fieber über 38,5 Grad. 

Sechs der Erkrankten starben, in drei Fällen war Listeriose die Hauptursache, hielten die Wissenschaftler im Dezember 2015 fest. Seitdem gab es noch zwei weitere Todesfälle, bestätigte das LGL. "Insgesamt vier der Toten stammen aus Bayern, eine Person davon starb ursächlich an Listeriose“, berichtete eine Sprecherin gegenüber unserer Zeitung. Zu Alter, genauer Herkunft und Todesdatum machte sie keine Angaben.

An dem Artikel in Eurosurveillance schrieb auch ein Mitarbeiter des LGL mit – die Behörde war also stets informiert. „Wir hatten erste Hinweise schon 2012“, bestätigt eine Sprecherin. Nur die Ursache sei unklar gewesen. Als die Krankheitsfälle anhielten und immer derselbe bakterielle Feintyp auftrat, wurden Erkrankte nach ihren Verzehrgewohnheiten befragt. Da Listeriose häufig erst nach wenigen Wochen ausbricht, dauerte es offenbar, ehe die Ursache eingekreist werden konnte: Schweinefleisch. 

Zufallsprobe zeigte Verunreinigung

Der Verdacht fiel erst am 24. März dieses Jahres auf Sieber, als eine Zufallsprobe im Nürnberger Land ergab, dass das Sieber-Produkt „Original Bayerisches Wacholderwammerl“ just mit Listeria monocytogenes verunreinigt war. Wahrscheinlich, so erklärte das bayerische Umweltministerium auf Anfrage des SPD-Verbraucherschutzexperten Florian von Brunn, passierte die Kontamination nach dem Garen, also beim Ausschneiden oder Verpacken. Das LGL veröffentlichte damals eine erste Warnung beim staatlichen Portal lebensmittelwarnung.de – und als am Freitag erneut fünf Proben positiv ausfielen, warnte auch das bayerische Umweltministerium öffentlich.

Für den SPD-Experten von Brunn stellen sich eine Reihe von bohrenden Fragen, etwa: Wie oft hat das Landratsamt Tölz die Firma untersucht? Warum gab es den ersten Fund im Nürnberger Land und nicht vor Ort in Geretsried? „Das ist ein wirklich großer Lebensmittelskandal“, sagt er und kündigte an, im Landtag nachzuhaken. Heute will sich aber zunächst die Firma öffentlich äußern.

Infonummern: Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit hat eine Bürgerhotline zu Listeriose geschaltet, die Nummer: 09131-68085101.

Auch das Unternehmen hat eine Info-Hotline eingerichtet: 08171-98210.

Die Liste der Wurstwaren ist über www.lebensmittelwarnung.de abrufbar

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