Missbrauch in der Kirche: Die ganze Wahrheit

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Die katholische Kirche in München beleuchtet den Missbrauch in den eigenen Reihen: Doch die Erkenntnisse schockieren.

Ein Schock-Gutachten über den Missbrauch in der Kirche gelangte jetzt an die Öffentlichkeit: Rund 300 Täter und eine hohe Dunkelziffer - es sind Zahlen der Schande.

Vor knapp zehn Monaten begann der Skandal: Die Republik erschrak über sexuellen Missbrauch und Gewalt in der katholischen Kirche. Die Aufregung in den Bischofspalästen war groß – manch ein Oberhirte mauerte sich weiter ein, andere gelobten Aufklärung und Buße. Zu letzteren gehört der heutige Kardinal Reinhard Marx (57).

Der Erzbischof von München und Freising zieht eine bittere Bilanz: „Für mich waren es die schlimmsten Monate meines Lebens.“ Er hatte schon vor Monaten die Anwaltskanzlei Westpfahl, Spilker, Wastl mit einem Gutachten zum Ausmaß der Schandtaten seit 1945 in der Erzdiözese beauftragt. Das Ergebnis liegt jetzt vor. Der Kardinal klärt schonungslos auf, doch die Last wird nicht leichter – im Gegenteil: Je genauer die Fachleute hinschauen, umso schockierender sind die Erkenntnisse!

Gutachten: Missbrauch in Kirche systematisch vertuscht

Hunderte Täter vergingen sich an Kindern – allein in der Erzdiözese München und Freising, also auf dem Gebiet zwischen Moosburg und Miesbach, Garmisch und Berchtesgaden. Die Vertuschung ging über Jahrzehnte systematisch bis hinauf in die obersten Etagen des Erzbischöflichen Ordinariats – wo zuletzt neben Marx Kardinal Friedrich Wetter und der heutige Papst Joseph Ratzinger saßen. Das alles im Namen der Nächstenliebe, im Namen Jesu. Sechs Monate hat die Anwaltskanzlei an dem Gutachten gearbeitet. Von den 13 200 gesichteten Akten enthielten 365 Hinweise auf Vergehen, sagt die Gutachterin und frühere Richterin Marion Westpfahl. „Das sind so viele, wie ein Jahr Tage hat.“ Und da sind die über 100 Fälle aus dem Kloster Ettal noch gar nicht mitgezählt!

Chronologie der Missbrauchsfälle

Chronologie der Missbrauchsfälle

Der Skandal erreicht in München sogar eine neue Dimension: Umgerechnet erwiesen sich fast drei Prozent der untersuchten Erzbistums-Akten über Mitarbeiter als brisant – gezielte Aktenvernichtungen nicht mit eingeschlossen. Bisher behaupten manche, die Schandtaten ereigneten sich allenfalls im Promillebereich. Genau 159 Priester sind laut Gutachten seit 1945 auffällig geworden.

Zum Vergleich: Heute verrichten im gesamten Erzbistum rund 700 Diözesanpriester ihren Dienst. Von den 159 seien „lediglich“ 26 wegen Sex-Taten verurteilt worden, sagt die Anwältin Westpfahl. Dabei gehen die Gutachter mindestens von 17 weiteren erwiesenen Tätern aus – allein anhand der Aktenlage! Zudem seien wegen Gewalttaten nur zwei Pfarrer bestraft worden, dabei halten die Anwälte weitere 36 Geistliche für überführte Täter! Merkwürdig: Die Verurteilten sind alle schon tot – ihre Verfahren müssen also schon länger zurückliegen.

Kardinal Reinhard Marx fordert eine Umkehr seiner katholischen Kirche.

Hat es in jüngerer Zeit etwa keine Täter mehr gegeben? Auffällig hätten sich auch Diakone, Referenten und Religionslehrer gemacht. Die Gutachter gehen von einer riesigen Dunkelziffer aus: Die Kirche habe in der Vergangenheit Akten umfangreich vernichtet. Weitreichende Bestände seien außerdem in Privatwohnungen gelagert worden. Andere Teile des Archivs waren für alle Mitarbeiter frei zugänglich. Fazit: „Viele Vorgänge sind nicht mehr nachvollziehbar“, urteilt die Anwältin. So sei in sechs Fällen klar, dass Priester vom Strafgericht verurteilt wurden. Die Urteile verschwanden einfach! Doch selbst wenn die Schande aktenkundig wurde, seien die Taten in den Dokumenten verharmlost und beschönigt worden. Die Opfer – oft Kinder – habe die Kirche nicht sehen wollen. Sex-Täter seien versetzt worden, neues Leid habe man in Kauf genommen. Motto: Bloß kein Skandal … Damit ist jetzt Schluss: Kardinal Marx hört dem Bericht niedergeschlagen zu. Er empfinde Scham und Trauer: „Jetzt ist die Zeit für Buße und Umkehr.“

Der Zorn der Ettal-Opfer

Geradezu erschüttert wurde Kloster Ettal von den schweren Missbrauchsfällen und den früher alltäglichen Prügel-Orgien. Doch neun Monate nach Bekanntwerden der Fälle sind die Opfer weiter über die Aufarbeitung des Klosters entsetzt. Das geht aus einem Brief des „Vereins Ettaler Misshandlungs- und Missbrauchsopfer“ an Verantwortliche hervor, der der tz vorliegt. Der Vorsitzende Robert Köhler kritisiert, dass das Kloster die Krise nicht aus eigener Kraft aufklären könne. Noch immer liege kein umfassender Bericht vor. Es entstehe der Eindruck, dass Manches nicht aufgedeckt werden soll. Die Verantwortlichen hätten noch bis zum Jahrestag im Februar Zeit…

Hinter den dicken Mauern der Benediktiner-Abtei mit Internat sind 31 sexuelle Übergriffe auf Schüler bekannt geworden. Hinzu kommen 88 Fälle, in denen den Patres vorgeworfen wird, körperliche Gewalt angewendet zu haben. Das geht aus dem Bericht der Sonderermittlers Thomas Pfister hervor. Die Taten zählen nicht zur Bilanz des Erzbistums, weil das Ordinariat nicht für das Kloster zuständig ist, obwohl es auf dessen Gebiet liegt. Konkret werden 13 Patres und zwei weltliche Erzieher beschuldigt. Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt seit Monaten gegen den jungen Pater G. Aber auch andere Orden wie Salesianer und Kapuziner haben Schandtaten zu verzeichnen.

 Zahlen der Schande

Allein die Dimension lässt schon das Schlimmste befürchten: Das Gutachten über sexuellen Missbrauch und Gewalt in der katholischen Kirche in und um München hat 250 Seiten. Sechs Monate arbeitete die Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl, Spilker, Wastl daran. „Wir durften alle Quellen nutzen“, sagt Marion Westpfahl. Die Erzdiözese will das Gutachten nicht veröffentlichen. Generalvikar Peter Beer, Stellvertreter von Kardinal Marx, begründete dies mit dem Persönlichkeitsrecht der Genannten, auf mehr als der Hälfte der Seiten tauchten Namen auf. „Das ist kein Täterschutz“, betonte Beer.

Bereits die Zusammenfassung des Gutachtens stellt ein Zeugnis der Schande dar: „(…) Über 13 200 Akten wurden durch Mitarbeiter des Ordinariats nach Hinweisen auf etwaige einschlägige Vorfälle gesichtet. Hierunter befanden sich Personalakten, Handakten aus dem Personalreferat, Gerichtsakten, Archivbestände, Schuleinsatzakten sowie auch Akten aus den Geheimarchiven des Erzbischofs und des Generalvikars.

In 365 Akten wurden Hinweise festgestellt und diese sodann einer anwaltlichen Detailprüfung unterzogen.“ „Nach der dargestellten Prüfung sind 159 Priester auffällig geworden, wobei mit dieser Zahl sicherlich nicht alle einschlägigen Übergriffe erfasst sind, sondern vielmehr davon auszugehen ist, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegt. Wegen Sexualdelikten wurden 26 Priester verurteilt. (…) Bei 17 weiteren Priestern ist von einem Nachweis verübter Sexualdelikte auszugehen. Wegen sonstiger körperlicher Misshandlungen liegen zwei Verurteilungen vor. (…) Sonstige Misshandlungen durch Priester sind nach Auffassung der Gutachter in 36 Fällen als erwiesen anzusehen. In den Unterlagen befinden sich Hinweis auf sechs strafgerichtliche Verurteilungen, ohne dass festgestellt werden konnte, was diese zum Gegenstand haben.“

„Insgesamt 15 Diakone (desweiteren ein laisierter Diakon) wurden auffällig. Lediglich im Fall des später laisierten Diakons erfolgte eine Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs. In einem Fall ist aus Gutachtersicht die körperliche Misshandlung erwiesen. (…)“ „Unter den Berufsträgern der Gemeinde-/Pastoralreferenten, Seelsorgehelfern und Jugendpflegern wurden sechs Personen auffällig. (…) Insgesamt 96 Religionslehrer im Kirchendienst wurden auffällig, von denen einer wegen eines Sexualdelikts verurteilt wurde. Ein weiterer Fall sexuellen Missbrauchs ist nach Auffassung der Gutachter erwiesen. In keinem Fall liegt eine Verurteilung wegen sonstiger körperlicher Misshandlungen vor, obwohl solche nach Auffassung der Gutachter in 24 Fällen erwiesen sind.“

„Von einer erheblichen Dunkelziffer ist auszugegehen. Dies gilt umso mehr deshalb, da (…)Aktenvernichtungen in erheblichem Umfang stattgefunden haben und weitreichende Aktenbestände außerhalb des Ordinariats in Privatwohnungen eingelagert wurden und damit einem manipulativen Zugriff ausgeliefert waren.“

David Costanzo, Christoph Lang, Claudius Haarmann

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