Vier Wochen nach dem Hochwasser

Nach der Flut: So sieht es jetzt in Simbach aus

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Ein Bagger steht am 23.06.2016 in Simbach am Inn (Bayern) im Wasser des Simbachs.

Simbach am Inn - Sieben Menschen starben bei der verheerenden Flut in Simbach vor einem Monat. Die Riesenschäden machen ein normales Leben noch immer unmöglich. 

Ein Monat nach der Flut: Simbach wirkt wie eine Geisterstadt

Bäckermeister Hans Braumiller (71) sitzt an einem Biertisch, den er im Verkaufsraum seiner Bäckerei aufgestellt hat. Bis auf die nackten Mauern ist von seinem Geschäft nichts mehr übrig.Einen Monat ist es her, dass der Simbach die Ladenfenster eindrückte. Binnen Sekunden verwandelten die Wassermassen das gesamte Erdgeschoss in eine Wüste aus Schlamm und zermalmtem Mobiliar. Inzwischen ist der Keller ausgepumpt, die müllgewordene Einrichtung beseitigt. Als nächstes muss der Boden erneuert werden, weil sich der Unterbau mit Wasser und ausgelaufenem Heizöl vollgesogen hat. Schritt für Schritt kämpft sich die Bäckersfamilie zurück in die Normalität. „Es bleibt ja nichts anderes übrig. Weinen hilft gerade nicht“, sagt Braumiller.

Immerhin können er und die anderen Hochwassergeschädigten nun tatsächlich auf umfassende staatliche Hilfe hoffen. Mindestens 80 Prozent der Schadenssumme sollen die Betroffenen ersetzt bekommen, in Härtefällen sogar noch mehr. Dennoch steht den Simbachern noch viel bevor: Die Aufräumarbeiten werden „bestimmt noch ein Jahr dauern“, glaubt Braumiller.

Wie ihm geht es derzeit vielen Simbacher Einwohnern und Geschäftsleuten. Die Straßen der Stadt sind inzwischen vom gröbsten Schmutz befreit. Staubwolken wabern in der Mittagshitze durch die Straßen, noch immer liegt ein schlammiger Geruch in der Luft. Überall ist das Surren der Trocknungsgeräte zu hören: Sie kämpfen gegen die Feuchtigkeit, die tief in die Mauern eingezogen ist. Fenster sind oft nur noch bloße Löcher, dahinter leere Räume, nackte Ziegel und Beton. Viele Häuser sind unbewohnbar oder gar einsturzgefährdet, sie zu betreten wäre lebensgefährlich. Ihre Bewohner sind notdürftig bei Bekannten oder Verwandten außerhalb untergekommen. Simbach gleicht einer Geisterstadt.

Dieser erste Eindruck aber täuscht: Aus fast jedem Hauseingang und Kellerfenster dringt ein Bohren und Hämmern. Lastwagen entsorgen den Müll und Schutt, den die Arbeiter nach draußen tragen. Eine ganze Handwerkerarmee ist in Simbach eingerückt, erneuert Böden, Wände und Elektroinstallation. Strom- und Wasserversorgung sind weitgehend wieder hergestellt, auch wenn in einigen Straßen das Trinkwasser noch abgekocht werden muss. Das Wetter meinte es zuletzt gut mit den Simbachern, sodass die Arbeiten schnell vorangehen. Ziehen aber Wolken über dem Ort zusammen, geht der Blick der Menschen bang nach oben – der Schock angesichts des gewaltigen Unglücks, das vor einem Monat über den Ort hereingebrochen ist, sitzt nach wie vor tief.

Die Erschütterung merkt man auch Maria und Hermann Lessing an. Das Paar führte in Simbach einen Raumgestaltungsmarkt. Die beiden standen kurz vor der Rente. Maria Lessing kann immer noch nicht fassen, dass von dem Geschäft nichts mehr übrig ist. „Wir haben unser Leben lang gespart“, sagt sie, während sie in die tristen, leeren Räume blickt. Ob sie noch einmal von vorne anfangen? Schulterzucken. Die Lessings wissen noch nicht, was werden soll.

Ein Lichtblick sei die enorme Hilfsbereitschaft gewesen, die die Simbacher von allen Seiten erfuhren, darin sind sich in der Stadt alle einig. „Eine Passauer Trockenbaufirma ist mit acht Mann bei uns angerückt und hat uns zehn Tage lang geholfen, ohne einen Cent zu verlangen“, sagt Bäcker Braumiller. Auch die Nachbarn aus den umliegenden Landkreisen und aus Österreich sowie viele Asylbewerber hätten selbstlos mit angepackt. Und die Hilfsbereitschaft hielt an, erzählt der Bäcker begeistert: „Drei Wochen lang ist es hier zugegangen ohne Ende.“

Derweil zieht durch die ruinierten Geschäftsräume der Lessings der Duft von Apfelkuchen. In der intakt gebliebenen Küche im ersten Stock hat Maria Lessing gebacken – zum ersten Mal seit der Flutkatastrophe. „Ich glaube, er ist was geworden“, sagt sie und lächelt. Ein Glücksmoment, der wieder etwas Kraft gibt.

dpa

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