Prozess in Weiden

Toter Neunjähriger: Angeklagter gibt der Mutter die Schuld

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Der Angeklagte (Mitte) im Prozess um den gequälten Neunjährigen.

Weiden - Ein Nachbar soll einen Neunjährigen misshandelt und getötet haben. Vor Gericht wies der Mann die Vorwürfe jedoch zurück - und beschuldigte die Mutter des Kindes.

Reglos lässt der Angeklagte den ersten Prozesstag über sich ergehen, immer wieder schließt er für einige Sekunden die Augen. Als Richter und Anwälte Bilder des neun Jahre alten Todesopfers anschauen, bleibt der 34-Jährige allein auf der Anklagebank im Landgericht Weiden sitzen, verzichtet auf den Anblick. Er kennt den Jungen gut, hat mit ihm im selben Haus in der Oberpfalz gelebt. Dem Mann wird vorgeworfen, das Kind über Wochen misshandelt und am Ende durch Faustschläge gegen den Kopf getötet zu haben.

Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt: Am 4. August 2014 schlug der Mann im Streit um die Erziehung des unruhigen Jungen der Mutter des Kindes eine Bratpfanne gegen den Kopf und traktierte dann das Kind mit Fäusten. Der Junge starb an den Folgen einer Hirnblutung.

Doch diese Version weist der Angeklagte vehement von sich. In einer persönlichen Erklärung lässt er am Dienstag zunächst seinen Anwalt für sich sprechen, bevor er selbst mit knappen Worten Fragen des Gerichts beantwortet. Seine Version: Die Mutter des Kindes habe ihrem Sohn mehrmals mit einem Duschkopf gegen den Kopf geschlagen.

Der 34-Jährige lebte seit April 2014 mit seinem eigenen Sohn, dem neunjährigen Opfer und dessen Mutter in einem Mehrparteienhaus in Vohenstrauß (Landkreis Neustadt an der Waldnaab). Die zwei Familien hatten je ihre eigene Wohnung, dazu kamen gemeinsam genutzte Räume. Die beiden Erwachsenen hatten sich 2010 in München kennengelernt - und sich seither unterstützt. Beide waren alleinerziehend mit Kindern, die an der Aufmerksamkeitsstörung ADHS erkrankt sind.

Nach langjähriger Freundschaft entschieden sie sich zu dieser Art von Wohngemeinschaft. Zu dieser Zeit erkrankte die Frau an Multipler Sklerose, im Sommer 2014 begann sie eine Kur. Der Angeklagte übernahm für diese Zeit die Betreuung des Neunjährigen - und setzte dabei auf harte Bestrafungen. Der Junge musste bis zu einer Stunde lang in der Ecke stehen, Strafarbeiten verrichten und bekam Ohrfeigen, räumt der Mann in dürren Worten vor Gericht ein.

Dass er ihn mit Fäusten geschlagen habe, weist er dagegen von sich. Der Junge habe sich oft selbst verletzt, den Kopf gegen die Wand geschlagen und sich selbst gewürgt. Das sagte auch die Mutter des Kindes der Polizei, wie mehrere Beamte im Gerichtssaal aussagen.

Als die Mutter aus der Kur zurückkam, sei sie mit ihren Sohn nicht mehr klargekommen, schildert der Angeklagte. Deshalb habe sie ihn unter anderem aufschreiben lassen: „Ich bin nicht der Chef, sondern die Mutti.“ Am Abend des 4. August dann habe er lautes Geschrei aus der Wohnung der beiden gehört. Als er nachschauen ging, habe die Mutter ihrem Sohn mit einem Duschkopf gegen den Kopf geschlagen, nachdem sie ihn zuvor mit heißem Wasser bespritzt hatte. Er habe der Frau daraufhin den Duschkopf entrissen - und ihr damit einen Schlag gegen den Kopf verpasst. Ungewöhnlich aggressiv habe sich die Mutter an jenem Abend verhalten: „Das habe ich so noch nicht erlebt.“

Der Neunjährige habe sich nach dem Vorfall erbrochen und musste auf Anweisung des Angeklagten das Erbrochene aufwischen. „Es waren aber keine Verletzungen zu sehen“, betont der 34-Jährige. Die Mutter des Kindes fuhr derweil ins Krankenhaus, um sich wegen einer möglichen Gehirnerschütterung untersuchen zu lassen. Der Neunjährige legte sich nach Worten des Mannes auf der Couch des Angeklagten zum Schlafen. Als dieser ihn am nächsten Morgen laut Aussage leblos, aber noch warm fand, rief er den Rettungsdienst - jedoch vergeblich.

Als die Polizei kam, habe er verwirrt gewirkt, sehr geweint, sei mit der Situation überfordert und völlig durcheinander gewesen, bezeugen Beamte. Klarheit über die wahren Umstände des Tatabends sollen nun acht Prozesstage bringen. Am Mittwoch ist die Mutter des getöteten Kindes als Zeugin geladen. Ein Urteil wird Ende Oktober erwartet.

dpa

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