Praktikum bei Wacker in Burghausen

Junge Flüchtlinge arbeiten an ihrer Zukunft

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An einer Metallplatte sägt Munier aus Eritrea in einer Werkshalle von Wacker Chemie.

Burghausen – Mehr Ausbildungsplätze für junge Asylbewerber finden: Eine Praktikumswoche für Flüchtlinge in Burghausen zeigt, wie das funktionieren kann. Aber auch, dass es für erfolgreiche Integration noch viele Hürden zu überwinden gilt.

Munier aus Eritrea steht im blauen Arbeitshemd vor einem Schraubstock und sägt, was das Zeug hält. Er schneidet akkurat eine Metallplatte zurecht, die später zu einer kleinen Box gebogen werden soll. Es ist eine schweißtreibende Arbeit an dem widerspenstigen Werkstück, trotzdem lächelt der 18-Jährige, der vor dem Militärregime in seiner Heimat geflohen ist. „Arbeiten mit den Händen macht mir Spaß“, sagt er.

Munier ist Teil einer Gruppe von 18 jungen, unbegleiteten Flüchtlingen, Schülern der Berufsschule Altötting. Dort lernen sie Deutsch und arbeiten auf einen Mittelschulabschluss hin. Am Berufsbildungswerk Burghausen (BBiW) absolvieren die Asylbewerber eine Praktikumswoche. In dieser Zeit sollen sie einen praktischen Einblick in Metallverarbeitung, Elektronik und Chemie bekommen und lernen, wie das System der dualen Ausbildung in Deutschland funktioniert. Initiiert hat das Praktikum das Unternehmen Wacker Chemie, das über eine Stiftung das BBiW finanziert. Der Konzern arbeitet mit der „SchlaU-Schule“ zusammen, einem gemeinnützigen Institut, das es sich zum Ziel gesetzt hat, junge Flüchtlinge dabei zu unterstützen, einen Schulabschluss zu erreichen und eine Ausbildung zu absolvieren.

"Man muss bei Adam und Eva anfangen"

„Unser Ziel ist es, Ausbildungsfähigkeit herzustellen“, sagt auch Wolfgang Neef, der Leiter des BBiW. Dafür gilt es aber noch, große Hürden zu nehmen. „Man muss bei Adam und Eva anfangen“, erklärt Neef unumwunden. Handwerkliche Erfahrung bringen die wenigsten der jungen Männer mit. Die meisten müssen den Umgang mit den Werkzeugen von Grund auf erlernen. Das zweite große Hindernis ist die Sprachbarriere, obwohl die Praktikanten bereits grundlegende Deutschkenntnisse haben. Das Problem ist laut Neef das fachspezifische Vokabular: „Da ist der Kenntnisstand wirklich null“. Auch wenn am Ende jedes Praktikumstages Ausbilder wie Praktikanten gleichermaßen erschöpft sind, wollen beide Seiten nicht aufstecken. „Es braucht einen langen Atem“, sagt Neef. „Die Burschen sind freundlich und hoch motiviert.“ Eine Ressource, die es zu nutzen gelte.

Diesen Eindruck teilt auch Metallverarbeitungs-Ausbilder Alfons Kimberger: „Sie geben sich riesige Mühe, starten aber halt auf einem anderen Level.“ Ob die jungen Asylbewerber in naher Zukunft fit für eine Ausbildung am BBiW oder bei einem anderen Unternehmen sein könnten? „Das liegt an ihnen“, sagt Kimberger. Und Neef ergänzt, dass wohl nicht nächstes, aber vielleicht übernächstes Jahr die ersten soweit sein könnten. Bis dahin müssten die jungen Flüchtlinge ihre Deutschkenntnisse vertiefen und sich grundlegende Fingerfertigkeiten aneignen. „Das braucht Zeit“, sagt Neef.“ Aber nur so kann es gehen.“

"Nur so kann es gehen"

Munier ist inzwischen mit seiner Sägearbeit ein Stückchen weiter. Heute wird das Übungsstück nicht mehr fertig werden. Dass die Arbeit deutlich schwieriger ist, als er sich das vorgestellt hat, nimmt der junge Eritreer gelassen und sagt: „Wir machen es langsam, aber richtig.“ An diesem Nachmittag steht erst einmal der gemeinsame Austausch über das Gelernte und das Gespräch mit jungen Chemikanten, Elektrikern und Metalltechnikern des BBiW auf dem Programm. Auch wenn Worte wie „Kreiselradpumpe“ oder „Abisolierzange“ den Praktikanten aus Afghanistan, Gambia, Eritrea, Syrien, Albanien und dem Kosovo noch schwer über die Lippen kommen: Sie erzählen, in einfachen Sätzen was sie über Chemie, Elektrik und Metallverarbeitung erfahren haben. Und wie viele Regeln es zu beachten gilt.

Für ein selbstgefertigtes Souvenir hat es in dieser Woche noch nicht gereicht, dafür war das Programm zu ehrgeizig gesteckt. Stattdessen nehmen die jungen Asylbewerber einen Eindruck davon mit, wie Berufs- und Arbeitsplatzfindung in Deutschland funktioniert – und dass sie es nicht leicht haben werden, eine Stelle zu finden. Dennoch, davon sind die Lehrer und Ausbilder am BBiW, an der Berufsschule Altötting und an der „SchlaU-Schule“ überzeugt, kann dieser Weg der kleinen Schritte zum Erfolg führen. Ein Satz, den man von ihnen oft zu hören bekommt: „Nur so kann es gehen.“ Dass es für alle klappt, ist noch nicht ausgemacht. Aber der Wille ist da.

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