Nach dem Selbstmordanschlag

Psychisch krank oder IS-Kämpfer? Was wir über den Attentäter von Ansbach wissen

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Der Täter von Ansbach: Mohammed D.

München - Unauffällig, depressiv, suizidal: Fragmente der Persönlichkeit des Ansbach-Bombers sind bisher bekannt. Wer war dieser Mann, der 15 Menschen verletzt und sich selbst umgebracht hat? Eine Spurensuche. 

Update vom 28. Juli 2016: Die Kanzlerin unterbricht ihren Urlaub, um sich in einer Pressekonferenz unter anderem über den Ansbach-Bomber zu äußern. Wir berichten im Live-Ticker von der PK.

Nach dem Selbstmordanschlag von Ansbach sind nach wie vor unzählige Fragen offen. Wer war der Attentäter wirklich? Hatte Mohammed D. tatsächlich Verbindungen zur Terrormiliz IS? Woher hatte er die Bombe? Ein Überblick über die wichtigsten Fragen.

Was ist über den persönlichen Hintergrund des Ansbacher Selbstmordattentäters bekannt?

Der heute 27-Jährige stammt offenbar aus der syrischen Hauptstadt Aleppo, hat dort wohl Jura studiert und nebenher in der Fabrik seines Vaters gearbeitet. Schließlich floh D. vor dem Bombenhagel in seiner Heimat, in dem er Frau und Kind verlor. Über die Türkei, Bulgarien und Österreich gelangte er nach Deutschland. So beschrieb D. seine Flucht laut Bild-Zeitung während einer Befragung im Rahmen seines Asyl-Antrags. Seit 2014 lebte er in der Bundesrepublik. In einem Ansbacher Flüchtlingsheim fand der Syrer ein (vorläufiges) Zuhause. Sein Asylantrag sei jedoch abgelehnt worden, weil er zuvor bereits in Bulgarien und anschließend in Österreich ein Schutzersuchen gestellt habe, sagte Innenminister Thomas de Maizière.

Warum wurde Mohammed D. nicht abgeschoben?

Am 2. Dezember 2014 erhielt Mohammed D. einen Abschiebe-Bescheid nach Bulgarien. Der wurde aufgrund zahlreicher psychologischer Gutachten im Februar 2015 außer Kraft gesetzt. In einem dieser Gutachten, das der Bild-Zeitung vorliegt, diagnostizierte der Therapeut: „Bei Abschiebung hochgradige, akute Suizidgefahr.“ Mohammed D. durfte als sogenannter geduldeter Flüchtling vorerst in Ansbach bleiben. Im Januar 2016 hob das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) diese Duldung auf, am 13. Juli ordnete es eine neuerliche Abschiebung nach Bulgarien an, wo sein Asylantrag anerkannt worden war. Innerhalb von 30 Tagen hätte Mohammed D. das Land verlassen müssen. Es sei unklar, "warum diese Abschiebung nicht vollzogen wurde", sagte ein Sprecher des Bundesministeriums der Nachrichtenagentur dpa.

War Mohammed D. psychisch krank?

Höchstwahrscheinlich. Das belegt zumindest ein psychologisches Gutachten, das der Bild-Zeitung vorliegt. In den Dokumenten beschreibt der zuständige Therapeut Mohammed D. als depressiven, suizidalen Einzelgänger, der offen mit seinen Suizid-Gedanken umging. "Herr D. erwähnte, selbst auch Suizid bezogene Gedanken zu haben, und sogar schon Vorbereitungen für den Fall der Abschiebung nach Bulgarien getroffen zu haben, weil er das Gefühl hat, keinen Einfluss mehr über sein eigenes Leben zu haben“, heißt es in dem Gutachten. Nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa war Mohammed D., gebrochen von Krieg und Flucht, in psychatrischer Behandlung, mehrmals sogar. Demnach soll er auch zweimal versucht haben, sich umzubringen. 

Seine Nachbarn beschreiben ihn als "verzweifelt", aber "total nett" und "freundlich". Kontakt zu seinen Mitbewohnern in dem Ansbacher Flüchtlingsheim habe D. demnach kaum gehabt. So merkte der Therapeut im Gutachten an: „Herr D. sei so verändert, dass er keine Lust auf Freizeitaktivitäten jeglicher Art habe, einzig interessiere ihn nur noch sein Computer bzw. das Internet.“ Auch eine andere Seite blieb dem Therapeuten nicht verborgen: „Herr D. ist ein extremer Geist und es ist ihm durchaus zuzutrauen, dass er selbst seinen Selbstmord noch spektakulär in Szene setzt. Er hat nach dem Tod seiner Frau und seines sechs Monate alten Sohnes nichts mehr zu verlieren.“

Hatte der Attentäter von Ansbach Verbindungen zum IS?

Wahrscheinlich, aber bisher nicht vollends geklärt. In einem Video, das die Ermittler auf dem Handy des Syrers sicherstellen, soll dieser sich zur Terrormiliz IS bekannt haben. Die wiederum beanspruchte den Anschlag für sich. Dem IS-Sprachrohr Amak zufolge war der Täter ein „Soldat des Islamischen Staates“. 

In seinem Video habe Mohammed D. laut Bayerns Innenminister Joachim Hermann explizit einen Racheakt gegen Deutsche als Vergeltung angekündigt, weil sie Muslime umbrächten. In einer ersten Übersetzung des arabischen Textes hieße es außerdem, der Täter handle im Namen Allahs. Seine Mitbewohner in der Asylunterkunft in Asbach hatten hingegen nicht den Eindruck, dass Mohammed D. ein sonderlich gläubiger Mensch war. "Ich habe Mohammad niemals beten sehen", sagte ein 28-jähriger Mitbewohner gegenüber Spiegel online. Bis jetzt ließ sich die Echtheit des Bekenner-Videos nicht prüfen.

Auf Mohammed D.s Laptop haben die Ermittler laut dpa zudem gewaltverherrlichendes Bildmaterial sichergestellt, das in Verbindung zum IS steht. Inwieweit D. mit dem IS in letzter Zeit in Kontakt stand beziehungsweise überhaut vernetzt war, ist unklar. 

Die Bild-Zeitung berichtet dagegen, Mohammed D. sei seit Jahren ein "vollwertiges Mitglied" des IS gewesen. Er soll bereits im Irak und in Syrien unter dem Namen Abu Yusuf al-Karar für die Terrormiliz gekämpft haben, bevor er sich auf den Weg nach Europa machte. In seinem vor dem Anschlag aufgenommenen Video habe er zudem seinen Treueeid an den „Kalifen“ Abu Bakr al-Bagdadi erneuert.

Woher stammt die Bombe, mit der Mohammed D. 15 Menschen verletzte, als er sich selbst in die Luft sprengte?

Die Bombe hat sich Mohammed D. offenbar selbst gebaut. In seinem Zimmer in der Asyl-Unterkunft fanden die Ermittler einen Benzinkanister mit Diesel sowie Salzsäure, Alkoholreiniger, Lötkolben, Drähte, Batterien und Kieselsteine. Die Bombe, die er in einem Rucksack mit sich führte und offenbar auf dem Festivalgelände in Ansbach detonieren lassen wollte, versah er zudem mit scharfen Gegenständen, ähnlich einer Nagelbombe. Nach Angaben des bayerischen Innenministers Herrmann habe der Täter in seinem Zimmer zudem ausreichend Materialien "für mindestens eine weitere Bombe" gelagert. Unklar ist, was er mit den sichergestellten Materialien noch geplant hatte.

Mit wem hat der Bombenattentäter kurz vor dem Attentat telefoniert?

Unklar. Ein Augenzeuge berichtete, der Täter hätte vor der Tat telefoniert. Die Behörden müssen nun klären, ob vor der Explosion zwischen 21.45 und 22.10 Uhr tatsächlich eine Handyverbindung bestand.

Am Mittwoch wurde bekannt, dass der Ansbach-Bomber offenbar fremdgesteuert war, zumindest direkt vor dem Anschlag noch in Kontakt mit jemandem stand. „Es hat offensichtlich einen unmittelbaren Kontakt mit jemandem gegeben, der maßgeblich auf dieses Attentatsgeschehen Einfluss genommen hat“, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Mittwoch am Rande einer Kabinettsklausur am Tegernsee. Auf dem Handy haben die Ermittler demnach einen "intensiven Chat" entdeckt. Ob es sich dabei um einen Kontakt zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gehandelt haben könnte, konnte Herrmann nicht sagen, dies sei Gegenstand der Ermittlungen.

fp mit dpa/afp

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