Drei Monate nach der Flut

Simbach wartet noch immer auf Hilfe

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Trümmer stapeln sich meterhoch: So sah es kurz nach der Flut in Simbach aus. 

Simbach - Vor drei Monaten zerstörte eine Flutwelle das alte, schöne Simbach. Plötzlich standen Menschen vor dem Nichts, die Politik versprach schnelle Hilfe. Inzwischen wächst bei vielen Simbachern der Frust. Denn auf das dringend nötige Geld warten sie noch immer.

Seit elf Wochen laufen die Trockner, aber Keller und Erdgeschoss sind noch immer feucht. Deshalb leben Paula Unzhauser (Name geändert) und ihr Mann oben im ersten Stock ihres Hauses, direkt an der Gartenstraße. „Leben“, sagt die 55-Jährige. „Wir hausen hier.“ Den Kühlschrank haben sie sich geliehen, die Kaffeemaschine auch. Damit sind sie immerhin besser dran als die Freunde von nebenan. Die haben gestern erfahren, dass ihr Haus abgerissen werden muss.

In Simbach (Kreis Rottal-Inn) liegen Hoffnung und Verzweiflung dieser Tage nur wenige Meter auseinander. Manche haben schon damit begonnen, ihre Häuser wieder zu verputzen, andere sehen dabei zu, wie Bagger die Wände einreißen. Und es gibt die, die warten müssen. Zwar bekamen die Geschädigten nach der verheerenden Flutwelle im Juni relativ bald die versprochene Soforthilfe in Höhe von 1500 Euro. Laut Finanzministerium gingen 3377 Anträge ein, es flossen 12,2 Millionen Euro. Aber die staatlichen Hilfen zur Haus-Sanierung lassen offenbar auf sich warten.

Nach der Flut hatte die CSU-Staatsregierung Großes versprochen: Privatpersonen sollten bis zu 80 Prozent der entstandenen Schäden an ihren Wohnhäusern ersetzt bekommen, in Härtefällen noch mehr. Wie viel Geld insgesamt zur Verfügung steht, ist nicht bekannt. Bereitstellen ist das eine, bewilligen und auszahlen muss das Geld aber das Landratsamt Rottal-Inn. Und die Betroffenen klagen zunehmend darüber, dass die Bearbeitung der Anträge nicht vorangeht.

„Es dauert schon sehr lange“, sagt Simbachs Dritte Bürgermeisterin Christa Kick. Sie ist auch von der Flut betroffen, aber bei weitem nicht so schlimm wie viele andere im Ort. Erst vergangene Woche machten sie und ein paar Gemeinderatskollegen einen Rundgang durch den Ort. „Die Menschen stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagt Kick. „Sie haben Anträge gestellt, wissen aber nicht, wann das Geld kommt, geschweige denn, wie viel sie kriegen.“

Landrat Michael Fahmüller (CSU) will sich erst heute dazu äußern. Man hört, viele der Anträge seien fehlerhaft ausgefüllt worden. Zahlen dazu, wie viele überhaupt gestellt und bewilligt wurden, gibt es bislang aber nicht.

Auch Paula Unzhauser hofft auf finanzielle Unterstützung. Dabei haben sie und ihr Mann Glück: Sie sind gut versichert, ein Teil der Schäden wird wohl in jedem Fall beglichen. Vielen Bekannten geht es anders, sie sind auf das Geld des Staates angewiesen, teils geht es um Hunderttausende von Euro. In einer kleinen Stadt wie Simbach kann solche Ungleichheit böses Blut schaffen. Unzhauser sagt: „Es herrscht eine sehr sensible Stimmung bei uns. Natürlich gibt es auch Neider.“

Bei manchem ist der Frust längst in Wut umgeschlagen. So kursiert zum Beispiel ein Aufruf bei Facebook, am kommenden Dienstag einen Volksfestauftritt von Finanzminister Markus Söder (CSU) in Mühldorf mit zu stören. Die Betroffenen, heißt es, könnten hier mal „richtig Dampf ablassen“. Dabei trifft Söder vermutlich gar keine Schuld.

Die zehn Trockner im Hause Unzhauser laufen. Bis die Feuchtigkeit weg ist, braucht es Zeit. „Ich kann ja verstehen, dass auch das Landratsamt Zeit braucht.“ Immerhin sind mehr als 5000 Haushalte betroffen, über 500 Häuser nicht mehr sanierbar. Jeder Antrag wird einzeln geprüft. Selbst wenn die Zeit zur Prüfung benötigt werde, sagt Bürgermeisterin Kick, hätte das Landratsamt die Bürger besser informieren müssen: „Das war nicht ausreichend.“

Die Simbacher lassen sich trotzdem nicht unterkriegen. „Es herrscht noch immer eine gespenstische Stimmung draußen“, sagt Unzhauser. „Aber es ist auch richtig was in Bewegung.“ Es gibt Strom und Wasser, beim Bäcker, der selbst stark vom Hochwasser betroffen war, gibt’s wieder Semmeln. Wenn alles gut läuft, hofft Unzhauser, im Februar 2017 wieder ins Erdgeschoss ziehen zu können. Die Nachbarn, deren Haus nun abgerissen werden muss, werden einen längeren Atem brauchen.

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