Sozialzentrum-Chef tot

Selbstmord nach Mobbing-Vorwurf

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Landsberg: Im Oberlauf des Lechs wurde die Leiche entdeckt

Landsberg am Lech - Der Chef des Sozialzentrums in Landsberg am Lech soll ein Tyrann gewesen sein. Nachdem die Vorwürfe gegen ihn öffentlich gemacht wurden, nahm sich der 52-Jährige das Leben. Seine Leiche wurde im Oberlauf des Lechs entdeckt.

Die Erkenntnisse über Klaus D. wogen so schwer, dass der Aufsichtsrat des Ökumenischem Sozialzentrums in Landsberg damit am Mittwoch an die Öffentlichkeit ging. Es ging um die Hintergründe, die zur fristlosen Kündigung des 52-jährigen Geschäftsführers zwei Wochen zuvor geführt hatten. Man erwähnte etwa „massive sexuelle Belästigungen“ von Mitarbeiterinnen. Der evangelische Stadtpfarrer Detlev Möller, Mitglied des Aufsichtsrats, sprach von einem „chauvinistischem System“. Dazu kamen finanzielle Verfehlungen des früheren Chefs. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Und dass Klaus D. in seinem Bürosafe ein Exemplar von Hitlers "Mein Kampf" hütete, passte in den Augen des Aufsichtsrats ins Bild, „im Hinblick auf dessen diktatorischen Führungsstil …“

Wenige Stunden nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe nahm Klaus D. sich das Leben. Noch in der Nacht wurde er als vermisst gemeldet, seine Leiche am Donnerstag gegen 17 Uhr südlich von Landsberg im Lech entdeckt.

Erst als Mitarbeiter sich sicher fühlten, packten sie über Klaus D. aus

Das Drama um das Sozialzentrum hatte sich binnen zweier Monate zugespitzt. Pfarrer Möller, der als Vorstand des Evangelischen Diakonievereins Landsberg im Aufsichtsrat sitzt, berichtete bei der Zusammenkunft vom Mittwoch von einer Diskussion mit Klaus D. im Dezember 2013 über die Belange der Sozialstation. „Zu diesem Zeitpunkt hat man noch nichts von den Vorgängen in der Einrichtung gewusst“, sagte er laut Kreisbote. Erst später sei alles lawinenartig über die Aufsichtsratsmitglieder hereingebrochen. Am 13. Januar meldete sich D. krank. Als Begründung habe er angegeben, „vom Aufsichtsrat gemobbt zu werden“. Im Anschluss wurde ihm Kontakt- und Hausverbot erteilt. Erst, als Mitarbeiter sich sicher sein konnten, dass er nicht zurückkommen würde, seien sie laut des Aufsichtsratschef Dr. Manfred Rapp (Verein für ambulante Krankenpflege Landsberg am Lech e.V.) bereit gewesen, Aussagen zu machen.

"Wir haben weder verschleiert noch übertrieben"

Nach der Pressekonferenz wandte sich D. an den Anwalt Miguel Bertoll. Der formulierte einen ersten Entwurf von D.s Stellungnahme. „Unser Herr Mandant fühlt sich durch die Vorgehensweise öffentlich an den Pranger gestellt.“ In dem Schreiben geht der Jurist auf Vorwürfe ein, die D. als ehrverletzend ansah, und auf den Besitz von Hitlers Schmähschrift. Dass D. diese geerbt, aber nie gelesen habe. Zu einem weiteren Termin mit dem Anwalt kam es nicht mehr.

Das Sozialzentrum erklärte zum Freitod: „Das Ableben von Herrn Klaus D. bestürzt alle unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und den Aufsichtsrat.“ Das eigene Handeln vorher wird so bewertet: „Wir waren der Auffassung, dass wir in der Öffentlichkeit die erkennbare Wahrheit nicht unterdrücken dürfen. Wir haben weder verschleiert noch übertrieben.“ Denn zuvor war schon „durchgesickert, dass Herr D. wegen außergewöhnlicher Ereignisse keinen Dienst mehr in der Sozialstation verrichtete“.

Astrid Erhard/Markus Christandl

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