Mancherorts geht es extrem feindselig zu

Krieg in den Bergen: Nagelfallen und Steine gegen Mountainbiker

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Radfahren auf Waldwegen ist erlaubt - Streit gibt es trotzdem.

Jachenau – In Bayerns Bergen und Wäldern geht es mancherorts feindselig zu. Mountainbike-Trails werden mit Nagelfallen präpariert, Radler gar mit Steinen beworfen. Wo soll das noch hinführen?

Von seinem Schreibtisch aus blickt Bürgermeister Georg Riesch auf die dicht bewaldeten Hänge der Jachenau, an denen heute die Regenwolken kleben. Nein, sagt er, über solches Wetter im „Sonnental“ freue er sich natürlich nicht. Obwohl doch mit jedem Regentropfen die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass es Streit gibt an diesen Hängen. Weil sie dann alle eher zuhause bleiben, als sich da draußen zu begegnen: die Waldbesitzer, die Jäger, die Wanderer, die Bauern. Und natürlich die Radler mit ihren sündhaft schnellen Mountainbikes. 

In den vergangenen Monaten ist viel darüber gestritten und geschrieben worden, wem die Berge gehören. Hier in der Jachenau, im ganzen Tölzer Land, im Tegernseer Tal nebenan, ja im gesamten Alpenvorland. Vom „Krieg in den Bergen“ ist die Rede. Die ganz großen Worte sind gefallen: Freiheit, Respekt, Gefahr. 

Es gibt Menschen, die regelrecht Jagd auf Radler machen

Nur: Wie dramatisch ist er wirklich, der Konflikt zwischen den Mountainbikern und den anderen? Anscheinend ist er extrem dramatisch. Es gibt Menschen, die zum Äußersten greifen. Am Taubenberg bei Holzkirchen hat ein Unbekannter vor ein paar Wochen eine Nagelfalle aufgestellt, mit vier Zentimeter hohen Nägel, die er in mehrere Wurzeln geschlagen hat. Die Falle wurde zum Glück entdeckt. Am Mittenwalder Kranzberg hat ein Einheimischer messerscharfe Spitzen entdeckt, die aus dem Boden ragten. Bei genauerem Hinschauen sah man, dass es sich um rostige Nägel mit abgezwickten Köpfen handelte. 

Mittendrin im Streit zwischen Radlern und Wanderern: Georg Riesch, Bürgermeister der Jachenau. 

Bei Fürstenfeldbruck im Wald Richtung Biburg sind zwei Radler kürzlich in ein 40 Zentimer langes Nagelbrett gefahren. Passiert ist nichts, aber die Reifen waren platt. Die Polizei hat die selbst gebastelte Falle sichergestellt. Es ist ein kleines Wunder, dass bisher noch nicht mehr passiert ist. Die Mountainbiker leben gefährlich. Es gibt offensichtlich Menschen, die Jagd auf sie machen – und üble Verletzungen in Kauf nehmen. 

Gut zwanzig Kilometer von Bürgermeister Riesch entfernt sitzen Tobias Krause und Michael Haase von der Deutschen Initiative Mountainbike (DIMB) in einem Büro in Lenggries und sind wütend: wütend über das Wort „Krieg“, über die Emotionalität, die die Debatte inzwischen erreicht hat. Deswegen wollen sie nicht über ihre Wut sprechen, sondern lieber über die Fakten. Fakt eins: In den vergangenen Jahren ist das Mountainbiken immer populärer und vielfältiger geworden, die technischen Möglichkeiten und Fähigkeiten der Biker immer besser und damit auch die Sehnsucht nach neuen Herausforderungen größer. 

Biker und Bürgermeister haben ganz verschiedene Meinungen

Kein Wunder also, dass man da in den Bergen immer öfter auf Biker trifft – auch da, wo man nicht damit rechnet, auf schmalen Steigen am Fels und verschlungenen Pfaden im Wald. Fakt zwei: Die Gesetzeslage in Bayern erlaubt das Radfahren zu Erholungszwecken in der Natur zunächst einmal grundsätzlich auf allen nicht offiziell gesperrten Wegen, die sich dafür eignen – und genau hier beginnt das Problem. 

Bürgermeister Riesch zeigt auf seinem Laptop ein Bild von einem Mountainbiker auf einem felsigen Steig, geschätzte 60 Zentimeter breit, an der Talseite geht es steil hinab. „Schauen Sie sich das an“, sagt Riesch, „ist das etwa ein geeigneter Weg, um mit dem Bike runter zu fahren?“ Er findet: nein. Viele Biker sehen das offenbar anders. Deswegen hat der Gemeinderat von Jachenau beschlossen, Schilder an Wegen wie diesen aufzustellen, auf denen sinngemäß stehen soll: „Dieser Weg eignet sich nicht für Mountainbiker.“ Kein Verbot, sagt Riesch, nur ein Hinweis. 

Darüber können Krause und Haase nur den Kopf schütteln. „Über die generelle Eignung hat nicht die Gemeinde zu entscheiden“, sagt Haase. Die DIMB interpretiert den Gesetzestext so: Die Entscheidung darüber, ob ein Weg sich dafür eignet, ihn gesetzeskonform zu befahren, sei jeweils im Einzelfall zu treffen. „Und zwar“, so Michael Haase, „vom jeweiligen Fahrer in der jeweiligen Situation und auf eigenes Risiko.“

Rüpel-Radler sorgen für kaputte Wege und aufgeschrecktes Wild

Wollen selber entscheiden, wo sie langfahren: Tobias Krause (rechts) und Michael Haase von der DIMB. 

Bei ein und demselben Weg kann diese Entscheidung je nach Wetter, Tageszeit, Frequentierung durch Wanderer und nicht zuletzt auch dem Können des Fahrers völlig unterschiedlich ausfallen. Und natürlich kann sie auch falsch sein, wie die zunehmenden Beschwerden von Almbauern, Jägern und Waldbesitzern aus dem Alpenvorland zeigen. Von Störungen des Wildes ist da die Rede, von tiefen Bremsspuren in kaputt gefahrenen Wegen, von rasenden Rüpel-Radlern abseits der Wege oder im Naturschutzgebiet. Allerdings: Konkrete Zahlen zu Unfällen und Schäden gibt es keine. Einzelfälle, ein kleiner Prozentsatz schwarzer Schafe gemessen an der Gesamtzahl – sagen die Biker. 

Einzelfälle, die sich häufen, wenn die Gesamtzahl immer größer wird – sagen die Kritiker. Unsicher ist man sich auch darüber, wer haftet, wenn dem Biker selbst etwas passiert. Denn es gibt einige Urteile, nach denen eben doch der Wegeigentümer haftet, weil das Hindernis, über das der Biker gestürzt ist, für diesen nicht absehbar war – und daraus ein Vorsatz oder eine Verletzung der Verkehrssicherungspflicht abgeleitet wird. So bleibt bei den Grundbesitzern eine gehörige Portion Skepsis und der Wunsch nach Rechtssicherheit in einer bis dato noch nie dagewesenen Situation: Wie gefährlich ist das Weidegatter hinter der Kurve? Darf der Baumstamm auf der Rückegasse liegen bleiben? 

Das Beispiel Jachenau ist in vielerlei Weise symptomatisch für den Konflikt: Auch Bürgermeister Riesch sagt, nur einige wenige Radler verhielten sich rücksichtslos. Auch Bürgermeister Riesch sagt, man wolle sich vor allem haftungstechnisch absichern. Auch Bürgermeister Riesch wünscht sich eine schnelle Klärung. Nur: Schnell wird auch hier wohl nichts geklärt. Dass Mountainbiker sich von den geplanten Schildern vom Befahren der jeweiligen Wege abhalten lassen, bezweifeln Krause und Haase von der Initiative Mountainbike. Vielmehr, so heißt es in der offiziellen Stellungnahme der DIMB, seien die Schilder „diskriminierend und dazu geeignet, Konflikte unter den Naturnutzern erst zu schaffen und zu verstärken.“ 

Was tun? Die Antwort steht auch im Gesetz

Und das ist dann wohl das, was sich niemand wünscht: Eine Verstärkung des Konfliktes. Wenn im Wald Wurzeln mit Nageln gespickt werden, wenn Biker mit Steinen beworfen werden, wenn Schnüre auf Helmhöhe im Wald gespannt sind – dann klingt das tatsächlich nach Krieg. Und das ist etwas, worüber sie alle bestürzt sind, von Bürgermeister Riesch über die Almbauern, die Forstleute und die Wanderer bis hin zu den Bikern selbst. Was also tun? 

Eigentlich steht auch die Antwort im Gesetz, umschrieben mit dem bürokratie-poetischen Begriff „Gemeinverträglichkeit“. Da heißt es in Art. 26 Abs. 2 Satz 3 des Bayerischen Naturschutzgesetzes, dass Erholungssuchende ihr Recht auf Naturgenuss nicht gegenseitig beeinträchtigen dürfen. Verkürzt bedeutet das so viel wie: Leben und leben lassen. Das ist natürlich erst einmal ebenso wenig konkret wie der Begriff der geeigneten Wege. 

Die Mountainbiker sind längst da - Problem oder Chance?

Stefan Winter ist Ressortleiter Breitenbergsport des Deutschen Alpenvereins in München.

Und doch ist es eine Basis für Lösungsansätze: Alle Beteiligten an den Runden Tisch bitten, Wegekonzepte diskutieren und Schilder planen, die an die gegenseitige Rücksichtnahme erinnern. In diese Richtung denkt man zum Beispiel in der Region Tegernsee-Schliersee, wo man bereits bestehende Schilder und Wege an die rasanten Veränderungen im Mountainbike-Sport anpassen will. Wann genau es hier erste Ergebnisse geben wird, steht allerdings noch nicht fest. 

Die Mountainbiker sind allerdings längst da, auf den Steigen wie auf den Forstwegen. Das kann man als Problem sehen – oder als Chance. „Die touristischen Potenziale, die gesundheitlichen Aspekte und auch die Naturverträglichkeit des Bikens werden viel zu wenig wahrgenommen“, sagt Tobias Krause. Sogar das Fahren auf schmalen Wegen, sogenannten Single-Trails, sei demnach keine größere Belastung für die Umwelt als das Bergwandern. 

Und in Mountainbike-Kursen geht es immer auch um die Achtung vor der Natur. Dass man sich darüber einig ist, dass der Schlüssel zur Lösung gegenseitige Rücksicht ist, ist ein gutes Zeichen. Dass diese Lösung noch ein wenig Zeit braucht, ahnt, wer nachfragt: Krause und Haase sagen, Rücksicht bedeute, langsam zu fahren oder auf schmalen Wegen abzusteigen, wenn man Wanderern begegnet.

Den Bikern geht es nur ums Adrenalin, das sagen die Kritiker

Bürgermeister Riesch sagt, Rücksicht ist, wenn Mountainbiker auf Forststraßen bleiben und den Wanderern die Wege überlassen, die immer schon Wanderwege gewesen sind. Zum direkten Gespräch getroffen haben sich Riesch und die Vertreter der Initiative Mountainbike übrigens genau einmal, hier im Büro in der Jachenau, mit Blick auf die Berge. Krause und Haase haben angefangen, vom Recht auf Naturgenuss in der Verfassung zur sprechen. Dass es den Bikern um Naturgenuss gehe und nicht nur ums Adrenalin, bezweifle er, hat Riesch gesagt. Da sind Krause und Haase aufgestanden und gegangen.

Interview: „Der Wanderer hat grundsätzlich Vorfahrt“ 

Stefan Winter ist Ressortleiter Breitenbergsport des Deutschen Alpenvereins in München. Wir haben mit ihm über den ewigen Konflikt zwischen Wanderern und Radlern gesprochen.

Wo kann ich mit dem Mountainbike fahren, um Konflikte zu vermeiden? 

Wir empfehlen das Fahren mit dem Bike nur auf Forststraßen und Wegen, die aus einer gewissen Erfahrung heraus geeignet erscheinen. Geeignet ist ein Weg immer dann, wenn auch andere Nutzergruppen, zum Beispiel Wanderer, ungehindert ihrer Tätigkeit nachgehen können. Kleine, schmale Bergpfade oder -steige empfehlen wir eher nicht zum Fahren. Wer trotzdem dort fahren will, sollte das nur zu Zeiten tun, wo niemand anderer eingeschränkt wird. 

Wie finde ich für mich geeignete Wege? 

Für den Breitensportler sind die entscheidenden Kriterien: die Wegbreite, die Wegbeschaffenheit und die Steilheit. Es gibt Kartenmaterial, auch online, das beschreibt, welche Strecke für welche Zielgruppe geeignet ist, unterteilt nach Hö- henmetern und Streckenlänge. Online kann ich auch nach speziellen Anforderungen suchen, je nachdem, ob ich eher der Tourenfahrer bin, eine Trans-Alp machen will oder doch eher Downhill. 

Wie sollte eine Begegnung zwischen Wanderern und Bikern idealerweise aussehen? 

Grundsätzlich ist es so, dass der schwächere Verkehrsteilnehmer immer Vorfahrt hat – in diesem Fall natürlich der Wanderer. Man sollte als Mountainbiker nicht die Haltung haben: „Der Wanderer behindert mich.“ Sondern durch entsprechendes Verhalten, also zum Beispiel freundliches Grü- ßen bei verlangsamtem Tempo, Kontakt aufnehmen. Darüber ergibt es sich oftmals von selbst, dass die Wanderer einen vorbeifahren lassen. Bei einer größeren Gruppe Wanderer sollte es selbstverständlich sein, dass man anhält, absteigt und wartet oder vorbeischiebt. 

Wie kann ich als Biker Schäden am Weg vermeiden? 

Bremsspuren entstehen durch überhöhte Geschwindigkeit. Wenn ich auf weichem Untergrund unterwegs bin, Waldboden, Wiese, feiner Schotter, muss ich doppelt so früh anfangen zu bremsen, wie man eigentlich müsste. Also vorausschauend fahren und mit geringerer Bremskraft in die Kurven gehen.

Text und Interview: Anne-Nikolin Hagemann

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