Freiheit und Behinderung

Zwei, die Grenzen überwinden

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Hildegard Baumgartner und Wolfgang Rettinger.

Wegen einer Krankheit ist Wolfgang Rettinger, 61, auf den Rollstuhl angewiesen. Hildegard Baumgartner, 55, weiß seit ihrer Kindheit, dass die Welt um sie herum immer dunkler wird.

Resignieren? Für beide keine Option – zwei Schicksale, zwei Geschichten.

In der Erinnerung leben

Eine Postkarte mit einem kleinen italienischen Landgut, außen herum viel Grün und Natur, in der Mitte ein idyllisches Häuschen: Wolfgang Rettinger, 61, aus Dachau liebt dieses Bild – auch wenn es ihn manchmal ein bisschen traurig macht. Es erinnert ihn an sein altes Leben, an das, was er verloren hat. Auf dem Landgut machte er früher so gerne Urlaub – heute kann Rettinger das nicht mehr. Denn dem Dachauer mussten nach einer Krankheit beide Beine amputiert werden.

Seit 13 Jahren hat Rettinger eine Gehbehinderung, inzwischen hat er sich damit arrangiert. „Wichtig ist, dass man es annimmt, sonst wird man verrückt“, sagt er. Auch wenn auf einmal alles anders ist, wenn man sich auf einmal nicht mehr so bewegen kann wie gewohnt – die Welt hat immer noch viel zu bieten: „Da hat mir die Reha geholfen, das zu lernen“, erzählt Rettinger. Golf, Reiten, Kegeln – all diese Sportarten konnte er dort machen. „Das hat mir wieder Zuversicht gegeben.“

Ein weiterer Schritt zurück ins Leben: Der Umbau des Hauses. Vorher waren Bad und Schlafzimmer im ersten Stock, nach den Amputationen humpelte er mit Prothesen und Krücken die Treppen rauf und runter – doch an schlechten Tagen ging das nicht. „Dann saß ich oben fest und konnte mir nicht mal selbst was zu essen machen.“ Im Erdgeschoss in der Küche war ein Marmorboden. Eines Tages ist Rettinger dort gestürzt. Oberschenkelhalsbruch. „Da haben wir gesagt, jetzt bauen wir um.“ Inzwischen ist der gesamte Wohnbereich im Erdgeschoss, keine Schwellen, Küche und Bad sind behindertengerecht. Wolfgang Rettinger kann sich mit Prothesen und Krücken oder mit dem Rollstuhl gut fortbewegen.

Als Behindertenbeauftragter berät er andere Menschen mit Handicap, wie auch sie ihre Wohnungen barrierefrei umgestalten und wie sie ihren Alltag gut meistern können. „Mich kann man immer anrufen“, sagt er. Praktische Tipps, ein tröstendes Wort, oder auch einfach nur Zeit zum Reden: Rettinger weiß, wie wichtig das sein kann. Auch bei ihm gibt es noch Momente, in denen er mit seinem Schicksal hadert: „Bei Schnee und Eis bin ich verloren, da kann ich nicht mal mehr zum Briefkasten raus.“ Wenn er zu Hause die Musik von Veranstaltungen hört, die er nicht mehr besuchen kann oder wenn seine Familie alleine nach Italien fährt – dann vermisst er das alte Leben. Aber: „Ich kann ja in der Erinnerung leben“, sagt er. „Und seit ich die Behinderung habe, habe ich die Welt noch einmal anders kennengelernt.“ Wenn er an Freiheit denkt, denkt Wolfgang Rettinger trotzdem an die Zeit vor seiner Behinderung: „Freiheit bedeutet für mich, endlich wieder die Bergtouren zu machen, die ich früher gemacht habe. Oder einfach in einen See zu springen und loszuschwimmen.“

Alle Leute grüßen

Bei Gesprächen schaut Hildegard Baumgartner ihrem Gegenüber direkt in die Augen. Offener Blick, freundliches Lächeln, keine Spur von Unsicherheit: Die angeborene Augenerkrankung sieht man der 55-Jährigen auf den ersten Blick nicht an. Doch Baumgartners Sichtfeld ist verengt, sie hat einen Tunnelblick und ist nachts so gut wie blind. „In vielen Fällen führt meine Krankheit zur Erblindung“, erklärt sie. Bei ihr geht es nicht darum, ob die Augen schlechter werden, sondern wie sehr. Baumgartner weiß das schon seit Kindertagen. Im Laufe der Jahre hat sie gelernt, sich davon nicht die Lebensfreude verderben zu lassen. „Wenn man eine Behinderung hat, ist es wichtig, dass das Leben weitergeht“, sagt sie: „Viele Dinge erlebt man intensiver.“

Das Jetzt genießen, anstatt mit der Zukunft zu hadern – damit ihr das gelingen kann, musste Hildegard Baumgartner viele Strategien entwickeln. „Ich muss immer mitdenken und konzentriert sein“, sagt sie. Zum Beispiel, wenn sie unterwegs ist: Der Verkehr ist eine Herausforderung, auch auf die anderen Passanten gibt sie besonders Acht. Denn manchmal erkennt sie selbst gute Freunde nicht, die ihr zufällig über den Weg laufen. „Alles, was rechts und links ist, existiert für mich nicht“, sagt sie. „Es tut mir dann immer wahnsinnig leid, wenn ich deshalb jemanden ignoriere.“ Inzwischen hat sie einen Trick, um nicht als unhöflich zu erscheinen: einfach alle Leute grüßen. Sie hat gelernt, auf Schwierigkeiten schon im Voraus zu reagieren. Wenn es hell ist, prägt sie sich ein, wo die Gegenstände liegen, um sie im Dunkeln wieder zu finden. Sie hat mehrere Lesebrillen, ihre Wohnung gestaltet sie barrierefrei. „Jetzt bauen wir gerade mehr indirekte Beleuchtung und mehr Glas ein, damit mehr Licht durchkommt“, sagt sie.

Trotzdem hat sie Freiheiten aufgeben müssen. Hildegard Baumgartner wohnt im Dachauer Hinterland, da ist es hilfreich, wenn man Autofahren kann. Früher ging das noch, seit 2001 nicht mehr. „Ich musste das selbst mit mir ausmachen“, erinnert sie sich. Zuerst ist sie immer weniger gefahren, irgendwann kam die letzte Fahrt: Für ihre Eltern wollte Hildegard Baumgartner Wäsche transportieren, weil es bequemer war. Weil die Strecke nur einige hundert Meter lang war, nahm sie wie früher so oft den Wagen. Doch dieses Mal fuhr die Angst mit – etwas zu übersehen, irgendwo anzufahren, einen Unfall zu bauen. „Dann habe ich gesagt, jetzt hör’ ich auf.“ Zu ihrem eigenen Schutz und dem der anderen. Auch wenn es nicht einfach war, sie viel schleppen und jede Fahrt planen musste, hat sie sich freiwillig nie wieder hinters Steuer gesetzt. Ein bisschen vermisst sie das Auto aber noch immer. Für sie bedeutet Freiheit deshalb vor allem eines: „Wenn ich ohne Hilfe und Einschränkungen überall hinkomme, wo ich hinwill.“

So lebt es sich in Dachau als Behinderter

Verkehr: Für jemanden mit Handicap ist das Überqueren mancher Straßen fast unmöglich. Wir brauchen mehr taktile Ampeln, abgesenkte Bordsteine für Gehbehinderte, höhere Bordsteinkanten für Sehbehinderte, behindertengerechte Bahnsteige!

Tourismus: Es gibt kaum barrierefreie Hotelzimmer. Doch der Tourismus für Menschen mit Handicap nimmt zu.

Denkmäler: Bei denkmalgeschützten Gebäuden ist es oft schwierig, Barrierefreiheit durchzusetzen. Das Problem ist, eine Lösung zu finden, die auch optisch machbar ist. Beispiel KZ-Gedenkstätte Dachau: Für Blinde hat sich etwas verbessert, Menschen mit Gehbehinderung haben es weiter schwer.

Einkaufen: Es gibt barrierefreie Metzgereien und Bäckereien. Manche Einzelhändler bieten zudem einen Lieferservice an.

Bei der Recherche hat die Autorin erfahren, wie sich ein Handicap anfühlt. Auf dem Weg zum Termin zog sie sich einen Bänderriss zu.

Claudia Schuri, 24, Volontärin bei den Dachauer Nachrichten

Freiweh: Eine Volontärs-Beilage

Dieser Artikel ist ein Teil der Beilage zum Thema Freiheit, die von Volontären des Münchner Merkur und der tz erstellt wurde. Sie haben sich mit der Sache auseinandergesetzt, die jeder will aber kaum einer hat und in unserer Zeit doch selbstverständlich sein sollte. Hier geht es zu einer Übersicht zu allen Artikeln der Beilage.

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