Todesdrama in Seniorenheim

Spurensuche: Warum hat die Polizei diesen 62-Jährigen erschossen?

Rohrbach - Am Tag nach dem tödlichen Polizeieinsatz in dem Altenpflegeheim Rohrbach herrscht in vielen Punkten Rätselraten. Die zentralen Fragen: Wer hat auf den Liberianer wie oft geschossen?

Mit einem Messer war der 62-jährige Amos Thomas am Mittwoch auf zwei Polizisten losgegangen und hatte einen Beamten am Bein verletzt. Sie waren in die therapeutische Wohngemeinschaft des Pflegeheims Rohrbach (Landkreis Mühldorf) gekommen, um den Liberianer zur Unterbringung in die Psychiatrie abzuholen. Bei dem Einsatz ist der Bewohner erschossen worden.

Das Opfer: Der 62-jährige Amos Thomas.

Der verletzte Polizist hat das Krankenhaus inzwischen wieder verlassen. Darüber hinaus wollte die Polizei gestern auf Nachfrage keine weiteren Angaben zu den Ereignissen machen. „Die weiteren Ermittlungen zum Schusswaffengebrauch liegen in den Händen des Landeskriminalamts und der Staatsanwaltschaft“, machte Sprecher Stefan Sonntag deutlich. Im Fokus stehen zwei Fragen: Hat nur einer oder haben beide Beamte geschossen? Und wie viele Schüsse gaben der oder die Polizisten ab?

Im Verlauf des Mittwoch gab es dazu widersprüchliche Aussagen. Zunächst hieß es vor Ort, beide Polizisten hätten geschossen. Später sagte ein Sprecher dem Bayerischen Rundfunk, dass ein Polizist mit dem Messer verletzt wurde und daraufhin der andere geschossen habe. In der Pressemitteilung am Abend war schließlich vom „Einsatz der Dienstwaffen“ die Rede. Eine Formulierung, die laut Sonntag keinen Aufschluss darüber geben sollte, dass aus beiden Waffen gefeuert wurde. „Wenn dieser Eindruck entstand, ist das falsch. Wir können und werden uns nicht dazu äußern, dass aus einer oder zwei Waffen gefeuert wurde.“

Bei der Staatsanwaltschaft gibt es bislang kein Ermittlungsverfahren gegen die beiden Beamten. „Wir klären den Sachverhalt auf eine strafrechtliche Relevanz hin ab“, sagte gestern Björn Pfeifer von der Staatsanwaltschaft Traunstein. „Aber es gibt kein Ermittlungsverfahren.“ Die polizeiinterne Aufklärung des Falles liegt beim Landeskriminalamt in München. Dort werde nun der Tatablauf rekonstruiert, sagte ein Sprecher. Auch ein Schussgutachten wird erstellt, wie es weiter hieß.

Gestern meldete sich gegenüber der Heimatzeitung Michael Gaertner zu Wort, der den gebürtigen Liberianer mehrere Jahre lang rechtlich betreut und ein Foto des Toten zur Verfügung gestellt hat. Gaertner beschreibt Amos Thomas als kranken Mann, der unter chronischer Schizophrenie litt. „Man konnte sich mit ihm maximal zehn Minuten gezielt unterhalten, bevor er sich dann wieder in seinen Wahnvorstellungen verloren hat. Er war der Meinung, er sei Allah.“

Laut Gaertner kam es immer wieder vor, dass Thomas verbal aggressiv war. „Handgreiflich ist er in der Zeit, in der ich ihn kenne, aber nie geworden. In meinen Augen war er ein kranker, aber eigentlich harmloser Zeitgenosse.“ Umso erschütterter sei er über die Eskalation am Mittwoch. „Ich war nicht vor Ort“, sagt Gaertner, „und kann mir nur schwer erklären, wie es so weit kommen konnte.“

Das Doppelzimmer sei rund 15 Quadratmeter groß. Nach seinen Informationen haben sich am Mittwoch sieben Personen im Raum aufgehalten: Zwei Mitarbeiter des BRK, die beiden Polizisten, eine Pflegerin des Hauses, ein weiterer Bewohner und Amos Thomas. „So viel ich weiß wurde er zunächst zweimal aufgefordert, das Messer fallen zu lassen.“

Heimleiterin Anneliese Huber hob die Hilfsbereitschaft und Professionalität aller Beteiligten heraus: „Von der Nachbarschaft über das Kriseninterventionsteam bis zu den Behörden kam Unterstützung von allen Seiten.“ Respekt zollte sie besonders den eigenen Pflegekräften und den BRK-Mitarbeitern, die im Raum waren. „Sie haben sofort Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet und außergewöhnlich reagiert.“ Wie viele Schüsse gefallen sind, kann auch Anneliese Huber nicht sagen: „Es sind sich aber alle einig, dass es mindestens zwei waren.“

Wolfgang Haserer

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