Unbezahlbarer Tag im Leben

Traumhochzeit in Bayern: Das braucht Nerven, Geld und Zeit

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Oh happy day: Für den perfekten Tag nimmt das Brautpaar im Vorfeld oft viel Stress auf sich. In den meisten Fällen lohnt es sich – und alle Gäste sind glücklich. 

München - Eine Hochzeit ist schon lange nicht mehr nur eine Sache zwischen Mann und Frau – wer heute in Bayern heiratet, braucht gute Nerven, Geld und viel Zeit. Unsere Autorinnen berichten.

Mit dem Wort Husse ist viel gesagt über die schillernde, verrückte Hochzeitswelt. Wenn das Wort Husse zwischen zwei Heiratswilligen zum ersten Mal fällt, und das ist meist weit ein Jahr vor dem großen Tag, dann passiert folgendes: Die zukünftigen Ehemänner fragen „Was ist das?“ Die zukünftigen Ehefrauen sagen „Brauchen wir.“ Und wie das eben ist in der Ehe: Die Frau hat Recht, wie meistens.

Wer nicht weiß, wie eine Husse aussieht: Hier gibt’s gleich mehrere zu sehen.

Also: Hussen sind weiße Überzüge für Stühle, für hässliche, dunkle Holzstühle, für Stühle mit 80er-Jahre-Bezug, kurzum für Stühle, die jedes Deko-Konzept für die Traumhochzeit zerstören. Man kann die Hussen mieten, es gibt eine Faustregel: Am Preis der Hussen erkennt man die finanzielle Kategorie einer Hochzeits-Location. Standard, gehoben oder Upperclass. Location – noch so ein Unwort aus dem Hochzeitskosmos. Das ist übrigens das, was früher einmal der Wirt war. Ausgebucht sind am Ende alle, egal wie teuer die Hussen sind. Und zwar weit im Voraus. Wer nächstes Jahr mit mehr als zehn Leuten heiraten will, der ist jetzt für die meisten Locations schon zu spät dran. „Der nächste freie Samstag – Ende November 2018“, solche Sätze hört man dann. Na gut, dann eben eine Winterhochzeit. Besichtigungstermine der Location? Gerne, immer Samstagnachmittags in zwei Chargen – im romantischen Bootshaus am Tegernsee ist das wirklich so.

Das hat sich die Zukünftige anders vorgestellt, als sie beim Antrag leise „Ja“ gehaucht hat.

Vor allem die Bräute laufen heiß - "Bridezilla" ist geboren

Die Frauenforscherin: Annegret Braun aus dem Landkreis Dachau.

Das Fest, das sich eigentlich um zwei Menschen dreht, wird immer mehr zu einem organisatorischen Kraftakt. Vor nicht allzu langer Zeit war das noch anders. Die Eltern und vielleicht auch noch ältere Geschwister der Brautpaare, die jetzt im Hussen-Fieber sind, sind ein paar Monate vor der Trauung zum „Gasthaus zur Post“ oder zum „Vogelbräu“ gegangen. Sie haben grob eine Gästezahl genannt, Braten und Blumenschmuck bestellt und das war es dann schon fast mit der Vorbereitung. Heute haben die Hochzeitsplaner einen eigenen Bundesverband, Bräute brechen zusammen, wenn das Satin-Band auf dem Tisch eine Nuance zu dunkel ist, und ein Termin mit der Floristin zwölf Monate im Voraus ist auch nichts mehr, worüber man sich in diesem Business wundert. Es ist etwas passiert mit dem Heiraten. Aber was?

Vor allem die Bräute laufen heiß, es gibt den Begriff Bridezilla – eine Mischung aus Braut und dem Monster Godzilla: Junge Frauen, unabhängig, erfolgreich im Beruf, verbringen Monate damit, ihren perfekten Prinzessinnen-Tag zu planen. Gerade daran liegt’s, sagt Annegret Braun aus Sulzemoos, Kreis Dachau. Sie ist Volkskundlerin und hat schon viel über die Rolle der Frau in Bayern geschrieben. Sie sagt: „Gerade weil die moderne Frau so emanzipiert ist, möchte sie Romantik.“ Vorbilder gibt es genug: Traumhochzeit von Bastian Schweinsteiger, Daniela Katzenberger oder irgendwelchen Königspaaren – „Prinzessin Kate ist uns durch die Medien näher als die Nachbarin“, sagt Annegret Braun. Und dann soll es eben auch so pompös sein wie im Fernsehen. Wäre da nicht das liebe Geld. Denn gerade im postkartenschönen Oberbayern ist die Traumhochzeit eine Frage der Finanzen.

Es gibt Banken, die Kredite speziell für Hochzeiten anbieten, 10 000 Euro auf sieben Jahre Laufzeit, 4,2 Prozent Zins. Ein Budget von 10 000 Euro? Das ist viel, viel Geld. Aber Heiraten ist auch sehr teuer geworden. Einige Beispiele von beliebten Hochzeits-Lokalen in Oberbayern: Der Chiemgauhof, direkt am Chiemsee, rechnet pro Gast pauschal 165 Euro ab – das gilt für zehn Stunden inklusive Aperitif, Blumen, 4-Gänge-Menü, Getränke. Wer länger feiert, legt noch zehn Euro pro Gast und Stunde drauf. Das Bootshaus am Tegernsee empfiehlt Paaren: „Sie können mit Gesamtkosten von ca. 150 bis 180 Euro pro Gast rechnen.“ Für Sektempfang, Kaffee und Kuchen, Menü und Getränke, Dekoration und Bootshaus-Miete.

Ein ziemlich präziser Kostenvoranschlag für eine Hochzeit mit 120 Gästen in der Alten Gärtnerei in Taufkirchen, extrem beliebt im Münchner Speckgürtel: 24 224 Euro. Da ist dann von der Tischdecke über die Acht-Stunden-Teelichter bis hin zum DJ alles dabei. Die Hussen, da sind sie wieder, auch: 8,80 Euro pro Stück werden berechnet. Das ist Mittelmaß, anderswo kosten sie 10 Euro. Die meisten schlucken diese absurden Kosten für die weißen Stuhlhauben: Sonst sitzen die Gäste in der Alten Gärtnerei zum Beispiel auf Gartenstühlen. Und so dreht sie sich, die Kostenspirale, weiter und weiter: Will man jetzt ausgerechnet an Hussen sparen, wenn man schon so romantisch im Gewächshaus heiratet?

Das Geschäft mit den schönen, unvergesslichen Bildern, mit liebevollen Details brummt. Zeig’ mir deine Hochzeitsdeko und ich sag dir wer du bist.

Ganz besonders in Mode sind Konzept-Hochzeiten, Bayerisch Vintage zum Beispiel

Das ist sowieso in Mode: Konzept-Hochzeiten. Wedding-Planner bieten Pakete an. Bayerisch Vintage. Genuss am See. Urban Chique. Pracht in Tracht. Mit im Angebot: Einheitliche Papeterie, ein Logo – alles abgestimmt in Stil, Farbe und auf die Wünsche des Brautpaares. Es gibt Tortenfiguren, die aussehen wie Braut und Bräutigam. Damast-Servietten, bestickt mit dem Namen des Gastes. Manchmal ist es einfach verrückt – da hängt das Lebensglück tatsächlich von der Tischdeko ab. Zumindest ein bisserl.

Das passt zur Eventkultur unserer Zeit, der Hang zum Großereignis. Früher hatten die Menschen genug damit zu tun, die Familie durchzubringen: „Da gab es ein Dorffest, ein Schützenfest, und das war’s“, sagt Frauenforscherin Annegret Braun. Heute will die Freizeit ausgefüllt werden, und das, obwohl wir doch alle ständig im Stress sind.

Tortenfiguren, die aussehen wie das Brautpaar. Gibt’s im Netz für 600 Euro.

Früher dran, länger organisiert, besser durchgeplant: Raffaella Lupo erinnert sich noch genau daran, dass es mal anders war. Entspannter, weniger perfektionistisch. Neun Jahre lang hat sie das angesagte Münchner Brautmodengeschäft „Mitgift“ betrieben, das vor wenigen Wochen geschlossen wurde. 2009, sagt sie, ging der Boom so langsam los. „Inzwischen ist vieles überkandidelt, manche Braut vergaloppiert sich.“ Und sie fragt sich schon länger: „Wo soll das hinführen?“

Raffaella Lupo hat im letzten Jahrzehnt etwa 3000 Bräute zur Anprobe empfangen, durchschnittlich je eineinhalb Stunden lang. Ihre Mission: der klassischen, „modisch nicht sonderlich offenen Braut“ so viele verschiedene Stile wie möglich zu vermitteln. Glitzer – das weiß sie – geht in München nicht, „die Mädels wollen es schlicht und raffiniert“. Aber trotzdem ist die ein oder andere auch aus dem Laden gegangen und hatte ein Kleid gekauft, „das sie erst gar nicht probieren wollte“.

Für einige ist die Brautkleidprobe Sport

Solche Kundinnen mag Raffaella Lupo. Heute aber durchforsten viele Bräute erst monatelang Hochzeitsmessen und das Internet auf der Suche nach dem perfekten Kleid, ehe es dann in die Läden geht: „Für einige ist die Brautkleidprobe Sport“, sagt sie. 10 Uhr: Termin 1, 13 Uhr: Termin 2, 15.30 Uhr: Termin 3. Raffaella Lupo beriet und beriet, aber am Ende zogen einige Bräute weiter: Denn vielleicht gibt es ja irgendwo ein noch schöneres, noch besser sitzendes Kleid. Und andersrum klagen nicht viele Bräute über Abzocke im Brautmoden-Geschäft: Sogar in der schicken Schwabinger Brautboutique „Flamenco“, wo man sein Kleid auf weichem, rotem Teppich probiert und nicht selten ein paar tausend Euro dafür hinlegt, kostet das Kürzen noch einmal extra. Der Eindruck, den viele haben: Wenn irgendwo „Hochzeit“ draufsteht, kostet es doppelt so viel. Aber meistens ist es auch doppelt so schön. Raffaella Lupo spricht – all dem Perfektionismus zum Trotz – von einem „Traumberuf. Man begleitet die Mädels Monate lang. Und es kommt so viel zurück.“

Die Kleid-Expertin: Raffaella Lupo.

Wer sparen muss oder einfach nicht sein gesamtes Sparkonto abräumen will, greift zur Bastelschere. Das Internet ist voll mit Do-it-yourself-Anleitungen für Einladungskarten und Tischdekoration. Die Fotoseiten Instagram und Pinterest platzen schier vor Ideen für selbstgemachte Tischkärtchen und Blumenvasen. Und damit auch die weniger stilsichere Braut keinen Mist baut, gibt’s meistens gleich ein Farbschema dazu. Das ist, Männer aufgepasst, ein Kärtchen mit unterschiedlichen Farbtönen darauf, die harmonieren. Wehe, die Serviettenfarbe tanzt aus der Reihe! Es gibt diese Legende von einer Braut aus den USA, die angeblich von der Floristin verlangt hat, die Blümchen mit Tinte zu tränken – damit das Lila schöner wird. Vielleicht ist das gelogen. Vielleicht aber auch nicht.

Schwer im Kommen sind Videos, in denen Drohnen über die Hochzeitsgesellschaft fliegen

Manche Bräute sammeln über Monate Gurken- und Marmeladengläser, wickeln Spitzenband drumherum und rupfen an den Tagen vor der Hochzeit jedes Blümchen aus Omas Garten: romantische Wiesensträuße, das ist gerade angesagt. Sieht locker aus – ist aber genauso ernsthaft vorbereitet wie das elegante Rosengesteck.

Ist der große Tag dann da, muss er natürlich auch festgehalten werden. Schwer im Kommen sind Videos, in denen Drohnen über die Feiergesellschaft fliegen. Wer ein Fest so lange plant, will, dass die Bilder perfekt und für die Ewigkeit sind. Und für die sozialen Netzwerke. Früher ging das Brautpaar vor der Hochzeit ins Studio, man kennt diese Bilder von gequält lächelnden Paaren vor der Standard-Fotowand. Heute werden ganze Reportagen durchfotografiert, vom Schminken über das Ja-Wort bis hin zum Brautwalzer. Günstig ist auch das nicht: „Reportagen inkl. Verlobungsshooting und Album beginnen bei 2490 Euro“, dieses Paket bietet eine Fotografin aus dem Chiemgau an.

Traumhochzeit von Schweini und Ana: Die besten Bilder

Dafür sind die Motive spektakulär. Brautpaare stellen sich, vor allem an den oberbayerischen Seen, vorzugsweise auf Stege. Sie springen in den Brunnen vor dem Friedensengel. Sie wandern Hand in Hand durch den romantischen Wald. Man mag sich nicht ausmalen, was passiert, wenn das Brautpaar nicht zufrieden ist mit dem, was der Fotograf nach dem Fest an Bildern abliefert.

Ein Mann kam in den Brautladen und wollte ein Kleid. Für sich.

Unsere Autorinnen Hanna Raif (ehemals Schmalenbach, l.) und Carina Zimniok - jeweils nach ihrer standesamtlichen Trauung. 

Auch Brautkleid-Verkäuferin Raffaella Lupo hat „schon viele Dramen“ begleitet, Tränen wegen der falschen Krawattenfarbe des Mannes, Streit über das richtige Kleid für die Brautjungfern. Am besten in Erinnerung aber ist ihr jener Mann geblieben, der einst bei ihr im Laden stand. „Er hat sich ein Kleid bestellt, in Größe 48“, erzählt sie. Der Hintergrund: Seine Freundin wollte eigentlich nicht heiraten, der Heiratsantrag sollte etwas besonderes sein, er wollte dabei tatsächlich im Brautkleid auf die Knie gehen. Raffaella Lupo hat ihn behandelt wie die anderen Kundinnen. Das Kleid saß, am Ende hat er sich Wimpern und Brüste angeklebt, um perfekt auszusehen. Umsonst. „Die Geschichte ist nicht gut ausgegangen“, sagt sie. Bis zur Hussen-Frage sind die beiden nie gekommen.

Die Autorinnen heiraten übrigens am Samstag, eine im Landkreis Freising, eine am Chiemsee. Der gemeinsame Termin ist reiner Zufall. Natürlich gab es auch für die beiden anstrengende Momente – trotzdem können sie es kaum erwarten, „Ja“ zu sagen. Und wir gratulieren natürlich!

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