Tarzan im Rollstuhl

Waldseilpark für Menschen mit Handicap

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Schwarzenbruck - Mit dem Rollstuhl durch die Luft schweben: Was unglaublich klingt, ist in zwei deutschen Waldseilparks seit neuestem möglich. Mit Hilfe speziell ausgebildeter Trainer können sich auch Menschen mit Handicap in schwindelerregende Höhen wagen.

Ein letzter prüfender Blick: Die Sicherungsseile sind fest. Johannes Waltinger nimmt ein wenig Schwung - und stürzt sich in die Tiefe. In einer Höhe von fünf Metern schwebt er an einem Stahlseil bis zur nächsten Holzplattform. In einem Waldseilpark ist so eine Übung zwar nichts Ungewöhnliches. Doch Johannes sitzt im Rollstuhl. In Schwarzenbruck bei Nürnberg können seit kurzem auch Menschen mit Gehbehinderung ihre Nerven hoch oben zwischen Baumwipfeln testen. In Pilotprojekten wird hier ebenso wie in Schwäbisch Gmünd (Baden-Württemberg) ausprobiert, ob und wie so etwas mit Rollstuhlfahrern funktioniert.

Auf der anderen Seite der Seilrutsche nimmt Trainerin Andrea Kammerer den 23-Jährigen in Empfang. Sie hilft ihm aufs Podest und beim Umhaken der Sicherungen. Der erste Höhepunkt ist geschafft. Und gleich geht es weiter. Der Azubi muss über eine schwingende Brücke fahren, auf der kleine Hindernisse angebracht sind. Und dann kommt die schwerste Stelle, wie Johannes sagt: Eine Brücke aus zwei parallelen Holzplanken und einer Lücke dazwischen. Hier ist viel Balance und Geschicklichkeit gefragt. Johannes richtet seinen Rollstuhl gerade aus, kippt ihn leicht nach hinten und fährt nur auf den Hinterrädern zum nächsten Podest.

"Man sieht hier nicht, wo man hinfährt. Das ist so eine Art Blindflug, daher ist das so schwierig", sagt der angehende Elektriker für Gerätetechnik. Angst habe er trotzdem nicht. "Ist doch cool, so was ausprobieren zu können", sagt Johannes. Der 23-Jährige ist seit seiner Geburt gehbehindert, der Grund war eine Unterversorgung seines Gehirns mit Sauerstoff. Der Rollstuhl-Basketballer hat sich trotzdem nie von etwas abhalten lassen. Er probiere immer alles aus.

Daher war er auch sofort bereit, den neuen Waldseilpark zu testen. Seit Anfang Mai gibt es das Angebot der Rummelsberger Diakonie, die sich den Park rund 200 000 Euro kosten ließ. Betreiber ist eine hundertprozentige Tochter der Diakonie.

Der Chef der Diakonie, Günter Breitenbach, habe sich gemeinsam mit seinem Sohn überlegt, wie man das Diakonie-Dorf auch für Jugendliche interessanter machen könnte, erzählt Sprecher Gunnar Dillschneider. So seien sie auf die Idee mit dem Waldseilpark gekommen. Das Projekt sollte etwas für Menschen mit und ohne Behinderung sein. "Man wollte Leben in jeder Form reinbringen", sagt Dillschneider.

Und so entstand der Park, der sieben verschiedene Routen hat und insgesamt etwa 50 Übungen. Eine der Routen ist rollstuhlgerecht. Auf ihr muss man fünf Stationen überwinden. "Wir wollen uns jetzt anschauen, wie es angenommen wird, und dann überlegen, ob wir noch weitere Routen für Rolli-Fahrer umbauen", sagt Betriebsleiter Sebastian Völklein. Zehn Rollstuhlfahrer hätten den Park bereits ausprobiert. Einige von ihnen waren von Geburt an gehbehindert, andere kamen wegen eines Unfalls in den Rollstuhl. "Gerade für die war es ein tolles Erlebnis, weil sie so was wie einen Waldseilpark schon abgeschrieben hatten", erzählt Völklein. Für die anderen sei es ein völlig neues Gefühl, in der Luft zu schweben.

Begleitet werden die Rolli-Fahrer immer von einem speziell ausgebildeten Trainer sowie einer Begleitperson - meist ein Freund oder Verwandter. Gesichert sind auch die Rollstuhlfahrer über zwei separate Seile. Sie ziehen eine Weste an, die auch an den Beinen befestigt wird. Der Rollstuhl wird so an den Tragseilen aufgehängt, dass der Fahrer von dem Gewicht nichts spürt. Für den Waldseilpark wurden extra fünf solcher Westen entwickelt und produziert.

Doch kann den Park eigentlich jeder Rolli-Fahrer nutzen? "Man sollte mit seinem Rollstuhl schon gut klarkommen. Und ein bisschen Körpergefühl ist von Vorteil", sagt Johannes Waltinger und grinst. Aber eigentlich könne jeder mit einem normalen oder Sport-Rollstuhl den Parcours gut schaffen. "Es bringt auf jeden Fall viel Spaß und neue Erfahrungen. Angst muss man nicht haben", sagt der 23-Jährige und stürzt sich zum letzten Mal für heute in die Tiefe.

dpa

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