Knochenfund

Wer hat Peggy hier verscharrt?

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Polizisten stehen in einem Waldstück im thüringischen Rodacherbrunn: In dem Dickicht fand ein Schwammerlsucher Knochen eines Kindes, aller Vorraussicht nach handelt es sich dabei um Peggy Knobloch.

Lichtenberg - 15 Jahre nach dem Verschwinden von Peggy in Lichtenberg (Oberfranken) findet ein Schwammerlsucher Überreste des Mädchens. Wer hat sie dort verscharrt?

Update vom 13. Oktober 2016: An den sterblichen Überresten der 2001 verschwundenen Peggy Knobloch sind DNA-Spuren des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden worden.

Wer sich vor Augen führt, wie lange Peggy Knobloch aus dem oberfränkischen Lichtenberg ohne jegliche Spur verschwunden ist, wie lange ihre Mutter Susanne um das Wohl ihrer damals neunjährigen Tochter fürchtet, muss sich nur dies vorstellen: Den 11. September 2001, den Terrorangriff auf New York, gab es erst vier Monate später. Doch am Samstag hat es in der Tragödie um das verschollene Mädchen eine neue, dramatische Entwicklung gegeben: Ein Schwammerlsucher fand in einem Waldstück im thüringischen Rochdacherbrunn, eine Viertelstunde Autofahrt von Lichtenberg entfernt, Knochen eines Kindes. Sie waren zum Teil vergraben. Ermittler vom Polizeipräsidium Oberfranken und der Staatsanwaltschaft Bayreuth sagten dazu am Montag: „Höchstwahrscheinlich“ stammen die Skelettteile von der Schülerin. „Es ist alles schlüssig“, so der Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Potzel weiter.

Ein Gedenkstein mit dem Porträt von Peggy auf dem Friedhof in Nordhalben.

Peggys Knochen gefunden – nach mehr als 15 Jahren. Offenbar entdeckten die Ermittler am Fundort Gegenstände, die sie der Schülerin zuordnen konnten: Peggys Schulranzen? Ihre Jacke? Darüber schweigen die Beamten noch. Die DNA-Untersuchung soll einen letzten Beweis liefern, dass es sich um die Schülerin handelt. Doch wer hat das Mädchen hier verscharrt?

Mit der Entdeckung in dem Waldgebiet, das bei Schwammerlsuchern als Geheimtipp für Steinpilze und Reherl gilt, endet auch die Hoffnung, dass Peggy doch noch leben könnte. Es hatte angebliche Sichtungen gegeben, in der Türkei etwa, die damals so glaubhaft erschienen, dass dort Suchplakate aufgehängt wurden. Eine Zeugin aus dem Kreis Erding meldete sich, die sich hundertprozentig sicher war, dass ein Mann in Begleitung von Peggy bei ihr ein Kopftuch gekauft hat. Und während des Wiederaufnahmeverfahrens vor zwei Jahren gegen den als ihren Mörder verurteilten Ulvi K. zeigte Peggys Vater ein Foto seiner Tochter, wie sie als junge Frau aussehen könnte.

Doch mit dem Fund im Dickicht, kurz vor der ehemaligen innerdeutschen Grenze, starben auch diese Hoffnungen auf ein glückliches Ende in dem Drama. Von nun an wird wieder wieder intensiv nach einem Mörder gefahndet, es gibt erneut eine Soko Peggy. „Wir ermitteln im Augenblick gegen Unbekannt. Erst die weiteren Ermittlungen werden zeigen, ob wir jemanden als Tatverdächtigen führen müssen“, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Potzel. Jürgen Stadter vom Polizeipräsidium Oberfranken ergänzt: „Nun steht die Auswertung zahlreicher Spuren an, die am Fundort gesichert worden sind oder noch gefunden werden.“ Auch Vernehmungen seien geplant. Und: „Wir wissen noch nicht, wo der Tatort ist.“ In Lichtenberg, dem Ort, in dem sie so sehr um Peggy bangten, fragt sich zur selben Zeit Bürgermeister Holger Knüppel: „Ist der Mörder womöglich noch unterwegs?“

Fall Peggy – die Chronologie:

  • 7. Mai 2001: Die neunjährige Peggy aus dem oberfränkischen Lichtenberg verschwindet auf dem Heimweg von der Schule. Wochenlange Suchaktionen bleiben ohne Erfolg.
  • August 2001: Die Polizei nimmt den geistig behinderten Ulvi K. fest. Er gibt an, sich an Peggy und drei weiteren Kindern sexuell vergangen zu haben.
  • Oktober 2002: Die Ermittler präsentieren den 24-Jährigen als mutmaßlichen Mörder von Peggy.
  • Oktober 2003: Vor dem Landgericht Hof beginnt der Prozess.
  • April 2004: Ulvi K. wird wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.
  • September 2010: Ein wichtiger Belastungszeuge widerruft seine Aussage und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Ermittlungsbehörden.
  • April 2013: Der Anwalt von Ulvi K. beantragt die Wiederaufnahme des Falls. Im selben Monat wird nach einem Hinweis ein Hinterhof in Lichtenberg aufgebaggert. Peggy findet man nicht.
  • Januar 2014: Auf dem Friedhof Lichtenberg öffnen die Ermittler ein Grab. Sie vermuten, dass bei einer Beerdigung 2001 Peggys Leiche dort abgelegt wurde. Doch sie finden keine Hinweise.
  • April 2014: In Bayreuth beginnt das Wiederaufnahmeverfahren.
  • Mai 2014: Das Gericht spricht Ulvi K. aus Mangel an Beweisen frei.
  • Februar 2015: Die Staatsanwaltschaft Bayreuth stellt ihre Ermittlungen ein. Ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wird aber aufrechterhalten, um mögliche Spuren weiterzuverfolgen.
  • 2. Juli 2016: Ein Schwammerlsucher findet im Wald bei Rodacherbrunn im thüringischen Kreis Saale-Orla Skelettreste von Peggy.

Ani fühlt mit der Mutter

Der Münchner Autor Friedrich Ani hat den Fall Peggy von Anfang an verfolgt. Sein Roman Totsein verjährt nicht (2009) ist – auch wenn die Figuren darin anders heißen – an die Geschichte des Mädchens aus Lichtenberg angelehnt. Das ZDF machte (nach einem Drehbuch von Ani und seiner Co-Autorin Ina Jung) dann einen preisgekrönten Film aus dem Stoff: Das unsichtbare Mädchen lief 2011.

Krimiautor Friedrich Ani.

Als die tz Friedrich Ani am Montagnachmittag erreicht, ist er im Bilde über die neuesten Entwicklungen. Hat er damit gerechnet, dass die Leiche nach all den Jahren noch gefunden würde? „Ich habe jedenfalls nie gedacht, dass der Fall Peggy ein Fall bleibt, der nicht gelöst werden kann“, so der 57-Jährige.

Anis Gedanken sind nun bei Peggys Familie, vor allem bei der Mutter. „Wenn es wirklich zutrifft, dass die gefundenen sterblichen Überreste von Peggy stammen, ist das sicher eine Möglichkeit für die Mutter, endlich Abschied zu nehmen“, so der Autor. Die Gewissheit, und sei sie noch so traurig, wäre für die Mutter „eine Tür zum Weiterleben“.

Der Münchner rechnet damit, dass nun viele Fragen auf die Ermittler zukommen werden. Ani: „15 Kilometer vom Ort des Verschwindens wurden Knochen gefunden – dabei wurde doch angeblich alles abgesucht …“

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