"Bitte helft mir zu leben!"

Kampf gegen Krebs: "Bitte helft mir zu leben!"

Vier Brüder, die zusammenhalten wie Pech und Schwefel (von links): Nicolas, Antonio, Emilio und Leonardo.

Schliersee - Wenn der Glaube tatsächlich Berge versetzen könnte, dann würde Nicolas Kutter aus Neuhaus am Schliersee wohl das ganze Mangfallgebirge aus den Angeln heben.

Zugegeben: Dieser Vergleich klingt hochgegriffen, aber Nici hat ihn verdient. Denn an den Schicksalsschlägen, die der 15-jährige Gymnasiast wegstecken musste, wären viele gestandene Mannsbilder längst zerbrochen. Seine Willenskraft wirkt unerschütterlich: Seit drei Jahren stemmt sich Nici gegen eine schwere Form der Leukämie, mehrmals war er dem Tod näher als dem Leben.

Chemotherapie, Ganzkörperbestrahlung, zwei Knochenmarkstransplantationen zunächst von seinem kleinen Bruder Antonio und später von Papa Roberto – Nici stand selbst die brutalsten Behandlungen durch. „Schwere Nebenwirkungen haben mich fast das Leben gekostet“, erzählt der tapfere Teenager. Seine Bauchspeicheldrüse entzündete sich, die Ärzte mussten drei Viertel des Organs entfernen. Nach einer weiteren Infektion lösten sich große Teile seiner Haut ab – von Gesichtslähmungen und Haarausfall ganz zu schweigen. „Es war schrecklich“, erinnert sich Privatdozent Dr. Michael Albert, Oberarzt und Leiter der Stammzelltransplantation am Dr.-von-Haunerschen Kinderspital in München.

Aber geschenkt: Nici, der Kämpfer, fasste schon damals einen unverrückbaren Entschluss: „Ich will leben – unbedingt!“ Zwei Mal hat er den Blutkrebs schon besiegt, doch jetzt kam er ein drittes Mal zurück. „Wir wussten nicht, ob Nicolas Weihnachten überleben würde“, berichtet sein Vater Roberto Kutter.

Doch was in den vergangenen Wochen geschah, grenzt an ein Wunder: Seine Ärzte im Hauner’schen griffen nach einem allerletzten Strohhalm. Sie besorgten ein neues Medikament aus den USA, das in Deutschland noch nicht zugelassen ist. Es schlug Gott sei Dank an, mit der dramatischen Rettungsaktion konnten die Münchner Mediziner den Krebs zumindest aufhalten und Zeit für Nici gewinnen.

Jetzt könnte ihn eine weitere Behandlung nach einem ähnlichen Prinzip retten. Auch diese wird derzeit nur von US-Spezialisten angeboten. Dazu soll Nici Mitte Februar in die USA fliegen und dort zweieinhalb Monate lang bleiben – als erster bayerischer Patient dieser speziellen Behandlungsstrategie. Allerdings nur dann, wenn es seiner Familie gelingt, das Geld für die Klinik aufzutreiben. Sie verlangt umgerechnet 185 000 Euro – per Vorkasse, das ist in Amerika so üblich; dazu kommen die Reisekosten für die Eltern. So hart es auch klingen mag: Sonst brauchen die Kutters gar nicht erst ins Flugzeug zu steigen. Nicis Krankenkasse ist übrigens nicht verpflichtet, die Behandlungskosten zu bezahlen.

Unser großer tz-Report dokumentiert den außergewöhnlichen Krankheitsverlauf und den verzweifelten Kampf der Schlierseer Familie. Darüber hinaus erklärt Dr. Albert, wie genau die sogenannte Immuntherapie wirken soll und warum neben Nicolas bald weitere krebskranke Kinder und Erwachsene davon profitieren könnten – auch in München.

Das ist der Plan für Nicis Heilung

Dr. Michael Albert und eine Kollegin vor einer der beiden Stammzell-Transplantation bei Nicolas.

Im Kampf gegen den Krebs gewinnt die Immuntherapie immer mehr an Bedeutung. Sie zielt darauf ab, die körpereigenen Abwehrkräfte zu stärken – konkret die T-Zellen. Sie sollen als eine Art Killerkommando die Krebszellen im Blut aufspüren und vernichten. Dieses Prinzip macht sich auch das Medikament zu Nutze, das bei Nici gewirkt hat: Blinatumomab. „Vereinfacht ausgedrückt funktioniert es so: Bestimmte Eiweiße führen die T-Zellen ganz nah an die Krebszellen heran und aktivieren sie dort – wie Zielfahnder“, erklärt Dr. Albert.

Das Medikament stammt übrigens ursprünglich aus Martinsried. Dort wurde es von einer Startup-Firma entwickelt, die vor eineinhalb Jahren vom amerikanischen Biotechnologie-Konzern Amgen aufgekauft wurde. Amgen hat Blinatumomab in den USA bereits auf den Markt gebracht, in Deutschland steht die Zulassung heuer bevor.

Nici hat das Import-Präparat aus den USA gut vertragen, aber es gibt trotzdem einen Haken: Wenn er nicht mehr damit behandelt wird, könnte er einen Rückfall erleiden. Deshalb haben seine Münchner Ärzte nach einem Weg gesucht, einen ähnlichen Abwehreffekt dauerthaft zu erreichen. Das wollen ihre US-Kollegen mit Hilfe von hochinnovativer Gentechnik erreichen.

Dr. Albert: „Den Patienten werden T-Zellen aus dem Blut entnommen, diese wiederum werden in einem Hightech-Labor umprogrammiert. Und zwar so, dass alle T-Zellen ein bestimmtes Eiweiß auf der Oberfläche der Tumorzelle erkennen können. Es heißt CD-19 und wird praktisch als Andockstation genutzt. Die T-Zellen entern sozusagen die Leukämiezellen und zerstören sie.“ Diese Therapie soll nachhaltig wirken. „Das gelingt, weil sich jede umprogrammierte Zelle tausendfach teilt und die Eigenschaft, CD-19 zu erkennen, sozusagen vererbt wird“, erläutert Dr. Albert. Sobald die T-Zellen im Labor umprogrammiert worden sind, werden sie dem Patienten als Infusion ­wieder zurückgegeben.

Wenn sich die ersten Erfolge der US-Immuntherapie bestätigen, könnten bald alle Kinder mit der häufigsten Leukämie-Unterart ALL davon profitieren. Von 700 Mädchen und Buben, bei denen in Deutschland jedes Jahr Blutkrebs diag­nostiziert wird, leiden 600 an ALL – die Abkürzung steht für akute lymphatische Leukämie. Insgesamt bekommen jährlich etwa 1800 Kinder Krebs verschiedener Formen.

Therapie in USA ist realistische Chance

Familie Kutter (hinten v.l.): Leo (11), Nici (15), Antonio (5), Mama Solveig und Papa Roberto. Vorne: Emilio.

Papa und Sohn haben einen gemeinsamen Traum. „Nici und ich wollen wieder auf den Brecherspitz kraxeln“, erzählt Vater Roberto Kutter. „Das ist unser Hausberg.“ So wie früher, als sie direkt von daheim aus losmarschieren konnten – die Familie lebt am Schliersee, nur drei Kilometer Luftlinie entfernt. Doch diesmal muss Nici auf dem Weg zum Gipfel einen weiten Umweg in Kauf nehmen. Er führt über eine Kinderklinik in Seattle (USA). Dort haben Krebsspezialisten eine neue, vielversprechende Therapie entwickelt. Sie könnte Nici helfen, die Leukämie endlich zu besiegen.

Darauf hofft auch sein engagierter Münchner Arzt Dr. Michael Albert. Er hat Nicolas einen Platz in der klinischen Studie besorgt, so nennen Wissenschaftler die Erprobung neuer Behandlungsmethoden an Patienten. In einer ersten Studie hatten die US-Ärzte bereits 30 Schwerstkranke mit dem neuen Verfahren therapiert, 27 ging es danach deutlich besser. „Mit 90 Prozent liegt die Erfolgsquote beeindruckend hoch. Für Nici ist diese Methode eine realistische Chance“, sagt Dr. Albert.

Die neue Studie beginnt Mitte Februar. Bis dahin muss Nicis Familie das Geld für die Krankenhauskosten beisammen haben. Die 185 000 Euro werden nicht für die neue Therapie selbst fällig, deren Kosten übernimmt eine Pharmafirma. Aber Aufenthalt und Pflege in US-Kliniken sind sehr teuer.

Von der Therapie erhofft sich Albert auch neue Chancen für seine Münchner Patienten: „Ich gehe davon aus, dass diese Behandlungsmethode noch Ende 2015 auch bei uns im Rahmen einer Studie angeboten wird. Aber für Nici käme dieser Zeitpunkt vermutlich zu spät.“

Auch Nici weiß, dass seine Therapie in den USA mit Risiken behaftet ist – schließlich handelt es sich um ein experimentelles Verfahren, mit dem weltweit bislang noch keine hundert Patienten behandelt worden sind. Die Nebenwirkungen sind kaum erforscht. „Meine Mars-Mission“ nennt der blitzgescheite Bub seine Reise ins Ungewisse. „Vielleicht komme ich nicht wieder, aber die Studie, an der ich teilnehme, wird neue Möglichkeiten für andere Patienten eröffnen.“

Vater Roberto ist felsenfest davon überzeugt, dass er seinen Nici in den USA geheilt wird. Der große Kämpfer will nämlich nicht nur wieder auf den Brecherspitz steigen, sondern irgendwann sogar mal bei einem Ironman-Triathlon mitmachen. Nici glaubt daran, dass er auch das schafft, mit seinem Papa hat er schon eine entsprechende Wette laufen. „Ich wünsche mir nichts mehr im Leben, als dass ich diese Wette verliere“, sagt Roberto Kutter.

So können Sie Nici und Familie helfen

Spenden kann man unter anderem über das Konto der Kinderkrebshilfe Ebersberg. Das Kennwort lautet „Nicolas Kutter“. Die IBAN: DE74702501500000028399. Weitere Infos auf der Internetseite www.help-nici.com

Andreas Beez

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