Neuschwanstein-Chinesen seit 1 Monat verschwunden

Wo seid ihr nur? 5711 Menschen in Bayern vermisst

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Spurlos verschwunden am Schloss Neuschwanstein: das chinesische Ehepaar Sihong und Xiaoxia Chen.

München -  Für Aufsehen sorgte vor einem Monat ein chinesisches Paar, das am Schloss Neuschwanstein plötzlich verschwand - und immer noch unauffindbar ist. Wir zeigen stellvertretend für die vielen vermissten Menschen in Bayern sieben Schicksale.

Ein chinesisches Ehepaar marschiert ohne seine Reisegruppe zum Schloss Neuschwanstein und kehrt nicht mehr zurück. Das war am 2. Juli. Seit gut einem Monat nun sind Sihong Chen (37) und seine Frau Xiaoxia (39) nun spurlos verschwunden. Ein Mysterium – aber bei Weitem kein Einzelfall. Jeden dritten Tag verschwindet ein Mensch in Bayern. Aktuell gelten genau 5711 Menschen als vermisst!

Über das genaue Schicksal der Vermissten können die Angehörigen meist nur spekulieren. Es gibt die Aussteiger, die ein neues Leben anfangen wollen. Dann gibt es die Verzweifelten. Und es gibt auch Menschen, von denen zumindest einer weiß, was passiert ist. Es sind jene Vermisste, von der die Polizei glaubt, sie seien ermordet worden. Erschreckend: „Unter den Vermissten in Bayern sind auch 541 Kinder“, sagt LKA-Sprecher Ludwig Waldinger.

Nach dem chinesischen Ehepaar in Schwangau hatten Polizei und Suchmannschaften mehrere Tage lang gefahndet – mit Hubschrauber samt Wärmebildkamera, Suchhunden und Tauchern, die die angrenzenden Seen durchkämmten. Bislang ohne Erfolg. Inzwischen wird schengenweit nach Sihong und Xiaoxia Ausschau gehalten. Dazu Sebastian Adam, Sprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West: „Tauchen beispielsweise bei einer Personenkontrolle die Namen auf, wird das unserem Präsidium gemeldet.“ Nach wie vor geht die Polizei von drei möglichen Szenarien aus: ein Verbrechen, ein Unglück, ein Untertauchen. „Auf die beiden ersten Optionen haben wir aber keinerlei Hinweise“, sagt Adam. Die chinesische Reisegruppe, der das Paar angehört hatte, ist inzwischen längst wieder daheim.

Wenn ein geliebter Mensch verschwindet, ist das für die Ehefrau, den Ehemann, die Familie und Angehörige meist ein großer Schock. Noch schlimmer ist die Ungewissheit, wenn ein Kind nicht mehr heimkommt. Die erste Reaktion ist oft, die Polizei zu alarmieren. In München beispielsweise kümmert sich das Kommissariat 14 um diese Fälle. Die Leiterin der Vermisstenstelle vom Polizeipräsidium, Margit Reimer, erklärt im Gespräch mit der tz, wie die Beamten im Vermisstenfall handeln:

Wird die Polizei eigentlich in jedem Fall tätig? „Erwachsene gelten grundsätzlich nicht als vermisst“, erklärt Margit Reimer. Ein Erwachsener habe nämlich das Recht, einfach alles hinter sich zu lassen – und abzutauchen. „Es wäre jedoch klug, es jemandem zu sagen. Grundsätzlich kann jeder Erwachsene jedoch tun und lassen, was er will.“

Unter welchen Voraussetzungen wird denn nach Erwachsenen gesucht? Margit Reimer: „Das kommt auf die Umstände, auf den Einzelfall an.“ Passt es einfach nicht zum Vermissten, dass er sich plötzlich nicht mehr meldet, werden sich die Beamten den Fall schon genau anschauen. „Bei Menschen, die lebensmüde oder dement und hilflos sind, wird natürlich schnell gehandelt.“

Und wie ist es bei vermissten Kindern? „Kinder gelten grundsätzlich als vermisst und gefährdet, wenn sie plötzlich weg sind“, sagt Margit Reimer. Da wird sofort mit allen verfügbaren Kräften gesucht.

In einer großen Übersicht zeigt die tz stellvertretend für die vielen Tausend Vermissten aus Bayern sieben Schicksale, die berühren. Und wir sprachen mit dem renommierten Detektiv Tamer Bakiner.

Die ungeklärten Fälle

Handtasche im Weiher

Ihre Handtasche fand man in einem Weiher, ihr Ford stand in der Innenstadt von Erding. Monika Liebl wird seit Juni 2007 vermisst.

Er wollte nach Tschechien

Anton Thanner aus dem Kreis Cham wollte sich in Tschechien operieren lassen. Seit Dezember 2013 fehlt von dem Oberpfälzer jede Spur.

Sonja kam nach einem Discobesuch nicht wieder heim

Seit April 1995 wird Sonja Engelbrecht (19) aus München vermisst. Die hübsche junge Frau lebte damals bei ihren Eltern in Laim, besuchte die Wirtschafts-Fachoberschule und machte ein Praktikum in einer Anwaltskanzlei. Das schöne Mädchen mit den langen, blonden Haaren hatte viele Verehrer, aber keinen festen Freund. Nach einem Discobesuch begleitete sie ein Freund noch bis zum Stiglmaierplatz. Hier verliert sich ihre Spur - seit rund 21 Jahren ist sie verschwunden.

Wurde sie ermordet?

Im Sommer 2007 verschwand Kerstin Langley (39) aus Regensburg. Die Polizei geht von einem Gewaltverbrechen aus.

Sie verschwand im Urlaub

Seit Juni 2012 wird Chettana Taprap aus Ingolstadt vermisst. Ihr Freund gab an, sie sei vom Strand auf der Insel Rab nicht zurückgekehrt.

Die geklärten Fälle

Neues Leben in Spanien

Es war der letzte Tag im August des Jahres 2005, als der Vermögensberater Werner M. (Name geändert) aus Scheidegg im Allgäu sich von seiner langjährigen  Freundin verabschiedete, seinen schwarzen Golf wie jeden Tag startete und in die Filiale brauste. Doch am Abend kehrte der damals 36-Jährige nicht zurück. Alle gingen von einem Verbrechen aus, dem Werner M. zum Opfer gefallen sein musste. Bis zum Januar 2007. Die Guardia Civil im andalusischen Ort Chipiona kontrollierte einen Mann, drei Wochen später stand die Identität fest. Werner M.! Der frühere Vermögensberater hatte sein Verschwinden minutiös vorbereitet. Hatte sich 11.000 Euro zusammengespart, ein Trekkingrad und Campingausrüstung gekauft. So ausgerüstet startete er in ein neues Leben in Spanien.

Erst nach 29 Jahren wurde Paul L. gefunden

Er hatte einen Brief hinterlassen mit den Worten: „Sucht nicht, ihr werdet mich nie finden.“ Die Polizei suchte trotzdem im Juli 1980 nach Paul L. (69) aus Gündlkofen (Kreis Landshut). Die Zeitung druckte sein Foto, tagelang streiften Polizisten und Dorfbewohner durch die Wälder der Umgebung. Paul L. fanden sie nicht. Und irgendwann stellte die Kripo die Suche ein, der Rentner war wie vom Erdboden verschluckt. Erst drei Jahrzehnte später, Ende März 2009, lüftete sich das Geheimnis um den ehemaligen Bäckermeister. Junge Leute fanden bei einem Spaziergang unter einer Fichte einen menschlichen Knochen. Die Polizei entdeckte dann mehrere Meter weiter oben ein Skelett, das an einen Fichtenstamm gefesselt war. Paul L. hatte sich dort selbst angekettet und dann erschossen.

tz-Interview mit Tamer Bakiner: Irgendeine Spur gibt's immer

Der bayerische Ermittler Tamer Bakiner (44) ist einer der renommiertesten Detektive Deutschlands – bekannt unter anderem auch durch sein Buch Der Wahrheitsjäger (Ariston Verlag). Im tz-Interview erklärt er, wie er im Fall der vermissten Chinesen vorgehen würde.

Wie schätzen Sie den Fall ein?

Tamer Bakiner: Auf alle Fälle schwierig, das kann ich auch ohne Kenntnis aller Details sagen. Es gibt ja mehrere Möglichkeiten: Das Ehepaar könnte verunglückt sein, könnte Opfer eines Verbrechens geworden sein oder könnte entführt worden sein. Ich glaube nicht, dass man eine dieser Möglichkeiten jetzt schon sicher ausschließen kann.

Wie würden Sie ermitteln?

Bakiner: Ich würde zuallererst versuchen, Informationen von Eltern, Freunden und Kollegen des Paars zu bekommen. Das, was es für die Polizei so schwierig macht: Das muss man direkt in China machen, und zwar muss das ein Chinese tun. Ich würde da die Hilfe eines chinesischen Detektivkollegen in Anspruch nehmen, mit dem ich schon lang zusammenarbeite.

Warum muss das ein Chinese tun?

Bakiner: Weil die Chinesen einem Europäer nicht trauen werden, wenn er solche Fragen stellt. Da ist es nicht möglich, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen – als Ausländer bekommst Du in der Regel null Info. Das macht es für die deutsche Polizei kompliziert.

Wie würden Sie weiter vorgehen?

Bakiner: Ich würde versuchen, auch jene Leute befragen zu lassen, die mit in der Reisegruppe waren. Ich würde erfahren wollen, worüber die Eheleute gesprochen haben, wie sie sich verhalten haben. Das Knifflige dabei ist: Die Leute dürfen gar nicht merken, dass das eine Ermittlung ist. Es muss wie zufällig sein, wie eine Plauderei, damit sie wirklich offen und unbefangen reden.

Was ist Ihr Gefühl: Was steckt hinter dem Verschwinden des Paares?

Bakiner: Ich kenne keine Details, deshalb sprechen wir hier wirklich nur von einem Gefühl. Aber der Rahmen so ganz ohne Spuren sieht für mich am ehesten nach einem geplanten Untertauchen aus.

Ihrer Erfahrung nach: Wie lang kann man so abgetaucht bleiben?

Bakiner: Wenn man sehr, sehr clever ist, geht das monate- oder jahrelang. Die Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man genug Geld hat – und dass man es in bar hat. Entweder direkt bei sich selbst oder deponiert bei jemandem, dem man vertraut. Trotzdem, auch ohne Kreditkarte: Irgendeine Spur hinterlässt man immer …

Interview: Uli Heichele

JAM, MC

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