37 Tage streifte er durch den Freistaat

Vor zehn Jahren betrat Problembär Bruno Bayern - ein Rückblick

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Bär Bruno im Sommer 2006: Die letzten Bilder vor dem Abschuß.

München - Exakt vor zehn Jahren betrat der erste Braunbär seit 170 Jahren bayerischen Boden – und hinterließ  eine blutige Spur. Bruno sorgte für Schlagzeilen - und wurde erschossen. Ein Rückblick.

Exakt vor zehn Jahren betrat der erste Braunbär seit 170 Jahren bayerischen Boden – und hinterließ gleich eine blutige Spur: Im Kreis Garmisch-Partenkirchen riss er drei Schafe. Fünf Wochen lang beschäftigte der Bär, der mit wissenschaftlichen Namen zwar JJ1 hieß, im Volksmund aber Bruno genannt wurde, von nun an die Menschen. Die Leute beobachteten oft mit Schadenfreude, welche Eskapaden sich Bruno leistete, wie er seinen Verfolgern – darunter finnische Bärenjäger – entkam. Die Behörden sahen die Entwicklung mit Sorge, da es zu gefährlich erachteten Begegnungen kam. Bruno wurde zum Abschuss freigegeben. Er verlor im Rotwandgebiet sein kurzes Leben. Die Volksseele kochte. Die tz sprach mit einem, der Bruno als einer der letzten sah. Psychotherapeut Thomas Meinhart (38) folgte ihm mit seinem Spezl Christian zwei Stunden lang. 36 Stunden später war der Bär tot.

„Sein Tod rührt mich noch immer“

Sie waren ja damals mit Ihrem Freund zwei Stunden lang neben dem Bären und hinter ihm hergelaufen.

Thomas Meinhart: Wir hatten damals einen Arbeitseinsatz auf einer Hütte, und plötzlich war da ein Braunbär. Es war eines der schönsten Naturerlebnisse, die ich je hatte. Es hatte auch etwas Absurdes, weil ein Bär bei uns nicht vorkam, seit 170 Jahren, wie es damals immer hieß. Obwohl wir natürlich wussten, dass Bruno in der Gegend war. Und doch läuft uns plötzlich da so ein Tier über den Weg…

… 36 Stunden nach diesem ersten Kontakt war er tot. Wie ging es Ihnen dabei?

Meinhart: Ich war dreimal im Museum Mensch und Natur, wo Bruno ausgestellt ist. Und ich muss sagen, jedes Mal, das hört sich jetzt etwas pathetisch an, bekomme ich einen Kloß im Hals, wie man so sagt. Es rührt mich, wenn ich ihn sehe und an seinen Tod denke. Ich kämpfe mit den Tränen, auch weil ich dann daran denke, was ich mit ihm erlebt habe. Ich bin immer noch entsetzt darüber, was mit dem Bären passiert ist.

Was wäre denn die Alternative gewesen?

Der ausgestopfte Bruno im Museum. Thomas Meinhart und Christian Gareis folgten ihm.

Meinhart: Der Wiesner (Anmerkung: der damalige Münchner Tierparkchef Henning Wiesner) wäre ja mit seinem Blasrohr gekommen und hätte den Bär vom Heli aus betäuben können. Der Wildpark Poing hat sich angeboten, auch andere. Er war damals einfach völlig unnötig, dieser Abschuss, und er macht mich auch wütend. Natürlich hätte er in Oberbayern nicht frei leben können, aber es gab Alternativen. Die Staatsregierung hat damals überreagiert.

Was sagen denn Ihre Bekannten, wenn sie von Ihrem Treffen mit Bruno erfahren?

Meinhart: Ich selbst habe mit der Sache meinen Frieden gemacht. Es ist aber natürlich immer eine Show, wenn mein Erlebnis zum Thema wird. Es begeistert heute noch die Leute. Ein Hit am Lagerfeuer. Ich erzähl’ die Geschichte aber nicht oft, denn sie macht mich traurig und wühlt mich gleichzeitig auf. 

Stoibers Problembär und die Wut auf Schnappauf

Das Jahr 2006: Ex-Minister Werner Schnappauf ...

Während Bruno zwischen den Kreisen Garmisch-Partenkirchen, Bad Tölz-Wolfratshausen und Miesbach hin- und herrennt, er zwischendurch auch Schafe in Tirol nicht verschmäht, wächst die Sorge bei der Staatsregierung: Was, wenn es Angriffe auf Menschen gibt? Der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber gab eine Stellungnahme ab:

... und Edmund Stoiber.

„Natürlich freuen wir uns – das ist gar keine Frage – freuen wir uns (…) einen sich normal verhaltenden Bär in Bayern zu haben.“ Weiter: „Der normal sich verhaltende Bär lebt im Wald, geht niemals raus und reißt vielleicht ein bis zwei Schafe im Jahr (…) Wir haben dann einen Unterschied zwischen dem normal sich verhaltenden Bär, dem Schadbär und dem Problembär. (…) Und es ist ganz klar, dass dieser Bär ein Problembär ist.“

„Es ist im Übrigen auch (...) durchaus ein gewisses Glück gewesen. Der hat um 1 Uhr nachts praktisch diese Hühner gerissen. (...) Stellen Sie sich mal vor, die Leute wären raus und wären praktisch jetzt dem Bären praktisch begegnet …“

Nach dem Abschuss entlädt sich der Zorn über dem damaligen Umweltminister Werner Schnappauf. Der bleibt bei seiner Meinung: Bruno war gefährlich.

Brunos verwinkelte Wandertage

Was so alles in 38 Tagen passierte – hier der Kurzüberblick:

  • 20. Mai: Bei Garmisch-Partenkirchen reißt Bruno drei Schafe, einen Tag später gleich vier weitere.
  • 22. Mai: In der Nähe von Häusern tötet der Bär Geflügel und reißt zwei Schafe. Das bayerische Umweltministerium erklärt: „Der Bär ist zu einem Problembären geworden.“
  • 30. Mai: Genetische Analysen klären die Herkunft von JJ1 alias Bruno. Er ist Südtiroler.
  • 1. Juni: Bayern will mithilfe finnischer Bärenjäger den Streuner aufspüren. Das Tier soll nur im Notfall abgeschossen werden.
  • 6. Juni: Bruno plündert in Tirol einen Kaninchenstall.
  • 7. Juni: Die Umweltstiftung WWF stellt eine Röhrenfalle aus den USA auf.
  • 11. Juni: Finnische Bärenjäger nehmen die Fährte auf.
  • 14. Juni: Am Sylvensteinspeicher bei Lenggries streift ein Auto den Bären.
  • 15. Juni: Bei Lenggries wird Bruno von einem der finnischen Elchhunde gestellt. Doch wieder kann der Bär entwischen.
  • 17. Juni: Bruno marschiert durch Kochel und sitzt kurz vor der Polizeiwache.
  • 23. Juni: Bayern erteilt eine vom 27. Juni an geltende Abschussgenehmigung. Der Tierschutzbund protestiert.
  • 26. Juni, 4.50 Uhr: Bruno wird an der Kümpflalm (Rotwandgebiet) erschossen – von einem bis heute geheim gehaltenen Team aus Einheimischen. 

Bruno wird zum Titelheld

Im Sommer 2006 – bevor die Fußball-Weltmeisterschaft losgeht – hat Deutschland bereits den ersten Helden. Braunbär Bruno schafft es elfmal auf die Titelseite der tz, die Leser können von dem sorglos durch die Berge tapsenden Jungbär (110 Kilo schwer) nicht genug bekommen. Sogar im Zentrum der Weltmacht wird der Bär zum Thema. Die tz-Schlagzeilen beschäftigen den damaligen US-Generalkonsul, er kabelt einen Bericht darüber nach Washington. Das enthüllt Jahre später Wikileaks.

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