Die neuesten Entwicklungen

Bessere Medizin für Ihr Herz

Herz Modell
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Modell eines menschlichen Herzens.

München - Die tz dokumentiert die wichtigsten Impulse für eine noch bessere Herz-Medizin mit einer Art Nachrichten-EKG – damit tz-Leser in der Herzheilkunde am Puls der Zeit bleiben.

Sie gelten als Schrittmacher des Fortschritts in der Herz-Medizin: 8500 Spezialisten aus 25 Ländern haben sich in dieser Woche in Mannheim beraten – mehr Kompetenz unter einem Dach geht kaum! Veranstalter des Expertentreffens war die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK), ein Schwergewicht unter den medizinischen Fachverbänden. Sie ist die älteste und größte kardiologische Gesellschaft in Europa. Dementsprechend vielseitig gestaltete sich der Wissensaustausch. Die tz dokumentiert die wichtigsten Impulse für eine noch bessere Herz-Medizin mit einer Art Nachrichten-EKG: neue Diagnoseverfahren und Therapien, neue Studien und Statistiken, neue Auswertungen und Analysen – damit tz-Leser in der Herzheilkunde am Puls der Zeit bleiben. Mehr noch: Auf dieser Doppelseite erzählt eine Münchnerin ihre herzergreifende Erfolgsgeschichte – und Münchner Top-Ärzte erklären, wie auch andere Patienten in der Medizin-Metropole an der Isar von den neuesten Entwicklungen profitieren können.

Neue Herzklappe ohne OP

Das Herz ist der Maschinenraum des Menschen, hier sind Reparaturarbeiten von Haus aus heikel. Jetzt aber haben Herzspezialisten ein Hightech-Werkzeug zur Verfügung, um den Bio-Motor auf besonders sanfte Art wieder rund laufen zu lassen. Es heißt TAVI und ermöglicht, kaputte Herzklappen ohne offene OP zu ersetzen. Neueste Studien liefern nun den Beweis, dass das moderne Verfahren nicht nur schonender ist, sondern auch sicherer – insbesondere für schwerkranke Patienten! Das berichtet der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), Professor Dr. Christian Hamm.

TAVI steht für den Fachbegriff Transkatheter-Aortenklappenimplantation. Dabei wird ein dünner Schlauch durch die Leistenarterie bis ins Herz vorgeschoben. Im Inneren können die Ärzte ein Gitterröhrchen (Stent) transportieren. Daran ist eine zusammengefaltete künstliche Klappe aus Schweine- oder Rinder-Herzbeutelgewebe befestigt. Am Einsatzort wird sie entfaltet, ersetzt die defekte natürliche Klappe. Es ist ein Eingriff am schlagenden Herzen.

Die TAVI-Technik wurde erst vor wenigen Jahren entwickelt und gilt als eine kleine Revolution in der Herz-Medizin. „Sie zählt zu den wichtigsten Fortschritten, die wir in den letzten Jahren gemacht haben“, betont DGK-Vorstandsmitglied Professor Dr. Heribert Schunkert vom Deutschen Herzzentrum München gegenüber der tz. „Vor allem ältere herzkranke Menschen in schlechtem Allgemeinzustand profitieren sehr stark davon. Früher konnten wir beispielsweise kaputte Herzklappen nur mit einer offenen Operation reparieren. Dabei muss man allerdings den Brustkorb öffnen und den Patienten an eine Herz-Lungen-Maschine anschließen.“ Dieser belastende Eingriff wäre für viele angeschlagene Patienten zu riskant gewesen. „Jetzt können wir auch den Menschen helfen, die eine große OP womöglich gar nicht überleben würden“, sagt Schunkert. „Für sie bedeutet die neue, schonend eingesetzte Herzklappe in der Regel mehr Lebensqualität– und manchmal rettet sie dem Patienten sogar das Leben.“

Deshalb setzt sich die junge Technik immer mehr durch. Und weil von den weltweit etwa 10 500 TAVI-Eingriffen etwa jeder zehnte in der Herzchirurgie oder Kardiologie am Deutschen Herzzentrum vorgenommen wurde, gilt das Haus als Pionier für das Verfahren. Entsprechend groß ist die Nachfrage nach dieser Behandlungsmethode. Das Herzzentrum hat kürzlich sogar eine weitere Station eröffnet – hauptsächlich, um noch mehr TAVI-Patienten aufnehmen zu können.

Die moderne Methode wird ständig verbessert. So konnten Mediziner des Herzzentrums jetzt erstmals in Süddeutschland eine künstliche Herzklappe der neuesten Generation erfolgreich einsetzen. Ihr entscheidender Vorteil: Sie lässt sich – anders als die bisher verwendeten – auch nach dem Entfalten noch verschieben. Das optimiert die Platzierung. „Dadurch können wir in manchen Fällen eine noch bessere Abdichtung der Herzklappe erreichen“, erklärt Professor Dr. Christian Hengstenberg.

Mini-OP bei Münchnerin: „Grüß Gott, ich bin zurück im Leben!“

Immer diese Müdigkeit, das ständige Ringen nach Luft, die Angst zu ersticken – und jeder Schritt eine Qual: Edeltraud Lechner (71) fühlte sich mehr tot als lebendig, als sie sich zur Untersuchung ins Deutsche Herzzentrum an der Lazarettstraße schleppte. Die Münchnerin leidet an einer sogenannten Herz-insuffizienz – und durch diese Pumpschwäche des Herzmuskels ist auch eine Herzklappe schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Ihr Zustand war dramatisch schlecht. Doch dank einer relativ jungen Behandlungsmethode, dem sogenannten Mitralklappen-Clipping, konnten die Ärzte Edeltraud Lechner helfen. Und mehr noch: „Ich habe meine Lebensfreude zurückgewonnen“, erzählt sie der tz strahlend.

Noch im Februar machten sich die Ärzte große Sorgen um ihre Patientin: „Sie haben mir gesagt: Frau Lechner, bei solchen Beschwerden muss man unbedingt etwas tun“, erinnert sich die 71-Jährige. „Ihr Herz hatte sich durch die Pumpschwäche stark vergrößert – und dadurch auch der sogenannte Annulus erweitert“, erklärt Privatdozentin Dr. Carolin Sonne, Leiterin der Herzinsuffizienz-Ambulanz. „Den Annulus muss man sich wie eine Art Ring vorstellen, an dem die beiden Segel der Mitralklappe verankert sind. Sie konnten nicht mehr richtig schließen. Das Blut pendelte zwischen der Hauptkammer und den Vorhöfen hin und her. So kam es zu einem Rückstau von Flüssigkeit in die Lunge, was wiederum die Herzinsuffizienz und Atemnot noch verstärkt hat.“

Um diesen Teufelskreis zu unterbrechen, haben sich die Herzspezialisten für ein Mitralklappen-Clipping entschieden. Dabei werden die beiden ausgeleierten Segel wieder enger zusammengeführt – vom Prinzip her, als ob man sie mit einer Mini-Wäscheklammer zusammenheften würde. Das alles geschieht durch einen dünnen Katheterschlauch, mit dem der winzige Clip bis zum Einsatzort transportiert wird. „In der Regel reicht ein Clip aus, manchmal braucht man aber auch zwei, um die Klappe wieder ausreichend abzudichten“, ergänzt Professor Dr. Ilka Ott.

Der Eingriff dauert zwischen 45 Minuten und zwei Stunden. Er erfolgt zwar in Vollnarkose, ist aber wesentlich schonender als eine klassische Operation am offenen Herzen. Das ist für schwerkranke Patienten wie Edeltraud Lechner ganz entscheidend. Eine herkömmliche Operation wäre für sie viel zu riskant gewesen.

Auch das Einsetzen einer künstlichen Herzklappe mit der TAVI-Methode (siehe Artikel links) war nicht möglich. „Anders als an der Aortenklappe befindet sich diese Kathetertechnik beim Einsatz an der Mitralklappe noch im Entwicklungsstadium“, erklärt Dr. Sonne. „Der Eingriff ist an dieser Stelle wesentlich komplizierter.“

Allerdings haben die Herzspezialisten mit dem Mitralklappen-Clipping bereits viele gute Erfahrungen gemacht. Bei Edeltraud Lechner verlief alles reibungslos. Eine knappe Woche lang musste sie danach noch imHerzzentrum bleiben. „Aber vom ersten Tag an ging es bergauf. Das habe ich sofort gespürt.“ Und heute, zwei Monate später, sagt die Münchnerin dankbar: „Mein Leben vor und nach dem Eingriff – das ist ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht.“

Inzwischen meistert sie wieder den Alltag, macht ihren Haushalt und genießt gemütliche Spaziergänge an der Isar. Kurz vor Weihnachten wird Edeltraud Lechner 72 Jahre alt. Das schönste Geburtstagsgeschenk hat sie schon längst bekommen: Die Münchnerin aus der Ludwigsvorstadt ist wieder zurück im Leben – in ihrer geliebten Weltstadt mit Herz.

Herzanfälle öfter abends

Münchner Wissenschaftler haben wertvolle Informationen darüber gewonnen, wann lebensgefährliche Herzanfälle besonders oft passieren (siehe Grafiken). Sie konnten die elektronischen Daten von fast 15.000 Mini-Defibrillatoren auswerten, die Patienten vor einem plötzlichen Herztod schützen.

Diese Hightech-Geräte sind so groß wie Streichholzschachteln. Sie werden bei einer kleinen OP unter die Haut gepflanzt – oberhalb des Brustmuskels. Die Defis haben zwei Aufgaben: Zum einen dienen sie als Schrittmacher, um den Herzrhythmus zu kontrollieren. Zum anderen greifen sie im Falle von Kammerflimmern ein, geben dann einen Stromschlag ab, um das Herz wieder in den richtigen Takt zu bringen. Gleichzeitig zeichnet der Defi auf, wann er eingegriffen hat. Diese Daten können per Funk an PCs übertragen werden – und sind jetzt erstmals im Rahmen einer großen Studie ausgewertet worden.

„Die Ergebnisse haben uns überrascht“, sagt Dr. Eimo Martens, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uniklinik Großhadern und Kardiologe bei den Kliniken an der Paar (Aichach/Friedberg). „Die meisten Fälle von Kammerflimmern traten gegen 20 Uhr abends auf, bislang ist man eher von einer Häufung in den Morgenstunden ausgegangen. Zudem sind sie besonders oft in Ruhephasen passiert und nicht unter körperlicher Belastung.“ Warum das so ist, soll jetzt erforscht werden. Die Wissenschaftler vermuten, dass unter anderem der Stoffwechsel von Hormonen und Medikamenten eine Rolle spielen könnte. „Die Häufung der Herzattacken im Frühjahr und Herbst könnte damit zusammenhängen, dass die Patienten während dieser Jahreszeiten öfter einen Infekt im Körper haben und ihr Herz dadurch geschwächter ist“, so Dr. Martens zur tz.

Hightech-Diagnose ohne Herzkatheter

Wenn die Herzkranzgefäße verstopft sind, droht ein Infarkt – und der kann im schlimmsten Fall tödlich enden. Um dieses Risiko sicher auszuschließen, gilt die Herzkatheteruntersuchung als erste Wahl. Nach Erkenntnissen der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) werden jährlich 850 000 solcher Eingriffe vorgenommen. Künftig soll ein neues Diagnoseverfahren manchen Patienten den Katheter ersparen.

Es basiert auf einer Computertomografie (CT) des Herzens. Mit Hilfe einer neuen Analyse-Software sollen die Röntgenaufnahmen entscheidende und verlässliche Informationen über den Zustand der Herzkranzgefäße liefern. Die sogenannte Heartflow-Technologie wird jetzt am Münchner Isarklinikum angeboten – als eines der ersten Krankenhäuser weltweit.

Im klassischen Katheterlabor wird dem Patienten ein dünner Schlauch in die Herzkranzgefäße geschoben – meistens durch die Leisten- oder die Handgelenksarterie. „Über den Katheter wird Kontrastmittel in die Blutgefäße gespritzt, die das Herz umschließen und mit Sauerstoff versorgen. So können Engstellen dargestellt werden“, erklärt Privatdozent Dr. Alexander Leber, einer der Chefkardiologen des Isarklinikums. „Aber es muss nicht jede Engstelle zum Beispiel mit einem Stent behandelt werden, sondern nur solche, die eine Minderduchblutung des Herzmuskels verursachen.“ Deswegen werden fragliche Engstellen bei der Herzkatheteruntersuchung genau vermessen. Dazu verwenden die Ärzte einen Mini-Draht mit Drucksensor, der durch den dünnen Schlauch zum Einsatzort geschoben wird.

Als Alternative gibt es zwar schon seit einigen Jahren die sogenannte Herz-CT. Aber bislang hatte die Untersuchung in der „Röhre“ gegenüber dem Katheterverfahren einen Nachteil: Sie konnte keinen Aufschluss darüber geben, wie stark der Blutfluss an einer Engstelle eingeschränkt ist. Oder anders ausgedrückt: wie gefährlich die verengte Gefäßstelle wirklich ist. Diese entscheidende Informationslücke konnten kalifornische Wissenschaftler jetzt schließen. Ihre Software berechnet den Blutfluss anhand der CT-Bilder. Sie erreicht nach ersten Studiendaten im Vergleich zur Kathetertechnik eine Genauigkeit von um die 80 Prozent. „Dadurch können wir in Zukunft hoffentlich bei einigen Patienten unnötige Herzkatheteruntersuchungen vermeiden und Gefäßstützen, sogenannte Stents, gezielt nur in Engstellen setzen, bei denen es wirklich nötig ist“, erläutert Dr. Leber, im tz-Gespräch.

Die Kardiologen des Isarklinikums haben bereits die ersten Patienten mit Verdacht auf Koronare Herzkrankheit (KHK) mit der neuen Methode untersucht. Von den Ergebnissen sind sie begeistert. Allerdings merkt Dr. Leber auch an: „Um den Wert dieses Diag­noseverfahrens genau ermessen zu können, sind noch weitere Studienergebnisse auszuwerten.“ Diese werden erst in einigen Jahren vorliegen. Und: So erfolgversprechend die neue Technik ist – in der Praxis hat sie derzeit noch einen Nachteil: Sie ist vergleichsweise teuer. Eine Untersuchung kostet 800 Euro, die der Patient aus eigener Tasche bezahlen muss. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten bislang nicht.

CT: Die neue Auswertung

Aus den Röntgenbildern der Computertomografie entsteht ein farbiges Modell. Die Farben dokumentieren den Druckabfall innerhalb der Herzkranzgefäße. Tiefblau zeigt den normalen Blutdruck an. Je heller die Einfärbung wird, desto niedriger ist der Druck. Hellgrün bedeutet also, dass in diesem Bereich der schlechteste Wert gemessen wird. Ein Druckgradient von 0.81 zeigt beispielsweise, dass an der Engstelle nur 80 Prozent des normalen Blutdrucks erreicht wird. „Ein Stent macht erst ab einem Druckabfall unter 80 Prozent Sinn“, erklärt Dr. Leber.

Weniger Infarkt-Tote, mehr Herzschwäche-Fehler

Diese Nachricht ist ermutigend: In Deutschland enden immer weniger Herzinfarkte tödlich. Das geht aus einer statistischen Zehn-Jahres-Analyse hervor. So ist zwischen 2000 und 2010 die Zahl der Sterbefälle nach akuten Infarkten bei Männern um 15,8 Prozent zurückgegangen, bei Frauen sogar um 18,4 Prozent.

Auch im interationalen Vergleich stehen wir gut da: In deutschen Kliniken versterben vier Prozent der Patienten nach einem Infarkt. Das sind beispielsweise deutlich weniger Opfer als in Großbritannien, das eine statistische Sterberate von 8,8 Prozent aufweist.

Gleichzeitig nehmen aber die Fälle von Herzinsuffizienz (HI) – so der Fachbegriff für Herzmuskelschwäche – dramatisch zu. Inzwischen leiden daran etwa drei Millionen Bundesbürger, etwa 50 000 Patienten sterben jedes Jahr an einer HI.

Professor Dr. Heribert Schunkert vom Deutschen Herzzentrum München erklärt die drei Hauptgründe für diese Entwicklung:

Immer mehr Menschen überleben einen Infarkt, haben allerdings hinterher ein geschwächtes Herz.

Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck und Übergewicht breiten sich stetig weiter aus.

Unsere Gesellschaft wird älter – und die Herzinsuffizienz zählt zu den typischen Alterserkrankungen.

Andreas Beez

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