Dauernd unter Druck

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Blutdruck: Optimale Werte liegen bei 120/80 mmHg. Ab 140/90 mmHg spricht man von einer beginnenden Hypertonie.

Etwa 25 bis 30 Millionen Menschen haben in Deutschland einen hohen Blutdruck (Hypertonie), allerdings werden nur schätzungsweise dreißig Prozent von ihnen optimal behandelt.

Das Vorkommen von Bluthochdruck steigt mit dem Alter. Bei mehr als neunzig Prozent der Betroffenen handelt es sich um eine so genannte primäre Hypertonie, das heißt es ist keine Grundursache zu eruieren. Die Entstehung dieses Bluthochdrucks ist noch nicht vollständig aufgeklärt. Veranlagung spielt eine Rolle, hinzu kommen verstärkende Faktoren wie Bewegungsmangel, salz- und fettreiche Ernährung, Stress, Nikotin, Übergewicht und beispielsweise auch das Schlafapnoe-Syndrom.

„Die langjährige Symptomlosigkeit macht die Hypertonie gefährlich: Schlaganfall, Herzinfarkt, Herzschwäche beziehungsweise Gefäßschäden aller Art können die Folgen sein“, warnt Professor Dr. med. Jörg Plum, Chefarzt der Nephrologischen Klinik im Klinikum Kassel. Eine arterielle Hypertonie schädigt auf Dauer vor allem auch die Nierenfunktion. Bei der Mehrzahl aller Nierenkranken liege eine arterielle Hypertonie vor, berichtet Plum. Um einen chronischen Nierenfunktionsverlust zu verlangsamen und eine drohende Dialyse hinauszuschieben oder gar zu verhindern, gehört daher die medikamentöse Blutdrucksenkung zur Therapie.

Konventionelle Therapie

Rauchen, erhöhter Alkoholkonsum, salzreiche Ernährung, Übergewicht und wenig Bewegung sind die größten Risikofaktoren. Sie abzustellen kommt in der Therapie eine große Bedeutung zu.

Die medikamentöse Behandlung erfolgt zunächst meist mit einem Wirkstoff, der auf die Besonderheiten des Patienten und auch auf bestehende Begleiterkranken angepasst sein sollte. Bei nicht ausreichender Wirkung wird ein weiteres Präparat hinzugenommen. „Wenn ein Bluthochdruck auch mit zwei verschiedenen Medikamenten nicht ausreichend eingestellt werden kann, sollte eine weitergehende Diagnostik bei einem Spezialisten erfolgen“, sagt Prof. Plum. Es könne in solchen Fällen zum Beispiel eine sekundäre Hypertonie vorliegen, die am häufigsten durch begleitende Erkrankungen der Nieren ausgelöst wird.

Hormonsystem als Regulator

Der Blutdruck wird wesentlich über das sogenannte RAA-System (RAAS) gesteuert. Bei Aktivierung dieses Hormonsystems erhöht sich der Blutdruck und so liegt bei vielen Hypertonie-Formen eine anhaltende Überaktivität dieses Systems zugrunde. Die Forschung hat gezeigt, dass nicht nur der Blutdruck von diesem System beinflusst wird, sondern auch andere Gewebeveränderungen ausgelöst werden, die etwa mit unerwünschtem vermehrtem Zellwachstum oder Entzündungsprozessen einhergehen.

Die modernen Blutdrucksenker greifen an verschiedenen Stellen in diese Kaskade ein, die sowohl positiv den Blutdruck beeinflussen als auch gewebeschützend wirken. Dazu gehören die so genannten ACE-Hemmer und Angiotensin II-Rezeptor-Blocker.

„Medikamente, die neben einer Blutdrucksenkung auch positiv auf hochdruckausgelöste Organschäden wirken, spielen daher in der Behandlung eine immer wichtigere Rolle“, berichtet Prof. Plum. Eine neue Substanz stellt Aliskiren dar. Das ist ein direkter Renin-Hemmer, der seit Ende 2007 auf dem deutschen Markt verfügbar ist. „Als einziges Präparat hemmt Aliskiren gleich den ersten Schritt in der RAAS-Kaskade und verhindert so die mögliche körpereigene Gegenregulation, was die Effektivität des Medikaments erhöht“, beschreibt Plum.

Neue Entwicklungen

Genetische Marker: „Das Ansprechen der Patienten auf die verschiedenen Blutdruckmedikamente ist erfahrungsgemäß recht unterschiedlich“, sagt Prof. Plum. Die Erforschung der zugrundeliegenden genetischen Unterschiede könnte es in Zukunft einfacher machen Prognosen für eine Nieren- oder Gefässchädigung zu treffen und eine individualisierte Therapie zu entwickeln.

Impfung gegen Bluthochdruck: Patienten mit essentieller Hypertonie müssen lebenslang blutdrucksenkende Tabletten einnehmen. Die Erkrankung ist also nicht im eigentlichen Sinne heilbar. Ein Therapieansatz, der die tägliche Medikamenteneinnahme ersparen könnte, ist eine „Immunisierung“ gegen Angiotensin-II. Erste klinische Studien untersuchten dies bereits. Die zugrundeliegende Idee funktioniert analog einer Impfung: Im Impfstoff werden dem Patienten Angiotensin II-Bestandteile verabreicht. Das Immunsystem reagiert darauf mit einer Antikörperbildung gegen das körpereigene Angiotensin II, sodass es nicht mehr blutdruckwirksam ist.

Den Bluthochdruck „veröden“: Die chronische RAAS- und Sympathikus-Aktivierung spielen bei der Genese und Aufrechterhaltung einer Hypertonie eine Schlüsselrolle. Die beteiligten Nerven verlaufen in der Bindegewebsschicht der Nierenarterien. Diese Nerven können mittels eines Katheters, der unter Durchleuchtung in die Nierengefäße geschoben wird, „ausgeschaltet“ werden, woraufhin als Konsequenz der Blutdruck absinkt. „Weltweit wurden bisher über hundert therapieresistente Hochdruck-Patienten auf diese Weise behandelt. Über Risiken und Erfolge werden erst längerfristige Beobachtungen Aufschluss geben“, berichtet Prof. Plum. (nh)

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