Depression - Was ist das?

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Depression: Wenn der Stoffwechsel im Gehirn aus den Fugen gerät (Symbolbild)

Endloses Grübeln oder Schlafstörungen - wenn der Stoffwechsel im Gehirn entgleist, sind das Symptome einer Depression. Eine unterschätzte Krankheit, laut Dr. Nico Niedermeier, Facharzt für Psychotherapie.

Jeder ist mal traurig oder fühlt sich deprimiert – Jugendliche erklären cool: „Mann, die letzten Tage bin ich voll depri abgehangen.“ Der lässige Umgang im Alltag verschleiert eine schlimme Krankheit und führt dazu, dass Depressionen oft nicht ernst genommen werden. Dabei steht die Krankheit nach Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation an dritter Stelle der Krankheiten, die schwere und schwerste Einschränkungen des täglichen Lebens verursachen.

Dr. Nico Niedermeier Facharzt für Psychotherapie

Depression ist tödlich und für die große Mehrheit aller Selbstmorde (in Deutschland über 9.000 pro Jahr) verantwortlich. In Deutschland sind derzeit über vier Millionen Menschen erkrankt, Frauen trifft es dabei etwa doppelt so oft wie Männer. Zum ersten Mal tritt die ­Erkrankung meist zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr auf, aber auch Kinder und alte Menschen können depressiv werden. Das Gehirn, seine ganz bestimmte Art zu denken und zu fühlen sowie die Fähigkeit, sich mit anderen auszutauschen, macht Menschen zu etwas Besonderem. Bei einer Depression geraten Botenstoffe im Gehirn aus dem Gleichgewicht. Nervenzellen schütten diese Botenstoffe aus, um untereinander zu kommunizieren und Reize zu übertragen.

Entgleist der ausgeklügelte Stoffwechsel der Botenstoffe, kommt es zu einer tiefgreifenden Veränderung des Fühlens, Denkens und Handelns. Der Kranke ist antriebslos, er wird von großen Ängsten und Hoffnungslosigkeit geplagt.

 Angehörige und Freunde raten: „Reiß dich zusammen. Sieh einfach das Gute.“ Dabei kann der Kranke das Gute nicht sehen, weil seinem Gehirn die Botenstoffe dafür fehlen! Über die Krankheit sprach Redakteurin Susanne Stockmann mit Dr. med. Nico Niedermeier, Facharzt für psychotherapeutische Medizin in München.

Was passiert bei einer Depression im Körper?

Nico Niedermeier: Man geht davon aus, dass der Stoffwechsel insbesondere der Serotonin-Stoffwechsel bei Depressionen aus den Fugen gerät. Es gibt auch Befunde, dass andere Stoffwechselprozesse wie z.B. der Cortisol-Stoffwechsel im Körper verändert sind. Depressionen scheinen also „Stoffwechselerkrankungen zu sein, die eigenständig auftreten, aber auch bei körperlichen Erkrankungen wie bei Rheuma und Herzerkrankungen als Folgeerkrankungen entstehen können.

Was sind die Auslöser?

Niedermeier: Es gibt Befunde, dass die Bereitschaft an so einem Stoffwechseldefizit zu erkranken, genetisch angelegt ist. Sind beide Elternteile betroffen, ist das Risiko für Kinder zu erkranken deutlich höher. Sehr häufig, nicht immer, führen kritische Lebensereignisse zum Ausbruch der Erkrankung. Stress ist ein großer Auslöser. Besonders stark stressen uns Partnerschaftskonflikte. Wir erleben auch, dass Menschen bei einer Beförderung depressiv werden, weil plötzlich erhöhte Anforderungen auf sie zukommen und sie das Gefühl haben, dem nicht gerecht werden zu können. Eine Untergruppe von Betroffenen wird oft übersehen: Das sind Menschen, die etwas Traumatisches erlebt haben, die eine schwere Kindheit hatten, die missbraucht oder vergewaltigt wurden.

Was sind die Symptome einer Depression?

Niedermeier: Männer sind eher gereizt, mürrisch, erleben sich in der Leistung eingeschränkt und denken, es müsse sich um was Körperliches handeln, weil sie nicht mehr gut funktionieren. Frauen merken häufiger die Veränderung der Stimmung und die Veränderung des Antriebs. Oft kommt es bei beiden Geschlechtern zu Schlafstörungen, Aspekte wie die Veränderung der Konzentration und des Appetits treten zusätzlich auf. Auch Ängste begleiten Depressionen in der Regel sehr stark. Um dem Patienten wirklich gerecht zu werden, muss man sich für die Diagnose viel Zeit nehmen.

Klassischerweise gehören Psychopharmaka und eine Psychotherapie zur Behandlung. Sollen Tabletten den Stoffwechsel ins Lot bringen und die Psychotherapie eventuelle Traumata aufarbeiten?

Niedermeier: Die Untersuchungen der letzten 20 Jahre haben uns gezeigt, dass es eine neuronale Plastizität gibt, das heißt, dass sich das Gehirn durch die Lebenserfahrungen permanent verändert. Es gibt tolle Untersuchungen, dass man sogar nur mit reden den Stoffwechsel im Gehirn verändern kann. Von daher versuchen wir in der Therapie, die Trennung Pharmaka für Biologie und Therapie für Lebensgeschichte aufzuheben. Man lernt in der Psychotherapie z.B., wie wichtig es ist, Medikamente einzunehmen; oder dass man sich mehr bewegen muss. Wir alle wissen, dass Bewegung bei leichteren und mittelschweren Depressionen fast so gut helfen kann wie ein Antidepressivum. Weil über die Bewegung das Stresshormon Adrenalin vernichtet und der Serotonin-Stoffwechsel angeregt wird.

Kann man das Gehirn gesund erhalten?

Niedermeier: Das ist zu großzügig formuliert. Manche Depressionen treten wirklich aus dem Nichts heraus auf. Ohne erkennbare Ursache gerät der Stoffwechsel aus den Fugen. Umgekehrt ist es so, dass wir das Risiko zu erkranken deutlich minimieren können, indem wir uns bewegen, indem wir für eine ausgeglichene Stress-Entspannungs-Balance in unserem Leben sorgen, indem wir versuchen, Konflikte aufzuarbeiten.

Was ist das Ziel der Behandlung, die Heilung?

Niedermeier: Viele Patienten haben nur ein oder zwei depressive Phasen im Leben, die etwa drei bis sechs Monate andauern, andere müssen sich vier- oder fünfmal behandeln lassen – aber dann haben sie es überstanden. Doch 20 bis 25 Prozent der Patienten können wir nicht gut helfen. Das große Ziel ist es dann, ihnen Erleichterung zu verschaffen und dem Kranken sehr viel Wissen zu vermitteln, sodass er selber ein Experte wird für die Erkrankung, und ihm zu zeigen, was er mit Selbsthilfe für sich tun kann.

Sie moderieren ein Online-Forum für Betroffene. Was haben Sie dabei gelernt?

Niedermeier: Ich habe gelernt, dass sich Betroffene vom Arzt oft andere Dinge wünschen, als man das oft wahrnimmt. In der klinischen Ausbildung lernen Ärzte bestimmte Dosierungen, also wie man Medikamente gibt. Nach ihrer Klinikzeit wechseln sie in die ambulante Praxis und geben diese Dosen weiter. Aber sie verstehen überhaupt nicht, dass eine Mutter, die nicht in der Klinik ist, sondern in der Früh ihre Kinder versorgen muss, unter solchen Dosen handlungsunfähig wird. Oder dass ein Patient, der ein hochdosiertes Antidepressivum bekommt und dadurch stark an Gewicht zunimmt, die Gewichtszunahme oder den Verlust der Sexualität viel schlimmer empfindet als die eigentliche Depression. Behandler und Betroffene müssten viel mehr Zeit miteinander haben, viel besser kommunizieren und sich gegenseitig als Partner akzeptieren.

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BURNOUT

Einige Psychotherapeuten behaupten, die Modediagnose Burnout gebe es nicht, dahinter verbergen sich Depressionen. Auch Dr. Nico Niedermeier diagnostiziert Burnout lediglich, wenn das zentrale Problem des Patienten wirklich an seinem Arbeitsplatz zu suchen ist. Burnout sei deshalb so modern, weil es eine Art „Ritterschlag der Leistungsgesellschaft ist. Damit kann man demonstrieren, dass man hart gekämpft hat, dass man voll dabei war. Dazu kann man als erfolgreicher Mensch leichter stehen als zu der Aussage: Ich bin wirklich schwer depressiv. Denn das ist oft assoziiert damit, dass man zu weich, zu schwach ist, etwas nicht geregelt bekommt. Wogegen jemand mit Burnout die Dinge eher zu gut geregelt hat.“

WINTERDEPRESSION

Es ist bekannt, dass der Wechsel der Jahreszeiten im Frühjahr und im Herbst viele Krankheiten auslöst. Das lässt sich laut Nico Niedermeier sogar entwicklungsgeschichtlich erklären: Mit dem Fellwechsel unserer Vorfahren wechselte auch der Stoffwechsel. Krankheiten wie Schuppenflechte und Neurodermitis haben meist Schübe im Herbst oder im Frühjahr. Viele Menschen leiden an einer Stoffwechsel- oder lebensgeschichtlich-bedingten Depression, die sich im Winter verschlimmert. Aber es gibt auch Menschen, die nur unter der saisonal bedingten Winterdepression leiden, und diese sprechen fast immer auf Lichttherapie sehr gut an.

Experte: Dr. Nico Niedermeier, Praxis für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Nussbaumstraße 10, Telefon: 089/54 50 84 30, www. psycho-muenchen.de Internet: www.deutsche- depressionshilfe.de

tz/Susanne Stockmann

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