Die Pflegeroboter

Die Lesebrille, die Zeitung und eine Tasse Kaffee mit Zucker“, ruft die 83-jährige Seniorin. Alleine kann sie sich nur mühsam durch die Wohnung schleppen.

Auf ihren Befehl hin quietscht es in der Ecke des Zimmers. Roboter „Rhoni“ wankt in die Küche. Zehn Minuten später geben seine Metallfinger Lesebrille, Kaffee und Zeitung frei. Das ist die Zukunft, wie sie sich Hans-Jürgen Buxbaum gerne vorstellt. Nicht in zehn, aber vielleicht doch in zwanzig Jahren. Der Ingenieur an der Hochschule Niederrhein in Krefeld programmiert den Prototyp des Pflegeroboters Rhoni. Eines Tages soll Rhoni älteren Menschen dienen, damit sie länger im Wohnumfeld verbleiben können. „Und auch, um eine bevorstehende Krise in der Pflege zu bewältigen“, erklärt Buxbaum.

Roboter in der Pflege – das Thema wird derzeit wieder heiß diskutiert. Zum einen hat das mit dem steigenden Mangel an Pflegepersonal zu tun (sowie mit der steigenden Zahl an Pflegebedürftigen) – zum anderen aber auch mit dem rasanten Fortschritt: Denn Rhoni ist kein Einzelfall – erst vor wenigen Tagen hat das weltweit renommierte Fraunhofer Institut den brandneuen „Care-O-bot 3“ vorgestellt. Der Hilfs-Roboter kann Getränke holen oder auch den Mülleimer leeren. Völlig selbstständig. „Er kann perfekt bedienen“, erzählt Wissenschaftler Christopher Parlitz, der mit seinen Kollegen den hilfreichen Assistenten mitentwickelt hat. Rund 250 000 Euro kostet der Prototyp. Fernziel ist der Einsatz im Pflegebereich. Doch der Weg bis dahin ist noch lang. Zwar läuft seit Anfang November ein Modellprojekt in einem Altenheim. Aber dort will man erst einmal ausprobieren, für welche Aufgaben die Maschine überhaupt einsetzbar ist. Parlitz stellt klar: „Es nicht das Ziel, die Menschen zu pflegen.“ Vorstellbar wäre beispielsweise die Ausgabe von Essen oder der Transport von Akten. Damit könnte das Personal von Routineaufgaben entlastet werden und sich intensiver um die Patienten kümmern. Der Diplom-Mathematiker meint, dass sich die Menschen erst an die rund 150 Kilogramm schwere Maschine gewöhnen müssten. Dabei strahlt diese sogar etwas Menschliches aus, wenn sie kurz nickt und damit signalisiert, dass sie verstanden hat, was ihre Aufgabe ist.

Keine Frage: Schon jetzt ist der Roboter ein kleines technisches Wunder. Gesteuert wird der Assistent der Zukunft rein mit der Stimme des Menschen. Der Prototyp ist bewusst durch ein kühles und sachliches Design gekennzeichnet. „Je menschlicher der Roboter aussieht, desto mehr Erwartungen werden geweckt“, erklärt Parlitz. Ein Gesicht besitzt die mobile und sehr gelenkige Maschine nicht.

Zur Erkennung der Gegenstände, die er überreichen soll, benutzt er eine Spezialkamera. Sie ist gekoppelt mit einer Farbkamera, die ein farbiges dreidimensionales Bild der Umgebung liefert. Der Roboter kann in jede beliebige Richtung fahren und auch enge Stellen souverän passieren. Wird er in seiner Trainingswohnung von einer Person, die er kennt, angesprochen, verbeugt er sich. An der Vorderseite ist ein Tablett angebracht, die Schnittstelle zwischen dem Roboter und seinem Benutzer. Durch die Verwendung des Tabletts für die Übergabe beispielsweise einer Flasche ist sichergestellt, dass es „zu einer sicheren Interaktion zwischen Mensch und Roboter“ kommt, wie Parlitz das nennt. An der Rückseite von „Care-O-bot 3“ ist ein 120 Zentimeter langer Greifarm montiert. Insgesamt 28 Motoren und zahlreiche Gelenke sorgen dafür, dass die Maschine mobil und flexibel einsetzbar ist. Doch bevor sie möglicherweise einmal richtig im Pflegebereich Dienst tut, müssen die Fraunhofer-Wissenschaftler noch zahlreiche weitere Erfahrungen sammeln. „Ein bisschen dauert es noch.“

Roboter in der Pflege – in Ländern wie Japan ist das schon lange an der Tagesordnung. Dort werden beispielsweise in vielen Heimen elektronische Haustiere – von der Robbe bis zum Hund – eingesetzt, um den Bewohnern Gefühle wie Zuneigung und Wärme zu vermitteln. Auch Bewegungs- und Fitnesskurse für die Senioren werden meist durch Robot-Lehrer ausgeführt. Echte Menschen stellen sich dazu nur noch selten vor die Alten. So mancher Experte beobachtet diese Entwicklungen mit Skepsis. „Besser ist es doch immer, wenn sich Menschen um Menschen kümmern“, sagt unter anderem der Münchner Pflegekritiker Claus Fussek. Also gar keine Roboter? „Nein, für kleinere Hilfsdienste sind diese technischen Geräte sicher zu gebrauchen.“ Viele Experten sind sich einig: „Wenn man sich die Altersentwicklung ansieht, werden wir kaum auf sie verzichten können. Leider!“

Der Mangel an Pflegekräften wird immer dramatischer

Weltwirtschaftskrise? In der Pflegebranche ist davon nichts zu spüren – sie boomt wie noch nie zuvor. Wie eine brandneue Berechnung des Instituts der Deutschen Wirtschaft zeigt, steigt die Zahl der Arbeitsplätze im Pflegebereich rasant an. Im vergangenen Jahr gab es dort gut eine halbe Million Stellen. Seit Ende der 90er Jahre hat sich die Zahl der Beschäftigten damit bereits um fast 30 Prozent erhöht. Tendenz weiter steigend! Bis 2050 wird eine Verdreifachung der Vollzeitbeschäftigtenzahl im Pflegebereich (auf 1,6 Millionen) vorausgesagt. Schon jetzt sind gute Pflegekräfte so begehrt, dass manche Träger eine Kopfgeldprämie ausrufen, um an Personal zu kommen.

Dieser Trend liegt natürlich an der Altersentwicklung. Die häufig auf pflegerische Hilfe angewiesene Gruppe der über 80-Jährigen wird 2050 fast dreimal so groß sein wie 2005. Außerdem fehlen nach Angaben des Instituts künftig oft die Angehörigen, die die Pflege übernehmen könnten - schon weil es immer mehr Singlehaushalte gibt. Hinzu kommt, dass immer mehr Pflegefälle in Heimen betreut werden. Oft gibt es aber schon jetzt (vor allem in Großstädten) zu wenig qualifiziertes Personal für die Versorgung.

Quelle: tz

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