EMS-Training: Sixpack aus der Steckdose

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Voll verkabelt, unter Reizstrom, trainieren am im Fitnesstudio Bodystreet die Mitglieder Anita und Niklas in München

München - Kabelweste anziehen, Knöpfchen drücken, Muskeln kriegen: EMS-Training verspricht einen Traumkörper in Rekordzeit. Die Wissenschaft ist uneins: Fitnessform der Zukunft oder Mogelpackung?

Voll verkabelt steht Daniela Bungert in dem kleinen Münchner Fitnessstudio. “Ich fühle mich wie ein nasser Astronaut“, sagt sie und lacht. Für ihr erstes Fitnesstraining unter Reizstrom trägt die schlanke 31-Jährige eine wuchtige Elektrodenweste, um Arme und Beine sind Gurte geschnallt.

Der Sport-Trend mit dem sperrigen Namen Elektro-Muskel-Stimulation (kurz EMS) klingt nach einem Frankenstein-Experiment: Strom-Impulse sollen die Muskulatur während regulärer Fitness-Übungen zu Höchstleistungen stimulieren und das Training so effizienter machen. Damit der Strom optimal geleitet wird, trägt Bungert unter der Ausrüstung feuchte Sportklamotten. Die futuristische Montur ist mit Kabeln an einem hüfthohen Kommandoturm angeschlossen. Von dort aus wird ein Trainer die Muskeln der Frau in Kürze unter Strom setzen.

Das große Plus der Methode: EMS spart Zeit. Nur zehn bis 20 Minuten Trainingszeit pro Woche sollen laut Anbietern genügen, damit überflüssige Kilos schmelzen und Muskeln wachsen. Dieser Vorteil, den kaum eine Sportart “unplugged“ zu bieten hat, scheint tatsächlich viele Bewegungsmuffel und Sportler in Zeitnot anzusprechen.

Mittlerweile findet man kleine Studios von EMS-Ketten wie “Bodystreet“ oder “Miha Bodytec“ in nahezu jeder größeren Stadt. Über 10 000 Kunden trainieren allein bei “Bodystreet“ für den Traumkörper aus der Steckdose - Tendenz steigend. 2011 eröffnete das Unternehmen nach Angaben von Geschäftsführer Matthias Lehner 36 neue Studios, 75 weitere sind geplant.

Der Freiburger Sportwissenschaftler Albert Gollhofer beschäftigt sich seit Jahren mit den Effekten verschiedener Trainingsreize auf das menschliche Nervensystem. Trotz des momentanen Booms im Breitensport ist EMS ihm zufolge nichts Neues: In der Medizin setze man seit Jahrzehnten auf die Methode - als Therapiemöglichkeit bei muskulären Beschwerden.

Wer möglichst schnell Muskeln auf- und Speckröllchen abbauen will, ist laut Gollhofer beim Workout unter Strom gut aufgehoben: “Um den Körper zu formen ist es gut geeignet“, sagt er. Allerdings hält er die Muskeln aus der Steckdose für Mogelpackungen: “Wer mit EMS trainiert, wird vielleicht schlanker oder muskulöser, aber nicht leistungsfähiger und fitter.“

Weil die Muskeln durch einen Reiz aus dem Stromkabel und nicht aus dem Gehirn kontrahiert werden, werde die Motorik nicht mittrainiert. “Treppensteigen oder Getränkekisten-Tragen wird deshalb trotz Elektro-Training nicht leichter.“

Daniela Bungerts EMS-Premiere startet mit einem Schock: Als der Trainer den Strom leicht aufdreht, steht der 31-Jährigen für einen kurzen Moment jäher Schrecken ins Gesicht geschrieben. “Das fühlt sich an, als würde man an einen Elektrozaun fassen - und zwar mit dem ganzen Körper“, schildert sie. Nach einer kurzen Gewöhnungsphase stellt der Trainer die Intensität auf ihr Fitness-Level ein. In regelmäßigen Intervallen schießen für einige Sekunden zwischen 80 und 85 Hertz durch die Muskeln. Währenddessen soll Daniela Bungert Kniebeugen, Ausfallschritte oder Armbeugen halten. “Das fühlt sich wie ein Ganzkörper-Krampf an“, sagt sie mit zerknirschtem Lächeln.

“Gerade die erste Einheit kann unangenehm sein“, sagt Heinz Kleinöder, Sportwissenschaftler der Deutschen Sporthochschule in Köln. Er ist selbst EMS-Trainer und weiß, dass das Gefühl fremdbestimmter Muskeln nicht jedem behagt. “Aber dafür, wie ungewohnt das Gefühl ist, kommen erstaunlich viele gut damit zurecht“, sagt er. Gefährlich sei der Strom im Körper jedenfalls nicht: “Das ist laut zahlreichen Studien unbedenklich, zumal in den Studios nur unter Anleitung trainiert wird.“

Daniela Bungert aber will nach ihren ersten 20 Minuten EMS-Training die Elektrodenweste wieder an den Nagel hängen: “Mir fehlt dabei der Genuss am Sport“, urteilt sie. Das Gefühl nach ausgiebigen Joggingrunden oder Radtouren könne für sie das Blitzprogramm aus der Steckdose nicht ersetzen.

dpa

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