Gefährlicher Haushalt

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Stürze sind die häufigste Unfallursache im Haushalt

Unfälle sind viel gefährlicher, als man denkt: Ihre Bedeutung für die Sterblichkeit und Krankheitslast der Bevölkerung wird generell unterschätzt. Im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen vor allem die Verkehrsunfälle.

Unfälle verursachen Kosten für das Gesundheitswesen in Höhe von jährlich mehr als 10 Milliarden Euro, das schätzt das Statistische Bundesamt.

Haus- und Freizeitunfälle dagegen rufen nur geringe Aufmerksamkeit hervor, obwohl sie mehr als die Hälfte aller Unfallverletzungen verursachen. Es sterben sogar deutlich mehr Menschen bei Unfällen im Haus als im Straßenverkehr. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes starben 2010 7.533 Menschen durch Unfälle im Haushalt, im Straßenverkehr gab es 3648 Tote. Damit ist im Vergleich zu 2009 die Zahl der Unfälle im Haus deutlich gestiegen, während die der Verkehrstoten sank (siehe Tabelle). Man schätzt, dass in Deutschland jährlich circa 8,9 Millionen Menschen (das heißt rund zehn Prozent der Bevölkerung!) bei einem Unfall verletzt werden, davon etwa 2,73 Millionen im Haushalt und 2,63 Millionen im Freizeitbereich.

Im Haushalt passieren die allermeisten Unfälle 

Wenn im Frühling wieder die Sonne durchs Fenster strahlt, werden sie sichtbar: die Schlieren und Streifen auf dem Glas, die grauen Stellen im Teppich und die Staubflusen auf der Gardinenstange. Und während sich die Natur ein frisches grünes Kleid anzieht, heißt es in den trauten vier Wänden: auf zum Frühjahrsputz. Gesünder wäre es allerdings, man würde für den Tapetenwechsel einfach mal verreisen: Denn im Haushalt passieren die allermeisten Unfälle! Stürze sind die häufigste Unfallursache. Bei den Männern sind 52 Prozent und bei den Frauen 63 Prozent der Verletzungen auf sie zurückzuführen. Bei den Todesfällen sind die entsprechenden Anteile

Nach dem Sturz im Krankenhaus

12% Kopfverletzungen

9% Schulter/Oberarm

8% Ellenbogen/Unterarm

6% Brustkorb

10% Bauch/Becken

21% Hüfte/Oberschenkel

9% Knie/Unterschenkel

sogar noch höher. Gerade beim Putzen sind viele besonders leichtsinnig. So benutzt ein Viertel (25 Prozent) statt einer sicheren Leiter andere Gegenstände wie Tische oder Hocker, um Gardinen auf- oder abzuhängen. Das ergab eine aktuelle repräsentative Umfrage der Aachener Münchner Versicherung . Demnach balancieren auch 17 Prozent schon mal auf dem Badewannenrand oder dem Toilettendeckel, um Kacheln glänzend zu polieren. 14 Prozent steigen zum Fensterputzen notfalls auf die Fensterbank. Allerdings gibt es anders als für Verkehrs-, Arbeits- und Schulwegunfälle für Unfälle im Freizeitbereich und Haushalt keine Statistiken. Die hier genannten Zahlen beziehen sich auf eine repräsentative Gesundheitsbefragung des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2009. Männer haben häufiger einen Unfall als Frauen, das zeigt sich in fast allen Altersgruppen. Je jünger die Männer sind, desto unfallgefährdeter sind sie. Mit steigendem Lebensalter sinkt die Unfallhäufigkeit bei Männern stärker als bei Frauen. Ab dem 70. Lebensjahr erleiden dann Frauen häufiger einen Unfall. Ein weiterer Geschlechterunterschied: Männer erleiden häufiger einen Unfall im Freizeitbereich, also bei Sport und Hobby, Frauen erwischt es dagegen mit 60 Prozent öfter im Haus. Die Verletzungen werden mit dem Alter immer schwerer.

Unfälle 2009

Tödliche Unfälle Unfallverletzte
Hausbereich 7030 2,73 Mio.
Freizeit 6754 2,63 Mio.
Verkehr 4377 0,40 Mio.
Arbeit 506 1,03 Mio.
Schule 14 1,31 Mio.
Sonstige 497 keine Angabe

Seit Ende der 90er-Jahren nehmen die tödlichen Unfälle im Haus zu. Im Vordergrund stehen Sturz­unfälle älterer Menschen. Man weiß, dass in jedem Jahr etwa 30 von 100 Menschen über 65 Jahren einmal im Jahr schwer stürzen. Circa einer von zehn bricht sich dabei einen Knochen. Aus der Krankenhausstatistik kann man sehen, welche Verletzungen nach Unfällen am häufigsten behandelt werden müssen (siehe Grafik im Foto links). Frakturen sind bei Männern und Frauen aller Altersgruppen die mit großem Abstand häufigste Todesursache. Die „Aktion das Sichere Haus“ versucht auf diese tödliche Gefahr aufmerksam zu machen. Ältere erleiden oft Unfälle, weil sie sich noch das Gleiche zutrauen wie vor 20, 30 Jahren. Doch viele haben inzwischen einen niedrigen Blutdruck. Der kann Schwindel verursachen, und schon fällt jemand von der Leiter – nicht selten mit gravierenderen Folgen als in jungen Jahren. Mit dem Alter nimmt der Kalkgehalt in den Knochen ab – ein Sturz kann schnell zu einem Oberschenkelhalsbruch führen. Wenn allein lebende Menschen stürzen, sind sie oft stundenlang hilflos in der Wohnung, weil sie keine Hilfe holen können.

Auch der Unfallchirurg Professor Tilmann Mischkowsky, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie, bestätigt: „Die Frakturen bei älteren Menschen haben dramatisch zugenommen.“ Während Brüche bei Kindern meist schnell und ohne Operation verheilen, weil das Gewebe noch besonders elastisch sind, dauert bei älteren Menschen der Heilungsprozess länger. Doch gerade bei älteren Menschen gilt es, eine lange Bettruhe zu vermeiden. „Je schneller hochtbetagte Patienten wieder auf die Beine kommen, desto geringer ist das Risiko für lebensgefährliche Folgekrankheiten wie Lungenentzündung, Wundliegen, Thrombosen und Embolien“, erklärt Mischkowsky.

sus

Tipps zur Unfallvermeidung

Viele Unfälle gelten als prinzipiell vermeidbar. Vier von fünf Unfällen sind auf Leichtsinnigkeit und menschliches Versagen zurückzuführen. Meist werden die Gefahren nicht erkannt oder unterschützt, die eigenen Fähigkeiten dagegen überschätzt.

Sicherheitsvorschriften werden ignoriert, Müdigkeit, Erschöpfung und Zeitnot sind weitere Ursachen für Unfälle im Haus. Die „Aktion das Sichere Haus“ hat Tipps zusammengestellt, wie Unfälle verhütet werden können. Generell sollte ein Frühjahrsputz als Manageraufgabe betrachtet werden. Man sollte einen Plan aufstellen, was man machen will, und eine realistische Zeitspanne dafür einplanen. Denn oftmals wird die Dauer der Arbeit unterschätzt, und man möchte zu viel in zu kurzer Zeit erledigen.

Die Zimmer sollten von der hintersten Ecke nach vorn gewienert werden, um zu verhindern, dass bereits geputzte Bereiche nochmals durchquert werden müssen. Regale sollten von oben nach unten abgestaubt und entrümpelt werden.

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