Tumorzellen vernichten

Impfen gegen Krebs – die große Hoffnung

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Impfen gegen Krebs – die große Hoffnung

Krebs ist eine der größten Herausforderungen der modernen Medizin. Jedes Jahr gibt es in Deutschland über 470.000 Neuerkrankungen. So wie jeder Mensch anders ist, ist auch kein Tumor gleich.

Der beste Therapeut wäre das eigene Immunsystem des Patienten – wenn es den Tumor nur als tödlichen Feind erkennen würde. Um die körpereigenen Killerzellen auf den Krebs aufmerksam zu machen, wird auf ein vertrautes Verfahren zurückgegriffen: die Impfung. Was gegen Kinderkrankheiten wirkt, soll auch den Krebs besiegen! Herkömmliche Impfstoffe bestehen aus unschädlich gemachten Erregern und trainieren das Immunsystem, bestimmte Viren oder Bakterien zu erkennen und auszuschalten. Viele Impfstoffe gegen Krebs wirken auf ähnliche Art und Weise: Das Immunsystem wird mit charakteristischen Bausteinen des Tumors gefüttert, um diesen aufzuspüren und zu vernichten. Wir sprachen mit Professor Philipp Beckhove vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg über die Möglichkeiten der Krebsimpfung.

Die Idee einer Impfung gegen Krebs ist so einfach wie genial – warum ist die Umsetzung so schwierig?

Professor Philipp Beckhove vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg über die Möglichkeiten der Krebsimpfung.

Professor Philipp Beckhove: Das hängt damit zusammen, dass im Immunsystem zwei Kräfte gegeneinander wirken. Einerseits können Immunzellen den Tumor erkennen und attackieren. Andererseits wird die Immunattacke durch Schutzmechanismen gebremst, die dazu da sind, körpereigene Zellen zu schützen, zu denen ja auch Tumorzellen gehören. Jeder Tumor, der sich im Patienten entwickeln konnte, hat diese Bremse bereits aktiviert. Die ersten Impfungen zeigten nicht die erhoffte Wirkung, weil wir noch nicht in der Lage waren, die hemmenden Einflüsse genügend zu unterdrücken. Mittlerweile verstehen wir besser, mit welchen Methoden sich der Tumor tarnt und über welche Rezeptoren sich das Immunsystem selbst abschaltet. Neu zugelassen sind Antikörper, die sich an diese hemmenden Rezeptoren anlagern und sie blockieren. Damit nehmen wir die Bremse aus dem Immunsystem und bekommen recht starke Immunantworten gegen den Tumor. Dieses Prinzip wird bei gewissen Formen des schwarzen Hautkrebses mittlerweile therapeutisch genutzt.

Kann man Patienten damit heilen?

Beckhove: Es geschieht selten, dass Tumore komplett verschwinden. Selbst dann muss man mindestens fünf bis zehn Jahre – bei manchen Tumorarten noch länger – warten, um endgültig von einer Heilung auszugehen. Für so eine Beurteilung ist es heute noch zu früh. Wir können sehr zufrieden sein, wenn sich der Tumor nicht mehr vergrößert oder keine Metastasen bildet. Mit einer guten Lebensqualität kann der Patient auch mit einer Resttumorerkrankung gut leben. Vielleicht führt die Behandlung langfristig zur Heilung. Aber das wissen wir noch nicht.

Welche Zukunft haben Impfungen bei Krebs?

Beckhove: Ich persönlich bin überzeugt, dass die Wirksamkeit einiger Ansätze der Immuntherapie innerhalb der nächsten zehn Jahren gut belegt sein wird. Die Immuntherapie wird sich als feste Säule in der zukünftigen Tumortherapie etablieren. Sehr vielversprechend ist z. B. ist auch die Behandlung mit genetisch veränderten Immunzellen. Die Zellen werden so umgebaut, dass sie Tumorzellen deutlich effektiver erkennen und bekämpfen. Das kann gerade bei fortgeschrittenen Erkrankungen einen deutlichen Effekt haben. Klinische Studien, die bisher ausgewertet wurden, sind sehr ermutigend.

Es gibt Kliniken, die bieten schon Immun-Therapien für Privatzahler an. Was raten Sie Patienten?

Beckhove: Es gibt nur wenige wirkliche Nachweise einer Wirksamkeit für Immuntherapien. Und dann übernimmt die Krankenkasse die Kosten. Alle anderen Therapien konnten bisher nicht zeigen, dass sie helfen. Solange Therapien ihre Wirksamkeit nicht wirklich nachgewiesen haben, gehören sie in die Hände der akademischen Kliniker, wo in kontrollierten klinischen Studien die Wirksamkeit überprüft wird. Patienten sollten durchaus abklären, ob sie an solchen Studien teilnehmen können. Das kann eine gute Möglichkeit sein, um individuell von den Entwicklungen zu profitieren. Aber von Behandlungen unter wissenschaftlich unkontrollierten Bedingungen rate ich ab.

S. Stockmann

Vorbeugende Impfung

Die Idee: Es gibt einige Tumore, die durch eine chronische Infektion ausgelöst oder begünstigt werden. Durch die Impfung sollen bestimmte Viren oder Bakterien an der dauerhaften Besiedlung des Körpers gehindert werden.

Da könnte es klappen: Um Krebs zu verursachen, muss sich der Erreger nach der Infektion im Körper festsetzen, das ist z. B. bei folgenden Tumoren der Fall: Gebärmutterhalskrebs wird durch Humane Papillomaviren verursacht, Magenkrebs durch das Bakterium Helicobacter pylori, Leberkrebs durch Hepatitis-Erreger, aber auch bestimmte Kehlkopfkarzinome werden durch Viren ausgelöst.

Bewertung: Die Impfungen gegen Gebärmutterhalskrebs und Hepatitis B werden von den Krankenkassen bezahlt. Gegen Helicobacter helfen Antibiotika. Andere Impfungen sind noch im Forschungsstadium.

Impfung mit Antigenen

Die Idee: Damit Tumorzellen vom Immunsystem erkannt werden können, müssen sie sich von den normalen Körperzellen unterscheiden. Auf der Oberfläche von Tumoren bilden sich einige Gruppen von Eiweißen in deutlich größerer Anzahl, dazu gehören z. B. bestimmte Wachstumsfaktoren oder auch Antigene, die sonst eigentlich nur in den Fortpflanzungsorganen des Menschen vorkommen. Diese Antigene oder Teile davon werden synthetisch hergestellt und dem Patienten gegeben. (Bei der Autologen Immuntherapie werden Antigene aus dem Tumor des Patienten isoliert, vermehrt und dem Patienten injiziert.)

Da könnte es klappen: Entwickelt wurde diese Methode der Impfung mit bestimmten Antigenen zur Behandlung des schwarzen Hautkrebs. Insgesamt bilden viele Tumore ein charakteristisches Muster an Antigenen aus, das sich für eine Impfung eignen könnte, z. B. Tumore der Brust, der Lunge, des Darms, der Bauchspeicheldrüse, der Eierstöcke oder der Prostata. Das Problem ist: Impft man nur gegen ein einziges Antigen, wird der Tumor dieses nicht mehr herstellen und entgeht so der Immunattacke. Die Impfung sollte daher gegen eine Vielzahl von Antigenen erfolgen, damit der Tumor effektiv angegriffen wird.

Bewertung: Es gibt eine große Anzahl klinischer Studien, die verschiedene dieser Antigene in Impfansätzen testen. Es gibt aber bisher nur wenige Fälle, bei denen tatsächlich in großen Studien die Wirksamkeit nachgewiesen wurde. Medikamente gibt es für Therapien beim schwarzen Hautkrebs sowie bei Prostatakrebs.

Impfung mit dendritischen Zellen

Die Idee: Dendritische Zellen sind Zellen, die die Immunantwort im Körper in Gang bringen. Die dendritischen Zellen nehmen Antigene vom Tumor auf und präsentieren sie dem Immunsystem mit der Botschaft: Gegen dieses Antigen musst du aktiv werden. Damit umgeht man elegant den hemmenden Mechanismus des Immunsystems.

Da könnte es klappen: Die Impfung mit dendritischen Zellen wird bei vielen Krebsarten untersucht. In den USA wurde gerade ein Mittel gegen Prostatakrebs zugelassen. Impfungen gegen den sehr aggressiven Hirntumor Glioblastom zeigen vielversprechende Ergebnisse. Die meisten dieser Patienten bekommen einen Rückfall, der mit der Impfung verhindert oder zumindest verzögert werden soll. In Studien verlängerte sich die Überlebenszeit der Patienten.

Bewertung: Es ist ein sehr aufwendiges Verfahren. Es gibt sehr viele Studien, aber in vielen Fällen waren die Effekte nicht so stark, wie die Forscher gehofft hatten.

sus

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