In Deutschland

Jeder zweite Krebspatient wird geheilt

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Der Radiologe Dr. Walter Heindel deutet am 20.11.2009 im Referenzzentrum Mammographie am Universitätsklinikum Münster (UKM) auf eine Auffälligkeit in einer weiblichen Brust, dargestellt auf einem Computermonitor.

Heidelberg - Die Heilungschancen für Krebspatienten sind aus Expertensicht höher als von der Bevölkerung angenommen.

Krebs zähle zu den Krankheiten, die besonders viel Angst und Schrecken verbreiteten, sagte der Chef des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), Otmar Wiestler, der Nachrichtenagentur dpa in Heidelberg. „Heute ist es aber so, dass dieses sehr negative Image von Krebskrankheiten bei weitem nicht mehr gerechtfertigt ist.“ In Deutschland werde mittlerweile jeder zweite Krebspatient geheilt. Verglichen mit der Gefährlichkeit der Alzheimer-Krankheit sei die öffentliche Wahrnehmung von Krebs falsch, betonte der Experte vom DKFZ. Das Zentrum feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen.

Im Interview der Nachrichtenagentur dpa plädiert DKFZ-Chef Otmar Wiestler für mehr Prävention.

Was sind künftig die wichtigsten Aufgaben des DKFZ?

Wiestler: Die Krebsmedizin steht vor zwei großen Herausforderungen: Erstens Behandlungsmöglichkeiten für die Krankheiten zu entwickeln, die wir heute noch nicht erfolgreich therapieren können. Zweitens: Auch im Jahr 2014 wird jeder zweite Patient erst dann auf seine Krebserkrankung aufmerksam, wenn sie schon relativ weit fortgeschritten ist. Da müssen wir die Öffentlichkeit noch sehr viel besser informieren - denn es gibt mittlerweile viele Möglichkeiten der Früherkennung und auch der Prävention von Krebs. Leider machen nur sehr wenige Menschen davon Gebrauch.

Gibt es noch andere Gebiete, auf denen Sie gern weiter wären?

Wiestler: Wir sind in der Krebsmedizin im Jahr 2014 immerhin so weit, dass jeder zweite Patient geheilt werden kann. Das sind bei 500 000 Neuerkrankungen im Jahr immerhin 250 000 Menschen. Vor 40 Jahren lag diese Zahl noch weit unter 30 Prozent. Auf der anderen Seite ist es natürlich so, dass jeder zweite Patient an der Krankheit stirbt. Da brauchen wir weitere gezielt wirksame Medikamente. Außerdem müssen wir Behandlungen noch sehr viel besser kombinieren. Und wir müssen mit die Grundlage dafür legen, dass die Behandlung künftig sehr viel individueller gestaltet werden kann.

Wie hat sich denn in der Bevölkerung das Bewusstsein für Krebs in den letzten 50 Jahren verändert?

Wiestler: Krebs zählt nach wie vor zu den Krankheiten, die besonders viel Angst und Schrecken verbreiten. Das hat damit zu tun, dass diese Krankheit in früheren Jahren sehr viel häufiger tödlich verlief. Und auch damit, dass die Behandlung einschneidend ist und erhebliche Nebenwirkungen haben kann. Heute ist es aber so, dass dieses sehr negative Image von Krebskrankheiten bei weitem nicht mehr gerechtfertigt ist: Wir heilen in Deutschland inzwischen jeden zweiten Krebspatienten. Frauen, die heute an Brustkrebs erkranken, haben eine 80-prozentige Heilungschance.

Die öffentliche Wahrnehmung ist also verzerrt?

Wiestler: Wenn wir Krebs mit anderen Krankheiten vergleichen wie zum Beispiel mit der Alzheimer-Erkrankung ist diese öffentliche Wahrnehmung falsch. Eine wichtige Aufgabe ist daher die Aufklärung der Öffentlichkeit über Krebserkrankungen. Die Angst ist insofern berechtigt, als dass immer noch viele Krebserkrankungen ungünstig verlaufen. Es ist aber mitnichten so, dass man mutlos sein sollte.

Zur Person

Otmar Wiestler.

Otmar Wiestler ist seit 2004 Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg. Der 57 Jahre alte gebürtige Freiburger studierte Medizin und forschte später unter anderem in San Diego (USA) und Zürich (Schweiz).

Das Deutsche Krebsforschungszentrum

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) mit Sitz in Heidelberg beschäftigt mehr als 1000 Wissenschaftler. Sie erforschen, wie Krebs entsteht, welche Risikofaktoren es gibt und wie verhindert werden kann, dass er ausbricht. Ihre Aufgabe ist es, Methoden zu entwickeln, um Tumore präziser zu diagnostizieren und Patienten erfolgreicher zu behandeln. 2008 bekam DKFZ-Forscher Harald zur Hausen den Medizinnobelpreis für seine Entdeckung, dass menschliche Papillomviren Gebärmutterhalskrebs auslösen. Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesforschungsministerium finanziert und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg.

dpa

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