Der größte Fehler ist, nichts zu tun

Keine Angst vor Erster Hilfe: Was Sie wissen sollten

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Im Notfall ist helfen immer besser als nicht helfen.

München - Erste Hilfe eines Laien kann über Leben und Tod entscheiden. Die tz erklärt die wichtigsten Regeln und sprach mit Professor Christoph Dodt vom Notfallzentrum im Klinikum München.

Die Herzdruckmassage rettet Leben.

Wer einen Notfall hat, muss in Deutschland nicht lange auf die Profis warten: In der Stadt ist der Rettungswagen binnen der ersten acht Minuten vor Ort, selbst auf dem Land dauert es meist nicht länger als bis zu 15 Minuten. Dennoch kann die Erste Hilfe eines Laien über Leben und Tod entscheiden. Bei einem Herzstillstand zählt jede Minute. Wird das Gehirn nicht mehr mit Sauerstoff versorgt, stirbt es sehr schnell ab. Aber viele Ersthelfer haben Angst, etwas falsch zu machen, und warten lieber ab. „Dabei ist nicht helfen der schlimmste Fehler“, sagt Professor Christoph Dodt vom Notfallzentrum im Klinikum München im tz-Interview.

Erste Hilfe: Die wichtigsten Regeln

Nach Schätzungen der Gesellschaft für Anästhesiologie sterben in Deutschland in jedem Jahr rund 10 000 Menschen, weil viele, die als Erste vor Ort sind, die Erste Hilfe verweigern. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern, wo Rettungsmaßnahmen wiederholt in Schulen und am Arbeitsplatz geübt werden, ist bei uns nur für den Führerschein ein Erste-Hilfe-Kurs Pflicht. Da die Übungen dann nie wiederholt werden, geraten sie in Vergessenheit. Tritt der Ernstfall ein, fühlen sich viele Menschen hilflos und haben große Scheu, den Verletzten oder einem Bewusstlosen beizustehen. Das sind die wichtigsten Regeln:

Unbedingt helfen: Erste Hilfe zu leisten, ist eine gesetzliche Pflicht. Wer an einem Autounfall mit Verletzten einfach weiterfährt, macht sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig. Auch wenn eine Person z. B. in der U-Bahn einen Schwächeanfall erleidet, muss man sich um sie kümmern.

Eigene Sicherheit beachten: Wichtig ist, sich nicht selbst in Gefahr zu bringen. Also bei einem Unfall das eigene Auto in sicherer Entfernung abstellen, Warnblinker einschalten, die Warnweste anziehen und nicht einfach auf die Fahrbahn laufen. Dann mit einem Warndreieck die Unfallstelle absichern.

Notruf absetzen: Möglichst rasch 112 wählen.

Atmung kontrollieren: Zuerst sollte man sich um diejenigen Unfallverletzten kümmern, die ganz still sind. Bei Bewusstlosen sollte die Atmung kontrolliert werden, z. B. indem man die eigene Wange an Mund und Nase des Verletzten legt und prüft, ob man den Atemzug auf der Haut spürt. Außerdem sollte man schauen, ob sich der Brustkorb hebt und senkt. Atmet der Patient, kann er in die stabile Seitenlage gebracht werden. Das ist sinnvoll, weil der Mensch im Zustand der Bewusstlosigkeit über keine Schutzreflexe verfügt. Die Muskulatur ist schlaff, weshalb die Zunge bei Rückenlage nach hinten rutschen und die Atemwege verschließen kann. Auch Blut oder Erbrochenes könnten in die Atemwege gelangen, was zum Ersticken führen kann. In der Seitenlage ist es wichtig, den Kopf zu überstrecken. Wiederbelebung: Atmet der Patient nicht, muss der Ersthelfer so schnell wie möglich mit der Herzdruckmassage beginnen. Dazu legt er seine Hände übereinander und drückt etwa in der Mitte des Brustkorbs mindestens fünf Zentimeter tief ein und wiederholt die Bewegung mit einer Frequenz von 100-mal in der Minute. Die klassische Empfehlung sieht vor, nach 30 Stößen zwei Atemzüge in den Mund oder die Nase des Bewusstlosen zu blasen. Wer sich dazu nicht in der Lage sieht, sollte einfach nur die Druckmassage durchführen. Denn sie allein garantiert, dass das Gehirn weiter durchblutet wird. Erst aufhören, wenn der Bewusstlose wieder zu sich kommt, oder die Rettungssanitäter die Wiederbelebung übernehmen. Herzdruckmassage ist körperlich sehr anstrengend, daher ist es sinnvoll, wenn sich Ersthelfer abwechseln.

Motorradfahrer versorgen: Der Helm sollte immer abgenommen werden. Ist der Biker noch ansprechbar, kann er selbst den Helm absetzen. Ist er bewusstlos, müssen die Ersthelfer ihm den Helm vorsichtig vom Kopf ziehen und dabei die Halswirbelsäule stabilisieren.

Schock lindern, Wärme spenden und trösten: Oft erleiden Betroffene einen Schock. Anzeichen sind blasse Haut, starkes Zittern oder Schwitzen. Der Ersthelfer kann die Beine der Person hoch lagern, sie mit einer Decke oder der Rettungsfolie aus dem Verbandskasten zudecken und so wärmen. Der Ersthelfer sollte trösten und beruhigen. Dabei reicht es meist schon, zu versichern, dass man da ist und bald Hilfe kommen wird.

Erste-Hilfe-Kenntnisse erneuern: Der Münchner Professor Christioph Dodt rät, dass gerade ältere Menschen ihre Kenntnisse in Erster Hilfe auffrischen sollten: „Einfach, weil im höheren Alter die Wahrscheinlichkeit eines Herzinfarktes deutlich ansteigt.“ Und man kann mit beherztem Eingreifen dem Partner, einem Freund bzw. einer Freundin das Leben retten.

Man braucht eher Mut als Wissen

tz-Interview mit Prof. Christoph Dodt, Chefarzt Notfallzentrum Bogenhausen

Viele Menschen fürchten, bei der Ersten Hilfe etwas falsch zu machen. Was können Sie Laien raten?

Professor Christoph Dodt: Mein Appell an alle lautet auf den Punkt gebracht: lernen und helfen. Gut wäre es, sich regelmäßig mit den Maßnahmen vertraut zu machen. Es geht vor allem darum, dass man die Scheu verliert, damit man im Ernstfall auch wirklich handelt. Man muss eigentlich gar nicht viel wissen. Zuerst ist es ganz wichtig zu erkennen, wann ein aktives Handeln notwendig ist. Man muss sich vergewissern können, dass ein Patient atmet und dass das Herz schlägt. Immer dann, wenn das Gehirn nicht durchblutet ist, zählt jede Minute. Dann ist es nötig, sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen zu beginnen. Das heißt, man muss aktiv eine Herzdruckmassage machen, falsch wäre es, so einen Patienten in die stabile Seitenlage zu verbringen. Gibt es aktive Blutungen und besteht sogar die Gefahr des Verblutens, müssen diese Wunden mit Druck verbunden werden.

Kann man bei einer Herzdruckmassage viel falsch machen?

Dodt: Das Schlimmste ist, nicht zu handeln und im Zweifelsfall auf eine Herzdruckmassage zu verzichten. Natürlich kann man die Herzdruckmassage optimal machen, aber sie nicht optimal zu machen, ist immer noch besser, als gar nichts zu tun. Und es ist wirklich gar nicht schwer. Oft ist es ja gar kein Unfall, bei dem man helfen muss, sondern ein Mensch erleidet plötzlich einen Herzstillstand. Darum hängen ja jetzt auch in vielen Bahnhöfen und öffentlichen Gebäuden Defis – Defibrillatoren zur Wiederbelebung. Damit kann man bei einem Herzkreislaufstillstand sehr effektiv helfen. Dieser Defi spricht zu dem Benutzer und erklärt ganz genau, was gemacht werden muss.

Was halten Sie von Erste-Hilfe-Apps fürs Smartphone?

Dodt: Es kann hilfreich sein. Aber ich persönlich weiß nicht, ob ich, wenn ich aufgeregt bin, eine App aufrufen kann. Menschen, die Apps verwenden, sind meistens jung. Eigentlich sollten die Angehörigen von Menschen, die gefährdet sind, die wichtigsten Maßnahmen beherrschen. Diese Menschen sind aber meistens eher älter. Ab einem gewissen Alter sollte man einfach darauf vorbereitet sein, dass beim Partner oder einem Bekannten ein Herzstillstand eintreten kann. Dann muss man in der Lage sein, Hilfe zu rufen und sofort mit der Rettung anzufangen.

Prof. Christoph Dodt ist Chefarzt im Notfallzentrum Bogenhausen des Klinikums München

 

Apps

Vielleicht fühlen Sie sich ja mit einem kleinen elektronischen Begleiter sicherer: Es gibt mehrere Apps zur Ersten Hilfe, mit denen man zwischendurch seine Kenntnisse überprüfen kann, die im Notfall aber auch mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen helfen können. Anbieter sind z. B.: das Deutsche Rote Kreuz (0,89 €), Die Malteser (kostenlos), Arbeiter Samariter Bund (kostenlos), Deutsche Herzstiftung (kostenlos).

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