Merkur-Sprechstunde

Kranker Darm: Experten geben Antwort

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Experten auf dem Podium: Prof. Brigitte Mayinger, Prof. Stephan Brand, Prof. Burkhard Göke und Prof. Wolfgang Schmitt (v. li.) beantworteten die Fragen der Leser.

Was hilft, wenn der Darm krank ist? Was dürfen Patienten essen? Die Besucher der Merkur-Sprechstunde zu chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) hatten viele Fragen.

Hier eine Auswahl der Experten-Antworten. Noch mehr Leserfragen und Antworten finden Sie hier: Thema Darm: Experten geben Antwort.

Wie stellt man eine beginnende Darmentzündung fest? Wie sicher lässt sich die Diagnose stellen?

Prof. Mayinger: Wichtig für die Diagnose ist zunächst die Krankengeschichte, zu der unter anderem Art und Beginn der Symptome, Vorerkrankungen und Vormedikation gehören. Dann folgt eine Stuhluntersuchung, ein Ultraschall des Bauchs und eine Darmspiegelung mit Entnahme von Gewebeproben. Damit lässt sich die Diagnose in aller Regel zu 90 Prozent sichern.

Was sind die Auslöser chronischer Darmentzündungen?

Prof. Schmitt: Das weiß man heute immer noch nicht. Möglicherweise ist es am Anfang eine bakterielle Infektion, welche zu einer Entzündung führt. Diese verselbstständigt sich dann und es kommt zu einer deregulierten Entzündung mit Autoimmun-Phänomenen (Anm. d. Red.: Bei einer Autoimmunreaktion richtet sich das Abwehrsystem gegen Strukturen des eigenen Körpers). Es gibt sehr viele Theorien, aber keine Beweise.

Ich nehme seit zwei Jahren Azathioprin, die Beschwerden haben sich aber nicht gebessert. Gibt es eine Alternative, evtl. auch aus der Naturheilkunde?

Einblick in ein verborgenes Organ: Eine Frau informiert sich in einem begehbaren Modell über den Darm.

Prof. Brand: Wenn sich Ihre Beschwerden auch nach zweijähriger Azathioprin-Therapie nicht gebessert haben oder sogar zugenommen haben, muss man in den meisten Fällen (sowohl bei der Colitis ulcerosa als auch beim Morbus Crohn) auf eine Therapie mit Anti-TNF-Antikörpern (zum Beispiel Infliximab oder Adalimumab) wechseln. Alternative Medikamente aus der Naturheilkunde sind in solchen Fällen meist nicht ausreichend, können aber unterstützend eingesetzt werden. Antientzündliche Naturheilmittel sind zum Beispiel Weihrauch, Heidelbeersaft, Myrrhe, Flohsamen und Mittel der Traditionellen Chinesischen Medizin wie Gelbwurz (Curcuma) und Ingwer. Große überzeugende Studien zu diesen Mitteln fehlen aber meist. Die überzeugendsten Effekte haben sich für Probiotika wie dem Bakterium E. coli Nissle 1917 bei der leichten Colitis ulcerosa gezeigt.

Ich habe gehört, dass bei Morbus Crohn ein Schmerzmittel (kein Kortison) hilft, das auch bei starken Gelenkbeschwerden eingesetzt wird und entzündungshemmend wirkt.

Prof. Göke: Sie meinen wohl das „alte“ Sulfasalazin, das auch vom Rheuma-Arzt eingesetzt wird. Es wird immer noch bei leichtem bis mittleren Dickdarmbefall für bestimmte Patienten genutzt. Wir warnen aber vor dem Einsatz sogenannter „NSAR“ (nichtsteroidaler Antirheumatika) wie Ibuprofen und Diclophenac: Das sind CED-Schubauslöser.

Ich habe von einer Behandlung mit den Eiern eines Schweinewurms gehört. Gibt es Studien? Wie sind die Erfolgschancen? Wo gibt es die Therapie?

Prof. Brand: Es gibt erste Ergebnisse aus Pilotstudien mit den Eiern des Schweinebandwurms (Trichuris suis ovar, TSO), die sowohl für den Morbus Crohn als auch für die Colitis ulcerosa einen günstigen Effekt zeigen, obwohl aus Forschungsarbeiten eher ein Effekt beim Morbus Crohn als bei der Colitis ulcerosa zu erwarten ist. Momentan läuft in Deutschland dazu eine größere Studie der Firma Dr. Falk Pharma GmbH bei Patienten mit Morbus Crohn. Informationen zur Studie und teilnehmenden Studienzentren sind über die Firma (www.drfalkpharma.de) erhältlich. Erst nach Abschluss der Studie wird man die Erfolgschancen der Therapie besser beurteilen können.

Ich habe Morbus Crohn, nehme zurzeit keine Medikamente. Ich habe oft Aphthen im Mund, Gelenkbeschwerden, Sehnenentzündungen, schmerzhafte Schwellungen an Knöchel und Knie.

Prof. Schmitt: Diese Symptome sind durchaus in Zusammenhang mit dem Morbus Crohn zu sehen. Man spricht von einer extraintestinalen Symptomatik. Die Behandlung besteht in der Therapie der Grunderkrankung. Je nach Situation kann mit Steroiden, Immunsuppressiva oder TNF-alpha-Blockade behandelt werden. Da Ihr Fall offenbar komplex ist, sollten Sie sich an einen erfahrenen Gastroenterologen wenden.

Welche Speisen sollte man bei einer chronischen Darmentzündung mit Neigung zu Durchfall meiden?

Prof. Mayinger: Bei den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen im entzündungsfreien Schub gelten die allgemeinen Regeln zur gesunden Ernährung. Auch krankheitsbedingte Mangelzustände (Eiweiß, Calcium- und Vitamin-D-Mangel) sollten ausgeglichen werden. Dazu sollte man vermehrt auf eine abwechslungsreiche Kost mit viel Eiweiß, Vitaminen und Mineralstoffen (Calcium, Zink etc.) achten. Während eines schweren Schubs muss der Darm entlastet werden. Dies kann zum Beispiel durch Sonden- oder Trinknahrung erfolgen, die alle Nähr- und Wirkstoffe, aber keine Ballaststoffe enthält und rückstandslos vom oberen Dünndarm aufgenommen wird. Nachdem sich die Beschwerden gebessert haben, stellt man langsam wieder auf feste Kost um.

Bei einer leichten Entzündung mit Durchfall kann es zudem hilfreich sein, auf Milchzucker (Lactose) und Fruchtzucker (Fructose) zu verzichten, da diese den Durchfall vorübergehend zusätzlich verstärken können. Die wichtigste Empfehlung bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen: Essen Sie alles, was Ihnen bekommt! Keiner kann sagen, welche Nahrungsmittel und Zubereitungsmethoden Sie gut vertragen und und welche zu massiven Beschwerden führen. Das finden Sie am einfachsten mit Hilfe eines Ernährungstagebuchs heraus. Schreiben Sie auf, was sie gegessen haben und ob sie Beschwerden hatten. Nach kurzer Zeit werden Sie feststellen, was Ihnen nicht bekommt. Diese Nahrungsmittel sollten Sie meiden. Nach einigen Wochen können sich solche Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten aber auch bessern. Häufig schlecht vertragen werden: Hülsenfrüchte, rohes Gemüse, Zitrusfrüchte, Sauerkraut, Zwiebeln, fette und saure Speisen und Milch (bei Milchzucker-Unverträglichkeit), sowie Obstsäfte bei Fruchtzucker-Unverträglichkeit (insbesondere Zitrusfruchtsäfte). Eine pauschale Empfehlung lässt sich daraus nicht ableiten – jeder Patient reagiert anders.

Gibt es alternative Heilmethoden zu einer Behandlung mit Kortison?

Prof. Göke: Kortison wird ohnehin nur bei einem akuten Schub empfohlen, nicht zur Dauertherapie. Alternativen: Bei leichter Colitis ulcerosa kommen 5-ASA-Präparate und/oder Probiotika zum Einsatz, bei schwerer CED Azathioprin (braucht einige Wochen bis zur Wirkung) oder Anti-TNF-Antikörper.

Sind die Blutwerte bei einer Darmentzündung immer verändert?

Prof. Mayinger: Leider nein. Es gibt aber einen Stuhltest, mit dem sich eine Entzündung im Darm erkennen oder ausschließen lässt: die Bestimmung von Calprotectin im Stuhl. Dieser Test ist aber nicht spezifisch für chronisch entzündliche Darmerkrankungen und fällt auch bei anderen entzündlichen Darmveränderungen positiv aus, etwa bei infektiöser Colitis, bei Durchblutungsstörungen des Darms und Dickdarmkrebs.

Die Experten:

Prof. Brigitte Mayinger leitet die Medizinische Klinik II des Klinikums München-Pasing.

Prof. Burkhard Göke ist Direktor des Klinikums der LMU München und leitet die Medizinische Klinik II des Klinikums Großhadern.

Prof. Stephan Brand ist Oberarzt am Klinikum Großhadern und CED-Spezialist.

Prof. Wolfgang Schmitt leitet die Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie am Städtischen Klinikum München-Neuperlach.

Weitere Antworten auf die Leserfragen finden Sie hier und unter www.merkur.de unter der Rubrik „Service“.

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Thema Darm: Experten geben Antwort

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