Nach tz-Bericht

Große Diskussion um Kamera-Überwachung in Heimen

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München - Videokameras in Pflegeheimen? Die Forderung des Sozialexperten Claus Fussek in der tz sorgt für mächtig Wirbel in der Branche.

Würden Filmaufnahmen wirklich Missstände in den Einrichtungen verhindern? Viele Leser meldeten sich in der Redaktion, unterstützen den Vorschlag des Kritikers. Andere hingegen halten die Idee für schlichtweg „absurd“ und gar für „menschenverachtend“.

Sozialexperte fordert: Kameras in Pflegeheime!

Ein Gegner der Überwachung ist der Chef des Kreisverwaltungsreferats (KVR), Wilfried Blume-Beyerle: „Ich bin sehr überrascht über die Äußerung von Herrn Fussek und finde den Vorschlag geradezu abenteuerlich “, sagte der KVR-Chef zur tz. „Es geht doch hier auch um den Schutz von Pflegebedürftigen, auch um deren Privatsphäre. Kameras kommen daher gar nicht in Frage.“ Zudem müsste ja Personal diese Aufnahmen überwachen. Wer solle dies machen? „Herr Fussek klagt doch immer über Personalmangel in den Heimen.“ Zudem hätten viele Menschen eh Angst vor den Häusern, eine Überwachung würde diese Furcht nur unterstützen. Blume-Beyerle: „Außerdem kontrolliert unsere Heimaufsicht die Heime genau und auch immer unangemeldet.“

Auch beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MdK) steht man Fusseks Forderung eher kritisch gegenüber: „Das ist eine sehr problematische Notfalllösung, die aufzeigt, wie verzweifelt die Situation ist. Auch der MDK stellt fest, dass in einer Nachtschicht bis zu 60 Heimbewohner von einer Pflegekraft versorgt werden“, sagt Chefin Dr. Ottilie Ranzio. Gesetzliche Regelungen zur Besetzung des Nachtdienstes gebe es nicht.

„Schon der gesunde Menschenverstand sagt, dass die Versorgung nicht mehr sichergestellt werden kann, sobald zwei Pflegebedürftige gleichzeitig Hilfe benötigen. Videoüberwachungen lösen nicht das personelle Problem in der Nacht. Sie könnten allenfalls helfen, die Missstände aufzudecken.“ Es gebe sicher menschlichere und weniger in das Persönlichkeitsrecht eingreifende Optionen als die totale Überwachung, so Ranzio.

Der Nürnberger Rechtsanwalt Markus Hagge, Experte in Seniorenrecht, sieht das anders: „Herr Fussek hat recht: Wir brauchen mehr Ehrlichkeit in den Heimen. In manchen Einrichtungen ist die Personalsituation untragbar. Ich werde täglich mit solchen Problemen konfrontiert. Wie sollen zum Beispiel drei Pflegekräfte mehr als 150 Bewohner versorgen können? Aber genau das kommt vor.“ Um Missstände aufzudecken, sollten alle legalen Mittel ausgeschöpft werden. „Bei einer wirksamen Einwilligung des Heimbewohners wäre die Beobachtung seines Zimmers durch Kameras möglich. Wer sich für menschenwürdige Pflege engagiert, muss kreativ sein.“

Also wären Kameras doch legal? Fussek betonte gestern nochmals, dass es ihm mit seiner Forderung nicht darum gehe, Personal zu beobachten und zu überwachen. „Es geht hier darum, an den unerträglichen Zuständen endlich etwas zu ändern. Dadurch, dass man sie zeigt!“

Armin Geier

Das sagen die tz-Leser

Telefonanrufe, E-Mails, Briefe – viele tz-Leser (darunter viele Pflegekräfte) meldeten sich gestern in der Redaktion, um ihre Meinung über die Video-Diskussion kundzutun. Hier eine kleine Auswahl:

Ja, Kameras anbringen

Helga Althaus, Germering: "Ich frage mich, wieso ein Pflegeplatz im Doppelzimmer bei Pflegestufe 2 bis zu 3700 Euro kosten kann, wenn angeblich zu wenig und schlecht bezahltes Personal vorhanden und die Pflege mehr als mangelhaft ist? Ich habe meine Mutter nach zwei Jahren Pflegeheim zu mir nach Hause genommen, weil ich nicht mehr mitansehen konnte wie sich ihr Zustand verschlechtert hatte. Videoüberwachung wäre mehr als angebracht, auch um die Pfleger zu rehabilitieren, die ihre Arbeit gut machen."

Wir alle sind gefragt

Martina Lenzen: "Es ist ein Armutszeugnis für unser Land, dass wir tatsächlich zum Wohle der pflegebedürftigen und dementen Menschen überlegen müssen, zu einem Überwachungsstaat zu werden. Die Frage ist allerdings, was denn nachhaltig passiert, wenn die Missstände dann für jeden offensichtlich werden: Kurzeitige Empörung. Der beste Schutz für Menschen ist, dass man zu ihnen geht. Wir werden immer zu wenig Pfleger und Betreuer haben. Und so ist die Bevölkerung gefragt. Als Lehrerin kann ich sagen, dass die Altenbetreuung sehr entspannt sein kann: Da muss niemand mehr erzogen werden, sondern einfach nur liebevoll aus dem Leben begleitet. Fangen wir jetzt an. Sich empören und anklagen ist nicht genug."

Das macht mir Angst

Helmut Perler: "Die Vorstellung von Videokameras in Heimen macht mir ehrlich gesagt Angst. Das klingt nach einem Überwachungs-staat. Wo bleibt hier die Würde der alten Menschen? Man sollte dringend versuchen die Probleme in der Pflege anders zu lösen: Durch mehr qualifiziertes Personal – nicht durch eine 24-Stunden-Beobachtung."

Kein Vertuschen mehr 

S. Lang: "Diese Lösung mit den Kameras wäre generell betrachtet nicht schlecht: Fehler, falsche Pflege und unterbesetzte Stationen könnten durch Kameras nicht mehr verheimlicht oder vertuscht werden und würden dadurch sicher schnell weniger werden."

Das ist absurd! 

P. Mayer, München: "Claus Fusseks Idee ist absurd und widerspricht wirklich allem, was unsere Demokratie ausmacht."

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