Schock in der Schwangerschaft

Leukämie: Wie Nicole zweimal den Krebs besiegte

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Glückliche Mama: Nicole Schropp mit ihrem David.

München - An Weihnachten bekam Nicole Schropp (31) während der Schwangerschaft von ihren Ärzten eine Albtraum-Diagnose: Leukämie! Heute, nach fünf Chemotherapien, ist Nicole geheilt – und ihr Zwergerl David pumperlg’sund.

„Wenn ich meinen Sonnenschein sehe, dann bin ich einfach nur dankbar – für jeden einzelnen Moment.“ (Nicole Schropp über ihren knapp siebenmonatigen Sohn David)

Später einmal, in ein paar Jahren, wird der kleine Mann verstehen, warum er für seine Eltern gleich in doppelter Hinsicht der größte Glücksfall ist. Denn als seine Mama mit ihm schwanger war, da geriet plötzlich ihr ganzes Leben aus den Fugen. An Weihnachten bekam Nicole Schropp (31) von ihren Ärzten eine Albtraum-Diagnose: Leukämie! Heute, nach fünf Chemotherapien und mehreren Monaten im Krankenhaus, ist Nicole geheilt – und ihr Zwergerl David pumperlg’sund.

Gemeinsam mit Papa Michael sind sie an diesem Samstag zu Gast im Fernsehen und damit in Millionen Wohnzimmern. In der Show Willkommen bei Carmen Nebel (ab 20.15 Uhr; ZDF) erzählen die Schropps ihre bewegende Geschichte. Sie möchten anderen Patienten Mut machen und um Unterstützung für die Deutsche Krebshilfe bitten. Die tz hat Nicole vor der Gala getroffen.

Besuch in Burggen-Tannenberg, einem idyllisch gelegenen Weiler bei Schongau. Nicole Schropp hält ihren David auf dem Arm. Der kleine Mann lacht, schaut sich neugierig um – Zeit für ein Busserl und ein Kompliment: „David hat mir während meiner Erkrankung sehr geholfen. Dank ihm ist meine Krebserkrankung in den Hintergrund gerückt. Als Mutter kann man sich gar nicht so sehr gehen lassen, weil man ja in erster Linie für sein Baby da sein möchte. Ich hatte ein anderes Ziel, als von Chemo zu Chemo zu denken.“

„Ich habe mich gleich gut aufgehoben gefühlt.“ Krebspatientin Nicole lag mehrere Monate im Uniklinikum Großhadern.

Nicole ist eine Kämpferin – und ihr Fall umso ermutigender, weil sie sich auch von Rückschlägen nicht unterkriegen ließ. Den Krebs konnte sie bereits zwei Mal besiegen. Vor einigen Jahren hatten die Ärzte eine bösartige Wucherung an der Schilddrüse entfernt. Sie galt als gesund, nichts sprach gegen das erste Kind. Auch die ersten Schwangerschafts-Monate verliefen reibungslos. Bis zu einem Vorsorgetermin im Dezember 2013. Das Protokoll einer Krebserkrankung:

Freitag, 20. Dezember: Der Frauenärztin gefallen die Blutwerte nicht. Sie tippt zunächst auf eine Schwangerschaftsvergiftung. Trotzdem macht sich Nicole, die in einer Apotheke arbeitet, keine großen Sorgen: „Ich habe mich gut gefühlt, nicht an eine schwere Erkrankung gedacht – schon gar nicht an Leukämie.“

Montag, 23. Dezember: Die Frauenärztin rät zu einer genauen Analyse im Krankenhaus. Die Schropps fahren noch am selben Morgen nach Großhadern. In der Uniklinik war sie bereits wegen ihrer Schilddrüse behandelt worden. Die Ärzte stellen Nicole diagnostisch auf den Kopf. Auch über die Feiertage muss sie täglich in die Klinik kommen.

Dienstag, 24. Dezember: Die Schropps feiern fröhlich Weihnachten. „Noch an Heiligabend habe ich mir gedacht: Das wird schon nix Schlimmes sein.“

Freitag, 27. Dezember: Die Ärzte machen eine Knochenmarkspunktion. „Dabei sticht der Arzt an einem kleinen Höcker am Gesäß eine Nadel ein und entnimmt etwas Knochenmark. Dann wird das Material in einem Speziallabor genau untersucht“, erklärt Nicoles leitender Arzt Professor Dr. Wolfgang Hiddemann.

Nach der Untersuchung darf Nicole wieder heim. „Wir sind kaum zur Haustür hereingekommen, da klingelte das Telefon: Der Arzt hat erst etwas herumgedruckst. Ich habe ihn dann praktisch gezwungen, mir endlich zu sagen, was los ist.“ Leukämie! Genauer gesagt: akute myeloische Leukämie. „Diese Form der Erkrankung trifft in Deutschland jährlich etwa 4000 Menschen“, weiß Professor Hiddemann.

Noch am Telefon kommen Nicole die Tränen. „Ich war geschockt, fand es ungerecht. Ich hatte doch schon mal Krebs. Erst war ich traurig, dann wütend und hätte die ganze Einrichtung zerlegen können.“ Zum Glück hat sie Michael. „Er war für mich da. Mein Ruhepol, eine große Stütze.“

Samstag, 28. Dezember: Nicole wird stationär aufgenommen. „Ich habe mich in Großhadern gleich gut aufgehoben gefühlt.“ Ein ganzes Ärzte-Team kümmert sich um die Schwangere – darunter nicht nur Onkologen und Gynäkologen, sondern auch ein Neonatologe, ein Experte für Neugeborenen-Medizin. „Im Kampf gegen den Krebs versuchen wir heute, das Fachwissen verschiedener Spezialisten zu bündeln. Wir beraten in Tumorkonferenzen gemeinsam darüber, wie wir die Patienten am besten behandeln können“, erklärt Hiddemann. „Für Nicole war diese Strategie besonders wichtig, weil sie ja auch ein Kind erwartete.“

Das große Problem: Die Schwangerschaft befand sich erst in der 24. Woche. Was tun? Das Baby jetzt schon auf die Welt zu holen, wäre mit einem hohen Risiko verbunden. Weil der Neonatologe mit den Eltern offen und ehrlich über alle Aspekte einer ex­trem frühen Entbindung redet, kann er ihnen furchteinflößende Details nicht ersparen. „Wir erfuhren, dass unser Baby nach dem Kaiserschnitt sofort in eine Art Frischhaltefolie eingewickelt würde, weil seine Haut noch nicht weit genug entwickelt wäre“, erinnert sich Nicole. Auch für die Mutter selbst wäre die OP riskant gewesen. Wegen ihrer schlechten Blutgerinnung hätten die Ärzte nicht ausschließen können, dass sie die Gebärmutter entfernen müssen.

So entscheidet sich Nicole mit ihren Ärzten, es mit einer Chemotherapie zu versuchen – mit dem Baby im Bauch.

Dienstag, 31. Dezember: Die junge Frau kommt in sogenannte Umkehrisolation, weil ihr Immunsystem stark geschwächt ist. „Das bedeutet: Jeder, der zu mir ins Zimmer wollte, musste sich Mundschutz, Handschuhe und Kittel anziehen. Auch mein Mann. Man darf sich keinen Kuss geben, soll sich nicht einmal berühren. Das war das Schlimmste für mich.“

Freitag, 3. Januar: Die Chemotherapie beginnt. Um Mutter und Kind zu schonen, klügeln die Ärzte eine spezielle Behandlungsstrategie aus. Nicole bekommt die beiden Wirkstoffe – vereinfacht ausgedrückt – verdünnt und gestreckt. Sieben Tage lang Infusionen, rund um die Uhr. „Man wartet regelrecht darauf, dass es einem schlecht geht. Aber ich hatte Glück: Mir ging es eigentlich nie richtig schlecht.“ Kleiner Wermutstropfen: Fünf Tage nach Abschluss der Behandlung fallen ihr die Haare aus.

Auch das ungeborene Baby entwickelt sich gut. Jeden Tag kommt eine Hebamme in Nicoles Zimmer. Sie überprüft mit einem Wehenschreiber (CTG) und manchmal auch mit einem Ultraschallgerät die Herztöne.

Dienstag, 4. Februar: Die Chemo hat angeschlagen, die Blutwerte normalisieren sich. Die 31-Jährige darf für zwei Wochen nach Hause.

Dienstag, 18. Februar:  Nicole kommt zur Entbindung zurück in die Klinik. Die Ärzte machen einen Kaiserschnitt, er verläuft komplikationslos. „David hat gleich geschrien. Sie haben ihn mir gezeigt und gesagt, dass alles in Ordnung sei. Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen“, erzählt Nicole. Ihr Zwergerl wiegt 1640 Gramm.

Dienstag, 25. Februar: Während David auf der Frühchenstation liegt, beginnt Nicole ihre zweite Chemo. Sie braucht diesmal nur einen Wirkstoff, die Infusionen sind seltener und kürzer. So kann sie zwischen ihrem Zimmer und Davids Bettchen pendeln. „Ich hatte jetzt eine Aufgabe, das hat mir unheimlich gut getan.“

In den nächsten Monaten muss Nicole noch drei weitere Chemos durchziehen, um das Rückfallrisiko gering zu halten. „Zwischendrin gab’s mal einen Schocktag. Da vermuteten die Ärzte, dass die Krankheit zurückkommt. Meine beiden Schwestern haben sich untersuchen lassen, ob sie als Knochenmarkspenderinnen infrage kämen.“ Aber nach einigem Bangen entpuppt sich die Befürchtung als falscher Alarm.

Sommer 2014: Inzwischen steht fest, dass sich alle Blutwerte normalisiert haben. Nicole gilt als geheilt!

Die Angst vor einem Rückfall – sie lässt sich natürlich nie ganz ausblenden. „In den ersten zwei Jahren gibt es eine gewisse Gefahr“, weiß Nicole. „Aber wenn diese Zeit überstanden ist, sind die Chancen groß, dass die Leukämie nie mehr wiederkommt. Und ich weiß auch: Selbst wenn noch einmal etwas sein sollte, dann kann man etwas dagegen tun. Ich bin der Erkrankung nicht hilflos ausgeliefert.“ Eine Botschaft an alle Leidensgenossen, die Nicole und auch ihren Großhaderner Ärzten ganz wichtig ist: „Es lohnt sich zu kämpfen!“

Andreas Beez

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